Mit Selfie-Stick: Erster Online-Liederabend der IHWA

Julian Prégardien, Foto: Marco Borggreve

Die Internationale Hugo-Wolf-Akademie (IHWA) hat ihren ersten Online-Liederabend veröffentlicht. Jürgen Hartmann besuchte das virtuelle Konzert und berichtet Ute Harbusch von seinen Eindrücken.

Ute Harbusch: Lieber Jürgen, wie lief das Online-Konzert ab?

Jürgen Hartmann: Es war eine Abfolge sehr unterschiedlicher Episoden, wobei das musizierte Repertoire noch am ehesten einem geschlossenen Liedprogramm entsprach: Schubert und Schumann als Schwerpunkte, plus Berg, ein wenig von Beethoven und Mozart sowie Volkslieder. Die Episoden waren mit insgesamt zehn Liedkünstlern an verschiedenen Orten aufgezeichnet worden. Verknüpft wurden die Abschnitte von kurzen Moderationen der Intendantin der Hugo-Wolf-Akademie, Cornelia Weidner. Online gab es ein klassisches Programmheft mit den Liedtexten und Künstlerbiographien. Bei Youtube, wo ich es mir live angesehen habe, war es außerdem für die Zuschauer möglich, den Ablauf zu kommentieren. Das war aber nicht sehr ergiebig.

Ute Harbusch: Welche Episode hat dir am besten gefallen?

Jürgen Hartmann: Das ist schwer zu sagen, weil sie so unterschiedliche Ansätze hatten. Musikalisch war alles erstklassig, von der Präsentation her aber gab es eine überraschende Bandbreite. Anfangs saß ein Gitarrist auf seinem Küchentisch und sang, gemeinsam mit einem aus der Ferne eingeblendeten Sangeskollegen. Da dachte ich zunächst: Geht gar nicht. Es gab auch ganz klassisch präsentierte, fast strenge Abschnitte, da dachte ich: Ach, wie schön. Dazwischen Freiluftgesang mit Nebengeräuschen, aufgenommen mit Selfie-Stick. Das hatte etwas Rührendes, einerseits, denn man hat ja früher gern beim Wandern gesungen, und das Hauskonzert hat eine lange, schöne Tradition. Problematisch scheint mir, dass die hohe Professionalität durch allzu improvisierte und auch etwas amateurhafte Darbietung Schaden nimmt. Aber man muss auch umgekehrt fragen, ob auf diese Weise nicht der professionelle Anspruch auch weiterverbreitet wird, das wäre nun wieder gut. Darauf habe ich noch keine Antwort. Also, am besten gefallen hat mir jedenfalls das Hauskonzert in Julian Prégardiens Wohnzimmer, er hat seine Schubert-Lieder wirklich ganz wunderbar gesungen.

Ute Harbusch: Lässt sich aus den Online-Experimenten etwas lernen für den klassischen Konzertbetrieb?

Jürgen Hartmann: Da bin ich mir unsicher. Zumindest bedeutet diese meine Unsicherheit schon mal, dass man solche Experimente nicht so routiniert rezensieren kann wie die Konzerte, die wir bisher kannten. Eine solche Reihe von sehr guten Liedkünstlern in nur einer guten Stunde zu erleben, war natürlich ein ungeheurer Luxus, der womöglich Begehrlichkeiten weckt, die im traditionellen Konzertbetrieb nicht zu befriedigen sind. Aber gerade Liedprogrammen täte solche Abwechslung schon auch gut. Das Singen beim Spaziergang oder die anrührende Intimität eines Hauskonzerts sind nicht kompatibel mit dem Konzertwesen, das wir gewohnt sind und das ja auch wirtschaftliche Zwänge kennt. Mich lässt das ein wenig ratlos zurück, muss ich eingestehen. Was man lernen kann, wäre vielleicht, dass man hohes musikalisches Niveau immer auch hochgradig professionell präsentieren sollte. Dieser Anspruch war noch nicht eingelöst.

Der Online-Liederabend der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart ist hier zu erleben: https://www.ihwa.de/index.php/de/liedbuehne

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