Die Tipps des Jahres

Kirill Serebrennikov am Stuttgarter Schlossplatz, Foto: Dominique Brewing

Wenn die Kesseltöne in Serie gehen, finden Sie hier täglich einen Veranstaltungstipp. In dieser ersten Ausgabe stellen die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Kesseltöne e.V. ihre persönlichen Highlights des Jahres vor.

Das “Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum” hat damit angefangen: Seit 2002 versucht es, die Kluft zwischen öffentlichem und privatem Raum zu schließen. In dieser Saison konnte man im SSB-Bus und an verschiedenen Haltestellen die Verwandlung von fünf Gregor Samsas „Vorher/Nachher“ verfolgen. Das Theater Rampe hat mit “How to Sell a Murder House” im ehemaligen IBM-Garden Campus in Vaihingen kürzlich gezeigt, wie man ein leerstehendes Gebäude als Theater umnutzt. Nun wird es ab 11. Juli auf dem nahe gelegenen Marienplatz mit „The European House of Gambling“ eine Mischung aus Spielhölle, Schaubude und Kampfarena aufstellen und Themen wie soziale Gerechtigkeit verhandeln. Dies könnte auch Menschen anziehen, die die heilige Guckkastenbühne eher abschreckt. www.theaterrampe.de

Petra Heinze

 

Dass Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ keineswegs nur für kleine Kinder gut ist, hat an der Oper Stuttgart schon die letzte Inszenierung des Stücks durch Johannes Schaaf bewiesen. Nun kommt Kirill Serebrennikov. Seine packende, betont politische Aufbereitung von Richard Strauss‘ „Salome“ war ein Publikumshit und konnte etliche Kritikerpreise einheimsen. „Hänsel und Gretel“ setzt Serebrennikov mit Kindern aus einem Dorf in Ruanda ins Bild: Um ihre Träume von einem besseren Leben soll es gehen. Studenten der Ludwigsburger Filmakademie begleiten die Kinder von ihrer Heimat zu ihrem ersten Flug bis nach Deutschland, ihre Filme werden Teil der Inszenierung. Der Auftakt zur letzten Stuttgarter Saison unter der Intendanz von Jossi Wieler könnte spannend werden. Am 22. Oktober ist Premiere. www.oper-stuttgart.de

Susanne Benda

 

Schon als kleines Kind und als Heranwachsende wollte ich Dirigentin werden. Vielleicht ausgelöst durch meinen Vater, den ich im Frack toll fand und der viele unterschiedliche Instrumente zu einem wunderbaren Klang bringen konnte. Leider bin ich ein Kriegskind und so fehlten die Mittel, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Bei meinen Konzertbesuchen habe ich immer darauf gewartet, ein weibliches Wesen am Pult zu erleben. Nun ist es am 27. November soweit: Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert in der Stuttgarter Liederhalle das City of Birmingham Symphony Orchestra. Als Chefdirigentin dieses großartigen Orchesters, das Sprungbrett für namhafte Dirigenten wie Sir Simon Rattle und Andris Nelson war, hat die junge Litauerin alle Chancen, sich in der bisher von der Männerwelt besetzten Domäne zu behaupten. Ich fiebere diesem Ereignis entgegen und vielleicht tun Sie es mir gleich. www.sks-russ.de

Jutta Wilfert

 

Das jährlich stattfindende Musical im Alten Schauspielhaus ist der David unter den Goliaths der Musical-Produktionen und seit Jahren meine Empfehlung für die Winterzeit. Keine Hochglanz-Shows, sondern mit viel Liebe und Engagement inszenierte Musical-Klassiker und eigens geschriebene Stücke. Ob „My Fair Lady“, die Dreigroschenoper, „La Cage aux Folles“ oder zuletzt „Tanz auf dem Vulkan“, nominiert für den Monica-Bleibtreu-Preis, es hat sich immer gelohnt. Dieses Jahr wird vom 8. Dezember bis 24. Januar 2018 „Cabaret“ gespielt. Ich freu mich drauf. www.schauspielbuehnen.de

Matthias Koerber

 

Als das Eclat Festival noch den Namen „Tage für Neue Musik“ trug und im alten, charmant verratzten Theaterhaus in Stuttgart-Wangen residierte, war es „der“ Treffpunkt der Neue-Musik-Freaks. Man war quasi familiär unter sich. Seitdem das Festival im neuen Theaterhaus auf dem Stuttgarter Pragsattel zu Hause ist, hat es sein Gesicht sehr verjüngt. Eclat ist heute offen für ungewöhnliche Konzepte, aber nicht blind dem Jugendwahn verfallen und lockt vielleicht auch deshalb mehr denn je junges Publikum aus den unterschiedlichsten Kunstrichtungen an. Der Begriff „Avantgarde“ bekommt hier einen ganz neuen Klang, denn im Festivalkonzept inbegriffen ist das Recht zum Scheitern auf hohem Niveau. Nach der Ausgabe 2017 mit Komponistinnen und Komponisten der Millennial-Generation bin ich schon jetzt auf die Ausgabe 2018 vom 1. bis 4. Februar gespannt. www.eclat.org

Annette Eckerle

 

Gleich zwei zeitgenössische Opernpremieren schließen Jossi Wielers letzte Saison als Stuttgarter Opernintendant ab – eine davon ist, was unter Musiktheatermachern als schwierig gilt – eine Kombination von zwei Einaktern. Regisseurin Andrea Breth bringt am 26. April 2018 „Der Gefangene“ von Luigi Dallapiccola und „Das Gehege“ von Wolfgang Rihm auf die Bühne. Dallapiccolas in der Mitte des 20. Jahrhunderts komponierte Kurzoper könnte zum Nachdenken darüber anregen, inwieweit Musiktheater oder gar die Kunst im Allgemeinen sich zur politischen Stellungnahme eignen, galten dieser Komponist und insbesondere dieses Werk doch lange als Ikonen der Linken. Auch in „Das Gehege“, 2006 uraufgeführt, geht es um Gefangenschaft – hier jedoch ins Paradoxe gewendet, Liebe mit Mord, Stärke mit Hingabe verknüpfend. Warum ist der Mensch so? Weil die Liebe nun mal bitter schmeckt? www.oper-stuttgart.de

Jürgen Hartmann

Die Musikzeitung Kesseltöne: Ein Satellit der Zeitungswelt

Unsere Redakteurin Petra Heinze, Foto: Rüdiger Schestag

Unsere Redakteurin Petra Heinze, Foto: Rüdiger Schestag

Von Petra Heinze

Künftig möchten wir Ihnen hier jeden Tag einen Veranstaltungstipp geben. In dieser Nullausgabe erläutern wir stattdessen, warum wir die Musikzeitung Kesseltöne gegründet haben und wo wir damit hin wollen.

„Eigentlich sollte man die Kritiken von Herrn E. gar nicht mehr lesen. Er lässt selbst die wundervollsten Konzerte allenfalls wie eine nette Provinzvorstellung aussehen“, ärgert sich Frau A. „Das finde ich gar nicht so schlimm.“, kontert Frau G., die mit ihr zusammen ein Konzert besucht hat. „Furchtbar ist, dass kein weiterer Kritiker in dem Konzert war, der die Dinge vielleicht anders sieht“.

Tatsächlich verschwand die Musikkritik in den letzten Jahren immer mehr aus den Kulturseiten der Zeitungen. Wo vor fünf Jahren noch drei bis vier Kritiker ein klassisches Konzert anhörten, kommen heute oft nur noch einer oder keiner. Konnten Frau A. und Frau G. früher verschiedene Kritiken abwägen, sich ärgern oder freuen, sich mit anderen darüber austauschen und so ein Konzert tiefer durchdringen und im Bewusstsein behalten, so sind sie heute oft mit Einzelmeinungen konfrontiert. Wenn überhaupt. Da die Konzerte meist in den Abendstunden stattfinden, können sie nicht gänzlich von den Musikredakteuren abgedeckt werden, die schon tagsüber das Blatt machen. Vielmehr wird diese kleine Kunstform oft an freie Mitarbeiter vergeben und die erzeugen zusätzliche Kosten. Im Kulturressort mehr als anderswo. Dieses Geld fehlt den Zeitungen heute.

Das hat nicht nur die Folge, dass klassische Konzerte weniger im Gespräch und damit im Bewusstsein bleiben, sondern wirkt auch auf die Konzerte selbst: Wenn nur noch spektakuläre oder mainstreamige Konzerte eine Chance haben, rezensiert zu werden, wird sich dies mittelfristig auf die Programmauswahl der Musikinstitutionen auswirken und langfristig auch auf die Subventionierung derselben durch die öffentliche Hand: Nach welchen Kriterien sollen Politiker ihre Gelder vergeben, wenn ihnen keine professionellen Einschätzungen des Geschehens mehr zur Verfügung stehen?

Dem möchten die Kesseltöne als Satellit der Zeitungswelt abhelfen mit einer täglichen Kritik, einem täglichen Veranstaltungstipp, Hintergrundberichten und Ausblicken in angrenzende Genres. Wichtig ist uns auch, dass Sie, werter Leser, sich auf unserem Portal austauschen können, wie eingangs Frau A. und Frau G.: Untereinander und mit dem Kritiker sowie in unserem Forum über freie Themen der Klassikszene. So ein Vorhaben bedarf einer professionellen Redaktion und professioneller Kritiker. Damit wir unabhängige Kritiken liefern können, sollen die Kesseltöne ohne Werbung erscheinen, mit freiem Zugang für alle und mittelfristig finanziert mit freiwilligen Abonnements. Für das erste Jahr brauchen wir jedoch eine Anschubfinanzierung, bei deren Einwerben uns diese Nullnummer helfen soll. Hat sie Ihnen gefallen? Dann freuen wir uns über Ihre Spende. Unsere Bankverbindung finden Sie im Impressum. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen.