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Freiraum für Gefühle und Gedanken des Publikums

Das Ensemble Ælbgut (Foto: Ælbgut)

 

Das Vokalensemble Ælbgut singt zu Bachs 338. Geburtstag im Rahmen der Bachwoche der Internationalen Bachakademie. Jürgen Hartmann sprach mit den Ensemblemitgliedern Isabel Schicketanz (Sopran), Stefan Kunath (Altus) und Martin Schicketanz (Bass).

Jürgen Hartmann: Ich kann Ihnen eine unmusikalische Frage zum Auftakt nicht ersparen: Warum Ælbgut und warum mit der im Computerzeitalter doch etwas heiklen Ligatur?

Stefan Kunath: Wir haben uns für diese Namensgebung sehr viel Zeit genommen. Auf der Suche nach einem Namen sind wir auf eine Liedersammlung von Constantin Christian Dedekind gestoßen, einem Dichter hier in Dresden, Konzertmeister am sächsischen Hof und persönlich bekannt mit Heinrich Schütz. Die Sammlung heißt „Ælbianische Musenlust“. Als Ensemblename wäre das allerdings untauglich. Und ein Jahr später sind wir auf Ælbgut gekommen. Weil das schöne Æ zur Barockliteratur passt und außerdem ins Auge fällt, haben wir uns im Bewusstsein der Schwierigkeiten mit der Computertastatur dafür entschieden. Es bleibt eben hängen!

Martin Schicketanz: Und auf dem Mac ist es ganz einfach!

Jürgen Hartmann: Nun gibt es schon recht viele Ensembles für Alte Musik. Wie grenzen Sie sich ab?

Isabel Schicketanz: Wir kennen uns schon ziemlich lange und wir wollten einfach noch dichter zusammenrutschen, weil wir so einfach zusammen Musik machen können. Wir nehmen uns natürlich viel Zeit fürs Proben, aber wir müssen nicht immer wieder von vorne anfangen. Und was uns vielleicht ein wenig besonders macht, ist, dass wir ohne musikalischen Leiter, ohne Dirigenten singen; in einer Demokratie sozusagen, in unserem eigenen Probenprozess und dann auch mit den Instrumentalensembles, mit denen wir zusammenarbeiten.

Jürgen Hartmann: Ist das nicht ein immerwährendes Experiment, so wie die Aufführung Alter Musik überhaupt?

Martin Schicketanz: Ganz so würde ich es nicht sagen, aber es sind schon einige Fragen offen. Ich kann nicht hergehen und behaupten, Alte Musik muss genau so und so aufgeführt werden, das habe ich nachgelesen. Es wird immer Diskussionen geben. Wir sagen nicht, dass Alte Musik solistisch besetzt sein muss. Dieser Gedanke kommt eher aus uns selbst heraus – wir wollen uns die Werke kammermusikalisch erarbeiten. Wenn alles solistisch besetzt ist, kann man anders teilhaben daran, man sitzt immer an der Stuhlkante, es bildet sich eine gemeinsame Energie und das ist uns bis jetzt in allen Projekten gelungen.

Jürgen Hartmann: Sie sind mit der historisch informierten Aufführungspraxis groß geworden. Hat die Generation, der beispielsweise Helmuth Rilling angehört, für Sie Bedeutung?

Isabel Schicketanz: Wenn man erlebt hat, wie Rilling oder in neuerer Zeit auch Hans-Christoph Rademann über Musik sprechen, ist das schon sehr bereichernd. Wie sie herausarbeiten, dass Bach sich in fast jeder Phrase auf die Bibel bezieht, daraus lernen wir natürlich auch und nehmen es mit in unsere Arbeit, in der wir sehr vom Text und dessen Bedeutung ausgehen, dem Publikum aber den Freiraum zu eigenen Gefühlen und Gedanken belassen.

Stefan Kunath: Ohne diese Vorreiter würde es die Art, wie wir Alte Musik heute interpretieren, gar nicht geben. Rilling und Harnoncourt sind Großmeister, und ihre Aufnahmen haben Bestand und sind anregend, auch wenn sich die Form unserer Interpretation dann stark davon unterscheidet. Wir wollen einerseits historisch informiert musizieren, aber die Werke auch ins Hier und Jetzt holen, dem Publikum neue Klangfarben bieten.

Martin Schicketanz: Historische Instrumente nehmen wir nicht wegen der tieferen Stimmung dazu, sondern wegen ihrer Klangfarbe, die dem solistischen Gesang besser steht. Alte Instrumente erzeugen kleine Geräusche, die wie Konsonanten klingen, und das führt zu großer Plastizität des Klangs, während ein Satz von modernen Posaunen schon mal einen vierzigköpfigen Chor übertönen kann.   

Jürgen Hartmann: Sie führen am 21. März ein Programm auf, das Bachs Vorgänger Kuhnau und seine Konkurrenten um das Thomaskantorat, Graupner und Telemann, würdigt. Ist das als Geburtstagsständchen für Bach nicht ein vergiftetes Veilchen?

Isabel Schicketanz (lacht): Darüber denke ich schon seit Tagen nach!

Martin Schicketanz: Wir haben die Bewerbungskantaten auf CD aufgenommen und mehrfach im Konzert gespielt. Und wäre es nach dem Publikum gegangen, das wir haben abstimmen lassen, wäre Graupner damals Thomaskantor geworden. Aber man hätte der Stadt Leipzig zu jeder möglichen Entscheidung gratulieren können. Alle drei Komponisten haben ihre eigenen Stärken.

Isabel Schicketanz: Bach war aber doch der modernste.

Jürgen Hartmann: Inwieweit ist Ihr Repertoire neuartigen Konzertformaten zugänglich?

Stefan Kunath: Wir singen ja auch zeitgenössische Werke, wo man ein bisschen mehr experimentieren kann, zum Beispiel mit einer anderen Verteilung im Raum.

Martin Schicketanz: Die Barockmusik wollen wir nicht dekonstruieren. Wir versuchen aber gerade Werke, die eigentlich als Hausmusik geschrieben sind, nahbarer zu machen, mit weniger Publikum und Moderation. Es wird sehr dankbar angenommen, wenn man gerade unbekanntere Stücke ein bisschen erklärt, das schafft einen anderen Zugang.

 

Das Geburtstagskonzert für JSB findet am 21. März in der Stiftskirche Stuttgart statt. Instrumental unterstützt von der Capella Jenensis, singt Ælbgut fünf Kantaten von Johann Kuhnau, Christoph Graupner und Georg Philipp Telemann. www.bachakademie.de


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