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Wie war’s beim Musiktheater „Verdrängen, Verdrängen, Verdrängen“?

Die Performancegruppe Oblivia. Foto: Saara Autere

Im Rahmen von Eclat Festival Neue Musik Stuttgart wurde im Theater Rampe das Musiktheater „Verdrängen, Verdrängen, Verdrängen“ der finnischen Performancegruppe Oblivia und der Komponistin Yiran Zhao aufgeführt. Oblivia-Mitglied Annika Tudeer sagte, mit diesem Projekt seien die Beteiligten „in völlig neue Welten eingetreten“. Susanne Benda spricht über den ungewöhnlichen Abend mit Jürgen Hartmann.

Jürgen Hartmann: Der Ensemblename „Oblivia“ spielt mit dem Vergessen, bei diesem Projekt geht es um das Verdrängen. Was spielte sich im Theater Rampe ab?

Susanne Benda: Etwas recht Paradoxes! Zu einer Performance, einer Bühnenaktion, gehört nun mal die Sichtbarkeit, und es ging um etwas, das eben nicht sichtbar ist. Der Raum war anfangs dunkel, die drei Performerinnen lagen zunächst auf dem Boden, wühlten sich still nach oben, bewegten sich, als seien sie Getriebene, fassten sich in verschiedene Körperöffnungen, fassten sich gegenseitig an. Ganz kurze Texteinschübe beschrieben persönliche Erinnerungen, darauf reagierten die Akteure mit kleinen Gesten und Bewegungen, es war auch eine sehr spezielle Mischung von Ernst und Ironie. Annäherung war ebenso zu sehen wie Abstoßung, und das ergab sehr schöne Figuren. Es war kaum etwas Konkretes zu sehen, nichts wurde wirklich ausgesprochen, aber immer stand zusätzlich zum Sichtbaren etwas anderes, Mitklingendes im Raum. Als Zuschauerin spürte man vor allem eine große Uneindeutigkeit, auch wenn man natürlich immer etwas sehen, etwas verstehen will. Einmal schaute einer der Mitwirkenden einen Zuschauer an und sagte: „Ja, Sie haben verstanden“. Hatte der natürlich nicht, wie auch? Es war also auch ein durchaus lustiges Spiel mit der Erwartung der Zuschauerinnen.

Jürgen Hartmann: Wie fügte sich die Musik der jungen chinesischen Komponistin Yiran Zhao ein?

Susanne Benda: Zunächst wurde durch die Musik eher eine Atmosphäre geschaffen. Dann entstanden wunderbare Klangmomente, indem Yiran Zhao mit vorproduzierten Elementen und Live-Klängen auf die Performerinnen reagierte. Diese haben auch gesungen, schöne A-Cappella-Sätze, eine Art Fake-Pop oder auch Fake-Folklore. Yiran Zhao nahm das in ihrer Live-Elektronik wiederum auf, spielte mit diesen Motiven und mit der Erinnerung daran. Die sehr enge Zusammenarbeit aller Beteiligten war spürbar, auch die intensive Vorbereitung, von der im Programmheft berichtet wird. Das gilt auch für das Licht, das an sich nicht spektakulär war, aber sehr eng verzahnt mit Musik und Bühnenaktion. Eigentlich müsste man nochmals hingehen, um alle Feinheiten zu erkennen!

Jürgen Hartmann: Hat sich das Konzept auch in der Raumgestaltung im Theater Rampe gespiegelt?

Susanne Benda: Nicht so sehr. Es war eine typische Blackbox, es gab eine Spielfläche, und die Zuschauerinnen saßen in wenigen Reihen davor, also eine traditionelle Anordnung.

Jürgen Hartmann: Und wie reagierte das Publikum?

Susanne Benda: Das Publikum war nach einer Stunde Spieldauer ausgesprochen begeistert. Und tatsächlich hatte auch ich nicht das Gefühl, das da eben jemand einfach mal was ausprobiert hat, sondern es war ein intensiv durchgearbeiteter Abend. Man kann tatsächlich vieles nicht erklären, was sich abspielte, aber man ging sensibilisiert nach Hause. Es war eins der merkwürdigsten, aber auch berührendsten Stücke, die ich in der letzten Zeit gesehen habe.

Weitere Vorstellungen 12. bis 15. Februar im Theater Rampe


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