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Solomon’s Knot beim Bachfest Stuttgart

Lesezeit: 2 Minuten

Das Londoner Vokal- und Instrumentalensemble Solomon’s Knot musiziert auswendig, ohne Dirigent:in und mit szenischer Aktion. 300 Jahre nach ihrer Aufführung in Leipzig führt es in kleiner Besetzung beim Bachfest Stuttgart eine Markuspassion auf, die einen Blick in Bachs Werkstatt zulässt.

Von Jürgen Hartmann

Das Auswendigsingen sei wie eine Droge, sagt Jonathan Sells (Bild oben), der Gründer und Primus inter pares des Ensembles Solomon’s Knot. Bald nach dem Gründungsjahr 2008 beschlossen die Mitglieder, nicht nur ohne Dirigentin oder Dirigenten zu arbeiten, sondern auch – während der Konzerte – ohne Noten zu singen und zu spielen. Sells schwärmt noch heute, diese Entscheidung sei wie das Eingangstor in eine neue Welt gewesen. Erst rückwirkend war zu spüren, dass eigentlich jeder Blick in die Noten die Verständigung der Musizierenden untereinander behindere.

Gemeinsamkeit und Spontaneität

Zusammen ermöglicht das auswendige Singen ohne Dirigenten ein musikalisch und menschlich äußerst befriedigendes Zusammenspiel von Gemeinsamkeit und Spontaneität. Eigentlich, so Jonathan Sells, reflektiere dies auch die Architektur einer Bachpassion, die einzelne Personen aus der Gemeinde hervortreten lasse.

Die von Solomon’s Knot am 25. März präsentierte Markuspassion ist kein originäres Werk von Johann Sebastian Bach. Das Original wird gemeinhin den Komponisten Gottfried Keiser oder Friedrich Nicolaus Bruhns zugeschrieben. Bach hat das Werk in eigenen, tiefgreifenden Bearbeitungen aufgeführt; seine eigene Markuspassion gilt jedoch als verschollen. Die Verbindung zu Bach sei aber sehr schlüssig, findet Jonathan Sells. Bachs Bearbeitung der Markuspassion stehe genau zwischen seinen eigenen Passionen nach Johannes und Matthäus.

Beispielsweise enthalte die Markuspassion in der vor genau 300 Jahren aufgeführten Fassung Bachs schon die Streicherumhüllung der Christusworte, die für die Matthäuspassion so typisch ist. „Aber nicht bei allen Christusworten“, sagt Sells und hält das für eine dramaturgische Absicht: „Der Christus der Markuspassion fühlt sich offenbar öfter einsam als jener der Matthäuspassion“. Die Markuspassion beflügele die Fantasie, meint Sells. „Man kann sich vorstellen, was dieser Text in Bachs Kopf ausgelöst hat, es ist sehr ausdrucksvolle, manchmal auch opernhafte Musik“.

Den Konzertrahmen sprengen

Betrachtet man die online verfügbaren Videos von Solomon’s Knot, wie sie beispielsweise in Weimar die Matthäuspassion mit der vielleicht kleinstmöglichen Besetzung von Vokalensemble und Instrumenten aufführen, ganz ohne althergebrachte Konzertmanier in puncto Kleidung oder Aufstellung, wirkt die komponierte Passionserzählung einerseits wie ein Historienspiel, andererseits wie ein aus wenigen Gesten, aus der Veränderung der Positionen, aus Sichtkontakten und Mimik ganz authentisch hervorgehendes Drama – weitab sowohl vom herkömmlichen Konzert als auch von der meist misslingenden, opernhaften Inszenierung.

„Ich will den Konzertrahmen sprengen“, sagt Jonathan Sells. Das Ideal des britischen, heute in der Schweiz lebenden Baritons ist die szenische Improvisation aus dem Moment heraus – ohne Absprachen, ohne Regie. Das, fürchtet er, sei „vielleicht doch unerreichbar“.  Aber wer weiß das schon?


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