Klassik für alle? La Fura dels Baus mit Haydns „Die Schöpfung“ in Ludwigsburg

Daniel Schmutzhard als Adam im dritten Teil der „Schöpfung“, Foto: Julien Benhamou

Anfang der 1990er Jahre konnte man die katalanische Theatertruppe La Fura dels Baus beim Esslinger Kultursommer erleben. In bester Artaud-Manier versetzte sie damals das Publikum in Angst und Schrecken, als Performer mit motorisierten Go Karts in die Zuschauermenge fuhren. Um die Jahrtausendwende wurde das Kollektiv von Gerard Mortier für die Inszenierung von Opern entdeckt. Nun zeigte es bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen seine Lesart von Joseph Haydns geistlichem Oratorium „Die Schöpfung“. Die Kesseltöne-Redaktion, Jürgen Hartmann und Petra Heinze, war dort und hat sich hinterher ausgetauscht.

Petra Heinze: Lieber Jürgen, was hast Du zuerst gedacht, als Du die Szene erblicktest?

Jürgen Hartmann: Eigentlich verweigere ich mich bewusst dem allerersten Eindruck, um keine Voreingenommenheit zu kreieren. Ich habe also keinen ersten Gedanken gehabt. Versucht habe ich, Musik und Bild zusammenzubringen und musste an einen Bildschirmschoner denken.

Petra Heinze: Ich war zuerst erschrocken, wie dekorativ die Bühne aussah: Überdimensionierte Luftballons, schwarzweiße Projektionen mit organischen und abstrakten Formen über Mensch und Bühne gleichermaßen, dazu trugen die Erzengel märchenhafte und mit LED-Lämpchen blinkende Kostüme. Dann kam jedoch der Chor an die Rampe in Gewändern aus verschiedenen Kulturkreisen und aus der Altkleidersammlung, stellte also eine Gruppe von Flüchtlingen dar.

Jürgen Hartmann: Die Flüchtlinge fand ich viel weniger brisant als erwartet. Dass der Chor bereits den Urknall bestaunte, war eigentlich ein Regiefehler, wenn man der Produktion mit einem logischen Zugriff beikommen will. Insofern war das Flüchtlingsthema für mich nicht zentral, nicht genügend ausgearbeitet und somit auch eher dekorativ. Ein Beispiel: Der während der Arie „Rollend in schäumenden Wellen“ im Wasserbassin schwimmende junge Mann, dem der Sänger etwas halbherzig seine Hand anbot, krabbelte am Ende der Arie ganz eigenständig aus dem Wasser, um dann vom Chor aufwendig mit Trinkwasser versorgt zu werden. Das sind einzelne, durchaus intensive Bilder, aber sie fügen sich nicht zu einem Ganzen. Das Thema der Dekoration führt uns allerdings zu der Frage, inwieweit man ein ursprünglich für den Konzertgebrauch geschriebenes Werk überhaupt bebildern kann und soll.

Petra Heinze: Ich denke, ein logischer Zugriff war gar nicht beabsichtigt. Vielmehr hat der Regisseur Carlus Padrissa versucht, dem frommen und naiven Libretto, das uns heute sehr fern ist, eine Art Kommentar beizugeben: Es ist eben nicht alles gut auf der Welt. Der Sündenfall wird von Haydn und seinem Librettisten van Swieten ausgeklammert und von Padrissa gegen Text und Musik integriert. Aber warum sollte man aus Deiner Sicht ein Oratorium nicht bebildern?

Jürgen Hartmann: Dann wenigstens den echten Sündenfall mit Apfel und Schlange. Nein, im Ernst, Logik ist ja auf der Bühne ohnehin nicht der beste Maßstab und insofern soll sich ein Regisseur viele Freiheiten nehmen. Und da hätte sich Padrissa eigentlich sogar noch größere nehmen können. Dass er halb dekorativ, halb kommentierend arbeitet, ergibt sich genau aus dem Problem, ein Oratorium zu inszenieren. Entweder man zeigt das, was erzählt wird, dann ist es jedoch langweilig, wie ich vor vielen Jahren an einer Johannes-Passion erleben konnte, oder man erfindet eine ganz eigene künstlerisch gestaltete Welt hinzu, wie Achim Freyer in seiner Inszenierung des „Messias“. In der „Schöpfung“ wurde die Naivität von Haydn und seinem Librettisten van Swieten streckenweise um den Preis völliger Überforderung des Publikums kommentiert: Da purzelten Worte vom Himmel, da wurden etwas naive Sinnsprüche über Gegenwart und Zukunft eingeblendet. Ein Oratorium ist aber keine dramatische Musik, es ist für eine szenische Interpretation nicht wirklich offen, es hat keine Ansatzpunkte für eine Darstellung auf der Bühne. Eine Oper enthält solche zwangsläufig, weil sich Komponist und Librettist ja darüber schon Gedanken gemacht haben. Daher war mir diese „Schöpfung“ zu dicht, zu strapaziert, bis zum visuellen Overkill. Hast Du in diesen Momenten überhaupt noch die Musik wahrgenommen?

Petra Heinze:
Ich komme ja nicht wie Du von der Musik, sondern vom Theater her und habe die Musik nur als einen von vielen Teilen eines Gesamtkunstwerks wahrgenommen. Einen visuellen Overkill empfand ich nicht, eher fühlte ich mich in die Rolle des staunenden Himmelsbürgers versetzt ob der Bilderflut. Damit war es für mich sehr wohl eine adäquate Umsetzung von Musik und Text. Auch hilft der visuelle Eindruck sicher vielen Menschen, die Deine besondere musikalische Vorbildung und Hör-Erfahrung nicht haben, dem Geschehen zu folgen und es zu verstehen. Klassik für alle! Wenn ich es richtig gesehen habe, war auch kein typisches Konzertpublikum im Saal.

Jürgen Hartmann:
Das ist gut möglich, und die Zuschauer waren ja am Ende auch begeistert. Es gab in der Tat sehr eindrucksvolle Bilder wie die beiden etwas faschistoiden Statuen zu Beginn des dritten Teils. Solche Bildfindungen fand ich übrigens sehr viel überzeugender als die teils ergänzenden, teils kommentierenden, teils widersprüchlichen projizierten Texte und die vielen Variationen des Bildschirmschoners. Bleibenden Eindruck hat bei mir ebenso hinterlassen, wie die Sänger,  insbesondere als Adam und Eva, sich unerschrocken und sportlich auf die Herausforderungen eingelassen haben. Insofern war das alles schon auf der Höhe der Zeit. Aber besteht nicht die Gefahr, dass ein breites Publikum das alles für selbstverständlich nimmt und sich auf Musik pur irgendwann nicht mehr einlassen kann?

Petra Heinze: Also gibst Du immerhin zu, dass der dritte Teil, der im Konzert oft recht zäh ist, durch die visuelle Ebene gewonnen hat. Ob das breite Publikum durch die Szene verbildet wird? Vielleicht kann es sich auch mehr und mehr einhören und landet schließlich in Konzerten ohne szenische Unterstützung, beispielsweise um die „Schöpfung“ erneut zu hören. Was sagst Du denn zur musikalischen Ausführung?

Jürgen Hartmann: Die war ebenfalls auf der Höhe der Zeit. Bis auf einige Intonationsschwankungen und ein bisschen Klappern am Anfang alles erstklassig. Man muss ja bedenken, dass diese Aufführung eine Tourneeproduktion ist, was für alle Beteiligten anstrengend ist. Ein musikalisch sehr historisierender Haydn, bei der Dirigentin Laurence Equilbey in besten Händen. Alle drei Solisten waren sehr gut, wobei die Sopranistin Sunhae Im und der Bass Daniel Schmutzhardt mir fast ein wenig zu neutral gesungen haben, während der Tenor Martin Mitterrutzner auffallend gestaltungsfreudig war. Ich fände jedoch eine „Schöpfung“ mit fünf Solisten besser, um Adam und Eva als eigenständige Rollen zu kennzeichnen, zumal in szenischer Aufführung. Beim Bassisten macht man in einer Dreierbesetzung zwangsläufig Kompromisse: Adam ist viel höher als Raphael, und da Daniel Schmutzhard eher ein lyrischer Bariton ist, klang Adam bei ihm eben angemessener und beim Raphael musste er ein bisschen tricksen.

Petra Heinze: Du würdest also empfehlen, mehr Geld in Solisten zu investieren und weniger Material zu schlachten?

Jürgen Hartmann: Nein, dann empfehle ich lieber den Zuschauern, sich „Die Schöpfung“ mal in einem ganz schlichten Konzert anzuhören und die Bilder im eigenen Kopf mit denen von La Fura dels Baus zu vergleichen.

 

 

Sind Kritiken heute noch relevant?

In einer Zukunft, die es uns ermöglicht, eine Kesseltöne-Redaktion mit festem Kritikerstamm zu installieren, finden Sie hier täglich eine Musikkritik. Für diese Nullausgabe, die voraussichtlich über längere Zeit im Netz steht, haben wir stattdessen Künstler, Kulturschaffende und Kritiker gefragt, ob und warum ihnen Kritiken wichtig sind.

Natürlich wäre es vermessen, wenn man an die Kräfteverhältnisse in einer  Demokratie erinnert und die Notwendigkeit einer unabhängigen, neutralen Instanz beschwört, um der Musikkritik ihre Relevanz zu bescheinigen. Dennoch müsste das Musikleben ohne einen Akteur, der nicht selbst Komponist, Musiker, Veranstalter, Agent oder hörender Laie, sondern ein professionell kritisch Hörender ist, verkümmern. Auch sagte Mauricio Kagel einmal, er lese oft lieber etwas über Musik, als dass er sie höre.
Björn Gottstein, Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

 

Musikkritiker können Fans sein, Vermittler und Fackelträger. Manchmal sind sie aber auch Politiker, Parteigänger, Neider und Intriganten. Sie sind Menschen im Publikum, die im besten Fall ein bisschen mehr wissen als andere, die neben ihnen sitzen. Unermüdlich erschöpfen sich Kritiker beim eigentlich unmöglichen Unterfangen, die sprach- und begriffslose Musik mit Sprache zu fassen. Manchmal sind Kritiker die, deren Meinung man lesen will, um zu wissen, ob es einem im Konzert gefallen hat. Manchmal sind sie aber auch die, die offenbar in einer anderen Veranstaltung waren, jedenfalls aber – was jeder gesehen hat – vor der fünften Zugabe gegangen sind. Ohne Musikkritik könnte die Musik sicher leben. Aber es gäbe keinen, der ihr sagen könnte, warum.
Susanne Benda, Musikredakteurin

 

Es ist abgedroschen, aber: Lieber ein ordentlicher, gut geschriebener und begründeter Veriss als die höfliche Zurkenntnisnahme einer Veranstaltung ohne eigene Position seitens des „Kritikers“. Was konnte zum Beispiel dem Bayreuther Ring 1976 von Chéreau und Boulez Besseres passieren, als die damalige totale Ablehnung dieser Aufführung durch die Kritik? Die Geschichte hat es gezeigt…Dafür braucht es aber Kennerschaft und Meinung, die auch formuliert werden will. Um den Diskurs zu befeuern. Um Kritikfähigkeit überhaupt am Leben zu erhalten. Gegen den faulen Konsens, die Vereinheitlichung und die lähmende Gemütlichkeit. Habt Stacheln und piekst!
Mark Lorenz Kysela, Saxophonist

 

Sinnliches Erleben und Reflexion greifen in der ästhetischen Erfahrung eng ineinander und erhellen sich wechselseitig. Rezensionen leisten eine solche Reflexion idealerweise, indem sie Erlebtes auf den Begriff bringen. Nachvollziehen lässt sich das aber nur für diejenigen, die der Aufführung selbst beigewohnt haben. Für alle anderen reflektiert die Rezension eine Erfahrung, die unwiederbringlich in der Vergangenheit liegt. Ohne Konzertbesuch Rezensionen zu lesen, ist wie Fotos von Essen zu betrachten: Im besten Fall machen sie Appetit.
Jan Kopp, Komponist

 

Musik ist mehr als Unterhaltung und Komponisten sind mehr als unterhaltsame Dienstleister. Musik ist ein unschätzbares Kulturgut. Fundierte, professionell schreibende Musikkritiker retten die Musik davor, nur konsumiert zu werden. Denn als gute Kritiker
– bewerten sie nicht nur, sie entdecken neue vielversprechende Talente jenseits des Mainstreams.
– beobachten sie den Musikmarkt und wirken als Korrektiv.
– treten sie mit Musikern, Komponisten und Publikum in einen konstruktiven Dialog.
– schieben sie neue Entwicklungen mit an.
Fazit: Gute Musikkritiker sind für das Musikleben so wichtig wie das Fundament für ein Haus.
Annette Eckerle, Musikjournalistin und PR-Frau

 

Musikkritik muss einen Spagat ausführen zwischen fachlich begründbaren Erwartungen der ausübenden Professionellen und einem Publikum, das Musik lediglich liebt und aus dem Gefühl heraus beurteilt. Sie muss mögliche Fehleinschätzungen beider Lesergruppen glaubwürdig voraussehen und obendrein so formulieren, dass sie ihre eigene Meinung nur daneben, nicht darüber stellen will. Der Gefahr, lediglich Deskriptives zu liefern, sollte sie ebenso ausweichen wie eigener, möglicher Entblößung ungenügenden Fachwissens und Einfühlungsvermögens entgehen. Da nur ein Teil der Leser die Aufführung, über die berichtet wird, gehört hat, muss ihr Beitrag, um überhaupt Interesse finden zu können, so spannend erzählt werden wie ein Kriminalroman oder eine laufende Sportreportage, bei denen der Ausgang der Geschichte offen ist. Eine schwere Aufgabe, die lediglich, wenn sie auf viel Zeit zur Verfügung und auf genügend interdisziplinäre Fähigkeiten bauen kann, wirklich sinnvoll ist. Aber das ist bisher selten, leider zu selten der Fall.
Frieder Bernius, Dirigent und Künstlerischer Leiter des Musikpodiums