Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Rondo vocale: Die Markuspassion mit neuen Worten

Lesezeit: 2 Minuten

Brauchen historische musikalische Werke wie Kantaten und Passionen neue Texte? Darauf antwortet der Chor Rondo vocale am Karfreitag mit einer besonderen Markuspassion nach J. S. Bach. Jürgen Hartmann hat mit dem Chorleiter Gereon Müller gesprochen.

Jürgen Hartmann: Dem Geheimnis der Musik auf die Spur zu kommen, sei Ihre wichtigste Beschäftigung, schreiben Sie auf der Website von Rondo vocale. Ist die Idee, Musik von Johann Sebastian Bach mit neuen Texten zu versehen, ein Schritt in diese Richtung?

Gereon Müller: Im Grunde schon. Die originalen Texte aus der Barockzeit sind nun einmal historisch und eher fern von heutigen Erfahrungen. Es geht uns darum, diese Texte aus unserer Zeit heraus neu zu lesen. Mit neuen Worten wollen wir unser Leiden, unsere Nöte, unsere Hoffnungen einbringen.

Jürgen Hartmann: Macht man dem Publikum nicht die nötige Transferleistung, also die historische Einordnung, auf diese Weise zu leicht?

Gereon Müller: Nein, denn diese Leistung ist ein normaler Vorgang bei historischen Werken und sie ist auch bei unserer Markuspassion nötig. Wir haben nur die Texte der Choräle verändert. Die Beteiligung der Gemeinde wird auf diese Weise aktualisiert, alles andere bleibt. Zusätzlich wird es drei neue Abschnitte geben, die wir musikalische Inseln nennen. Da stoppt das Passionsgeschehen, improvisierte Musik erklingt und Timo Brunke wird neue Texte rezitieren.

Jürgen Hartmann: Was sind das für Texte?

Gereon Müller: Wir haben am Karfreitag 2025 Fragen an unser Publikum verteilt. Wir haben gefragt, womit sich die Menschen heutzutage beschäftigen bei Themen wie Leiden, Hoffen und Heilen, also den Passionsthemen. Rund 120 Antworten haben wir erhalten, inklusive von Antworten aus unserem Ensemble waren es fast 140. Diese Antworten waren der Fundus für Timo Brunke und mich. Wir wollten eine aktuelle Haltung zum Passionsgeschehen ausloten und haben daraus neue Texte für die Choräle und die besagten musikalischen Inseln entwickelt. Hier werden die Antworten des Publikums vom letzten Jahr zusammengefasst und miteinander verwoben.

Jürgen Hartmann: Waren die Antworten eher persönlich oder eher allgemein? Und entsprachen Sie in etwa dem, was man aus Umfragen zu politischen Themen kennt?

Gereon Müller: Es gab sehr persönliche, biografisch geprägte, auch spirituelle Antworten, aber es wurden auch ganz konkrete, materielle Sorgen thematisiert. Auch zu den Themen Hoffnung oder Heilung erhielten wir ganz unterschiedliche Antworten.

Jürgen Hartmann: Sie laden das Publikum ein, die neu betexteten Choräle mitzusingen. Probe ist direkt vor dem Konzert. Aber welche Vorbildung ist erforderlich?

Gereon Müller: Gar keine! Wer möchte, kann mitsingen und wer sich den mehrstimmigen Satz nicht zutraut, singt einfach die Melodie mit. Es muss auch niemand auf die Bühne kommen, gesungen wird vom Hörerplatz aus. Es werden auch einige Mitglieder eines befreundeten Chores im Publikum verteilt sein, zur Unterstützung.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Wie war’s bei den „Anthems“ von Gauthier Dance?
    Barak Marshall, Hauschoreograf von Gauthier Dance, hat im Theaterhaus zwei seiner Stücke neu auf die Bühne gebracht. Angela Reinhardt besuchte die Premiere für uns, Jürgen Hartmann hat sie früh am Tag danach dazu befragt.
  • Wie war’s beim „Traum von Land“ des Podium Festivals?
    Ein Wandelkonzert in der Galerie der Stadt Esslingen, der Villa Merkel, veranstaltete das Podium Esslingen in seinem diesjährigen Festival. Ute Harbusch überließ sich dort der Kunst wie der Musik und berichtete Petra Heinze davon.
  • Sternstunde: Das Ensemble Il Rosario bei Stuttgart Barock
    Das biennal vom Musikpodium Stuttgart ausgerichtete Festival Stuttgart Barock ist mit „Magisches Florenz“ überschrieben. Ute Harbusch besuchte dort jedoch ein Konzert des Ensembles Il Rosario, das mit Barockmusik aus Innsbruck beglückte.
  • Verblüffende Qualität: Das Theater unter den Kuppeln
    Die deutsche Musicallandschaft ist auch durch eine Vielzahl von Amateurbühnen geprägt. Die Spannbreite reicht von begeisterten Schulklassen bis zu Ensembles mit hohem Anspruch wie dem Theater unter den Kuppeln. Angela Reinhardt stellt die Freilichtbühne auf den Fildern vor.
  • Das Frühlingsrätsel: Wer bin ich?
    Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werde ich 2028 sterben. Dabei bin ich noch gar nicht so alt: 1970 erblickte ich das Licht der Welt am zentralsten Ort Stuttgarts. Gezeugt hatten mich drei Herren, die im Nachkriegsdeutschland einen modernen Kontrast zur historischen Umgebung schaffen wollten.