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Gauthier Dance: Harry (Foto: Jeanette Bak)

Wie war’s bei den „Anthems“ von Gauthier Dance?

Lesezeit: 3 Minuten

Barak Marshall, Hauschoreograf von Gauthier Dance, hat im Theaterhaus zwei seiner Stücke neu auf die Bühne gebracht. Angela Reinhardt besuchte die Premiere für uns, Jürgen Hartmann hat sie früh am Tag danach dazu befragt.

Jürgen Hartmann: Die Ankündigung des Barak-Marshall-Doppelabends liest sich – zumal für heutige Verhältnisse – fast heiter, geradezu spielerisch. War das also, was uns früher die Fernsehansager:innen wünschten: Gute Unterhaltung?

Angela Reinhardt: Unbedingt war „Anthems“ gute Unterhaltung – aber mit mehreren Beerdigungen, mit Gewehrsalven, mit Dienern, die sich von ihrer Herrschaft befreien und dem Absingen der „Internationale“. Barak Marshall lacht die Abscheulichkeiten des Lebens am liebsten weg, dazu bekennt er sich. Er ist Amerikaner mit israelischen Wurzeln und bringt einen tiefschwarzen, oft typisch jiddisch gefärbten Humor mit. Er choreografiert zu flotten Songs oder Schlagern aus den 1940er, 1950er Jahren. Das Finale des zweiten Stückes „Harry“ ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man mit viel Sarkamus von den Toten aufersteht und fröhlich tanzt – trotz allem fröhlich tanzt. Eric Gauthier stand mit seinen beiden Kompanien schon immer auf der „sunny side of modern dance“, wie er das selbst nennt.

Jürgen Hartmann: Eins der Stücke ist ursprünglich 2012 entstanden, das andere erst 2025. Merkt man trotz der Ähnlichkeit, die du beschreibst, auch eine Veränderung von Marshalls persönlichem Stil?

Angela Reinhardt: Nein, das ist einer der leisen Kritikpunkte des Abends. „Barker“ und „Harry“ sind sich ziemlich ähnlich, sowohl im Stil wie in der Aussage. Marshall zeigt in beiden Stücken einen flotten, oft rasant schnellen, aber immer fest auf dem Boden geerdeten Tanz, der viel mit pantomimischen Gesten der Hände arbeitet. Beide Stücke handeln von Rebellion gegen die Obrigkeiten. In „Barker“ proben acht Diener den Aufstand gegen eine unsichtbare Herrschaft, die man nur per wütender Klingelzeichen kennen lernt. In „Harry“ wagt es der Titelheld, sich gegen das Schicksal und die Götter durchzusetzen, die ihn (und die Welt) dann aus Langeweile in einen Krieg stürzen.


Gauthier Dance: Barker (Foto: Jeanette Bak)

Beide Stücke von Barak Marshall handeln von der Rebellion gegen Obrigkeiten.

„Barker“ mit den Gauthier Dance Juniors (das Aufmacherfoto zeigt „Harry“ mit Gauthier Dance)


Jürgen Hartmann: Ist auch die Verwendung der Musik vergleichbar? Alte Schlager können ja auch eine eher beliebige Beschallung sein…

Angela Reinhardt: Nein, die Musik ist bei „Harry“ sehr viel variabler. Barak Marshall arbeitet stark episodisch, das heißt er reiht kurze Szenen aneinander – oft abwechselnd Spiel- oder Theaterszenen und dann reine Tanzszenen. Die Musik ist sehr wichtig. Marshalls Vater war Jazzmusiker und man merkt, wie er Tempo, Dynamik und Stil der Musik sorgfältig aussucht, um die Stimmung der jeweiligen Szene festzulegen. Neben Schlagern, etwa von den Andrew Sisters oder Tommy Dorsey, setzt er oft Balkanfolklore ein, Musik aus dem gesamten Mittelmeerraum. In „Harry“ erscheinen „Der Tod und das Mädchen“ von Schubert, eine Puccini-Arie oder Filmmusik. Das ist eine herzhafte Abwechslung zur Neo-Klassik und den oft ähnlich klingenden Partituren von Olafur Arnalds über Ezio Bosso bis hin zu Max Richter, die moderne Choreografen heute so gern verwenden.

Jürgen Hartmann: Von außen betrachtet, scheinen Gauthier und Marshall die Goldjungen der Stuttgarter Tanzlandschaft zu sein, vielleicht auch darüber hinaus. Wie schätzt du ihr Publikum ein? Sind das Menschen, die neu zum Tanztheater gekommen sind, wird neues Interesse an dieser Kunstform geweckt?

Angela Reinhardt: Eric Gauthier hat seine kleine Kompanie seit 2008 von sechs auf 16 Tänzer vergrößert und noch eine zweite Kompanie mit inzwischen acht Tänzern gegründet. Gauthier Dance gehört heute zu den wichtigsten modernen Kompanien in Europa und gastiert auf der ganzen Welt. Gauthier schafft es immer wieder, die aktuellen Topchoreografen für Uraufführungen nach Stuttgart zu lotsen. Goldjunge scheint da fast noch untertrieben. Die Zuschauer bei Gauthier Dance sind eine faszinierende Mischung aus dem üblichen Theaterhaus-Publikum, das Theater, Comedy und Rockmusik mag, mit den Ballettfans von downtown, die aus dem Staatstheater kommen, um hier bessere, modernere Choreografen zu sehen. Den ersteren hat er erstaunlich schnell angewöhnt, modernen Tanz ernst zu nehmen. Den letzteren zeigt er, was das Stuttgarter Ballett alles verpasst.


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