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Sommerabend im Burghof: 150 Freiluftbühnen in Deutschland

Lesezeit: 3 Minuten

Neben „Götz von Berlichingen“ und „Jedermann“ spielen die zahlreichen Freilufttheater im Land vor allem Musicals. Das Publikum kommt reichlich, berichtet Angela Reinhardt und denkt über die Zugkraft von Klassikern und den Mut zum Ausgefallenen nach.

Sommerzeit ist Festspielzeit, und wer keine Karten für Bayreuth oder Salzburg bekommt (oder sie sich bei Spitzenpreisen bis zu 450 Euro nicht leisten kann), der genießt heiße Sommerabende in Burghöfen, Stiftsruinen, auf See- oder Felsenbühnen, auf Treppenstufen und Marktplätzen. Ob bei Shakespeare oder Mundart, irgendwann geht der Mond über der Szene auf. Bei Platzregen zieht man durchsichtige Plastikmäntel über, überall begleitet ein ausgeklügeltes Gastronomieangebot von der Grillwurst bis zum Aperölchen das Gesamterlebnis.

Ein bisschen volksnäher, aber in erstaunlicher Qualität: Der einstmals skandalöse „Jesus Christ Superstar“ bei den Burgfestspielen Jagsthausen (2025)

Mehr als Götz und Jedermann

Aber auch die Freiluft-Festspiele haben sich weiterentwickelt, nicht zuletzt zum regionalen Tourismus-Faktor. Manche bauten zusätzliche Spielstätten wie Schwäbisch Hall mit seinem Globe-Theater, und fast überall ist das sommerliche Angebot auf mehrere Stücke, zum richtiggehenden Repertoire erweitert. In der Götzenburg in Jagsthausen steht seit Anbeginn Goethes „Götz von Berlichingen“ auf dem Programm, auf der weiten Treppe vor St. Michael in Schwäbisch Hall gab es jahrelang nur „Jedermann“.

Seit vielen Jahren gehört im Hohenlohischen, genau wie auf den nördlicheren Freilichtbühnen in Bad Hersfeld, Tecklenburg, Bad Gandersheim oder auf der Luisenburg in Wunsiedel, nun ein Musical zum festen Angebot. Der Trend etablierte sich Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre als direkter Nachklapp zu den damals neuen Musicalpalästen, die „Cats“ oder „Phantom der Oper“ spielten.

Unglaubliche 150 Freiluftbühnen gibt es in Deutschland, Sommertheater gespielt wird von Kiel bis ins Allgäu von Profis und Amateuren, für Kulturbewusste oder Nur-einmal-im-Jahr-Theatergänger. Fast immer gibt es neben dem Angebot für die Großen auch ein Kinderstück für die Theaterfans von morgen. Das Publikum kommt reichlich und ist doch ein anderes als in den Großstadt-Schauspielhäusern. Unter freiem Himmel ist das Theater ein bisschen volksnäher : weniger Ausstattung, weniger Regie-Exzesse, mehr Thespiskarren – ganz sicher macht auch das den Charme dieser Sommerabende aus.

Ein Klassiker des Genres, aber die Freiheitsstatue ist kaputt: Straßenkämpfe in der „West Side Story“ in Schwäbisch Hall

Können wir auch, dachten die Intendanten der Schlösser und Kirchenstufen. Weitab von „Starlight Express“ oder „Miss Saigon“ wurden auf dem Land zunächst die Klassiker gezeigt: „Anatevka“, „Kiss Me, Kate“ oder „Der Mann von La Mancha“. Früher noch als an den Stadttheatern ersetzte hier das amerikanische Unterhaltungsgenre die europäische Operette. Die Schlossfestspiele im badischen Ettlingen folgten dem Trend genauso wie die Volksschauspiele im nahen Ötigheim. Auf dem Heidelberger Schloss wie auf der Zwingenburg am Neckar gab und gibt es Musicals. Einige der traditionsreichen Amateurbühnen waren damit früher dran als die Profis.

Auch Ausgefallenes ist immer wieder zu sehen

So ganz easy peasy flutschte die vermeintlich harmlose Unterhaltung auch nicht immer durch. Gegen die Rockoper „Jesus Christ Superstar“, heute einer der absoluten Freiluftfavoriten, gab es anfangs Proteste religiöser Gruppierungen. „La Cage aux Folles“ bekam auf einer Burg, so berichtet die Anekdote, wegen des Männerkusses am Schluss Schwierigkeiten mit dem örtlichen Gemeinderat. Das Musical als Vorbote woker Kultur?

Paradebeispiel des Populismus: „Evita“ bei den Schlossfestspielen Zwingenberg

Die Aufführungen haben inzwischen eine ganz erstaunliche Qualität, die meisten Bühnen sind mit modernen Soundsystemen, hervorragenden Bands oder Orchestern ausgestattet. Und weil Musicals eine so sichere Bank beim Publikum sind, werden oft auch ausgefallene Stücke ins Programm genommen.

Dieses Jahr waren aber wieder die Klassiker dran: Auf der Treppe in Schwäbisch Hall gab es „Cabaret“, mit seiner Schilderung des Kapitulierens vor der Machtergreifung der Rechten das Stück der Stunde, außerdem die „West Side Story“ mit einer zerbrochenen Freiheitsstatue. Auch Ettlingen zeigte die Romeo-und-Julia-Adaption in einer modernen Inszenierung. Ötigheim bot „My Fair Lady“, Zwingenberg „Evita“. Einzig die Burgfestspiele Jagsthausen rissen aus und gratulierten dem Komiker Mel Brooks mit dem schrillen, aber lustigen Musical „Frankenstein Junior“ zum 100. Geburtstag. In Zeiten wie diesen können zwei Stunden sinnlos Lachen so guttun.

Fotos: Burgfestspiele Jagsthausen/Tobias Metz („Jesus Christ Superstar“), Freilichtspiele Schwäbisch Hall/Ufuk Arslan („Cabaret“ und „West Side Story“), Schlossfestspiele Zwingenberg/Martin Hahn („Evita“).


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