Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Freunde? Dank dieser Töne? (zum Zweiten)

Lesezeit: 2 Minuten

Zum Start der kesseltönigen Reihe über Beethovens Neunte, die Paradesinfonie zum Jahreswechsel, ging Susanne Benda auf die allgemeingültige, zeitlose Aussage des Werks ein. Jürgen Hartmann sekundiert ihr mit Gedanken zu glorreichen Aufführungen.

Was ist der Sinn von Ritualen? Sicherheit zu verbreiten? Selbstvergewisserung zu ermöglichen? Oder ist alles bloß Routine? Letzteres gilt eher für das Neujahrskonzert in Wien, das schnell ein bisschen langweilig werden kann. Hm-ta-ta in Dauerschleife, dann Radetzkymarsch, und nach einigen Takten Donauwalzer wünscht der Dirigent ein gutes neues Jahr. Da passt es, wenn man beim Neujahrsbrunch noch ein letztes Gläschen Sekt zwitschert, während Thielemann den Taktstock schwingt.

Zu Beethoven, gar zur Neunten, passt das eigentlich nicht. Und gerade so wird die Sache interessant, als Ritual mit Reibung. Das Gefühl von Sicherheit, geschenkt: Die Neunte, man kennt sie! Der neue Dirigent, geht so, aber die Sopranistin noch besser als letztes Jahr! Selbstvergewisserung, das ist schon nicht mehr so einfach: Klar, alle lieben Beethoven, manche können die Neunte mitsingen, aber dass sich die visionäre Weltumarmung auch zwei Jahrhunderte nach der Uraufführung nicht eingestellt hat, eignet sich nicht für einen unbeschwerten Trinkspruch.

Und Routine – nein, die muss nicht, kann nicht sein. Es hat sich so viel getan in Sachen Beethoven, und Stuttgart war daran sogar beteiligt. Man muss Roger Norringtons manchmal aberwitzige Tempi (die Neunte, gerade mal eine Stunde!) ja nicht durchweg mögen, aber seine Beethoven-Abende waren Sternstunden, auch wenn sie auf CD nicht so strahlen wollen wie die überraschenden Beethoven-Erkundungen von Claudio Abbado (nie machten die Berliner Philharmoniker so viel Krach!) oder Paavo Järvi (nie hörte man die Details, den Dialog der Instrumente so geschärft!). Bei Giovanni Antonini tönt die Neunte nicht nur dialogisch, dialektisch, divers, sondern sogar gebietsweise heiter, was dem Werk ganz gut steht, und auch Altmeister wie Blomstedt und Chailly haben kürzlich der sprengkräftigen Sinfonie viel mehr als routinierten Glanz abgewonnen.

Die Neunte zum Jahreswechsel, zum 3. Oktober, zu lokalen Gedenktagen ist nicht Routine, sondern Chance. Auf der sicher sich anfühlenden Grundlage eines Rituals wird ein Werk, das uns viel zu sagen hat, immer aufs Neue befragt. Vielleicht wird dieses Werk mit einem Kontrastmittel belebt, mit ganz neuer oder auch mal ganz alter Musik vorneweg. Wie auch immer: Um diese Sinfonie nur als routinierte Feierstunde zu verstehen, müsste man geradezu weghören. Und da sei Beethoven vor!

Abb.: Beethoven-Triptychon, Teil 2, von Holger Schneider


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Wie war’s bei den Phillies mit Filmmusik ohne Film?
    Kurze Werke junger Filmmusik-Komponist:innen von der Filmakademie Baden-Württemberg präsentierten die Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Frank Strobel im Gustav-Siegle-Haus in großer Besetzung. Ute Harbusch war dabei und sprach mit Petra Heinze darüber.
  • Hört mehr Klassik! Die Gauthier Dance Juniors im Theaterhaus
    „Radical Classical“ heißt das Motto: Sieben eigenwillige Choreografien zu klassischer Musik präsentieren die Nachwuchsstalente von Eric Gauthier im Theaterhaus. Dazu gibt es kurze Videos von Künstler:innen der Klassikszene. Unsere Autorin Angela Reinhardt war bei der Premiere.
  • Liedprogamm der IHWA: Ein Glück, dass wir Schubert haben
    Tieftraurig und zu jung gestorben – das soll Franz Schubert sein? Gar nicht, findet unser Autor Holger Schneider, der einem Liedprogramm der Hugo-Wolf-Akademie (IHWA) mit Samuel Hasselhorn (Bild) und Ammiel Bushakevitz lauschte: kein Kitsch, kein Klischee, nur riesiges Glück.
  • Das Winterrätsel: Wer schrieb das?
    Ich glaube nicht, dass der Krieg nur von den Großen, von den Regierenden und Kapitalisten gemacht wird. Nein, der kleine Mann ist ebenso dafür. Sonst hätten sich die Völker schon längst dagegen erhoben!
  • Demokratie heute (3): Mitbestimmen im Chor?
    Was hat Chorsingen mit Demokratie zu tun? Geht das überhaupt und wenn ja, wie? Unsere Gastautorin Maria Bätzing hat Chöre mit demokratischem Anspruch zu ihrem Tun befragt.