Das passende Musical zur aktuellen Weltlage: Deutlich ambitionierter als gängige „Jukebox-Musicals“ über Poplegenden fand unsere Autorin Angela Reinhardt die Premiere von David Bowies „Lazarus“ am Theater Heilbronn, mit einem Helden, der nur noch weg will von dieser Erde.
Bei musikalisch großartiger Qualität bejubelte das Premierenpublikum am Samstag David Bowies Musical „Lazarus“ mit Standing Ovations. Dieses zehn Jahre alte Musical feiert nicht die Ikone David Bowie, sondern beerdigt sie gewissermaßen. Das seltsame Stück hatte kurz vor seinem Krebstod Premiere und wirkt wie ein Requiem des sterbenden Sängers auf sich selbst. Benannt nach dem Mann, den Jesus in der Bibel von den Toten auferweckte, ist „Lazarus“ eine so exzentrische wie faszinierende Mischung aus bekannten Songs und völlig rätselhaften Dialogen, aus Todessehnsucht und irdischen Banalitäten, ein Musical aus tausend Assoziationen, aber ohne Handlung. Diese Idee hatte vor langer Zeit schon Stephen Sondheim mit „Company“, aber Bowie treibt sie mit merkwürdigen Charakteren, die vielleicht nur Gedankensplitter eines Einsamen sind, zu neuen Höhepunkten.
Menschen, die zu Fantasien werden
Das Musical greift den Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ auf, den der sich ständig neu erfindende Popstar im Jahr 1976 drehte. Mit dem Außerirdischen, der auf der Erde verzweifelt, fügte der Sänger seinem Image als androgyne Avantgarde-Ikone eine weitere, chamäleonhafte Identität hinzu. „Lazarus“ zeigt diesen Thomas Newton nun Jahrzehnte später in der heutigen Welt: einsam und völlig desillusioniert, reich wie Elon Musk und ewig jung wie Dorian Gray, noch immer an der Rakete bauend, die ihn zurück auf seinen Heimatplaneten bringen soll. Er trauert der verlorenen Mary-Lou nach, die er im Film liebte, und fühlt sich als „ein Sterbender, der nicht sterben kann.“ Umgeben ist er in seinem hochtechnisierten Penthouse von diversen Gestalten, die anfangs noch reale Menschen, später eher seine Fantasien sind – eine ihm bis zur Selbstaufgabe ergebene Assistentin (Juliane Schwabe, links im Bild), ein namenloses Mädchen in Engelsweiß (Cosima Fischlein) und eine Art Mephisto, der vor allem zerstören will (Oliver Firit, alle mit starken Stimmen).

Buch und Dialoge verfasste der irische Dramatiker Enda Walsh, auch Autor des Songwriter-Musicals „Once“, das die Landesbühne Esslingen letzte Spielzeit zeigte (Siehe Kritik https://kesseltoene.de/endlich-mal-was-anderes). Statt einer Handlung gibt es in „Lazarus“ Begegnungen, Erinnerungsblitze und Wahnbilder. Die kurzen Dialogszenen heben, eher per Assoziation, immer wieder in die ähnlich kryptischen Texte der Bowie-Songs ab, die vom Heilbronner Ensemble beeindruckend interpretiert werden. Vier Lieder hat er damals für das Musical neu geschrieben, ansonsten illustrieren alte Hits wie „Absolute Beginners“ oder „This Is Not America“ das Leiden Newtons (gesungen wird in Englisch).
Eine dankenswert minimalistischE Bühne
Obwohl das Musical nur kurz am Off-Broadway und später im Londoner West End gezeigt wurde, stürzten sich die deutschen Theater, vor allem Schauspielhäuser, regelrecht darauf, rund ein Dutzend Inszenierungen gab es seit der deutschen Erstaufführung 2018. In Heilbronn setzt Ausstatter Sebastian Ellrich die komplette Bühnentechnik in Gang und bleibt doch dankenswert minimalistisch. Leuchtende Rahmen schweben wie riesige Puzzleteile um Newtons Kommandozentrale, wo vor einem großen Bildschirm eine Art Sarkophag liegt; darin ruht seine Rakete. Rechts erscheint eine tiefe Schlucht aus Steinen, links zucken glitzernde Showtänzer, oben rieselt Schnee auf ein Gebirge: Fernsehflimmern, Erinnerungsfetzen und digitale Schemen prallen als Erlösungsfantasien und grelle Bezüge aus der Außenwelt aufeinander. Ermordete stehen ganz einfach wieder auf.

Regisseur Thomas Winter zeigt den exzentrischen Helden als einen Todesmüden, der nur eines will: Weg von dieser Erde – es ist das passende Musical zur aktuellen Weltlage. Im weißen Anzug, ähnlich ephebenhaft wie der junge Bowie, klagt Nikolaj Alexander Brucker mit klarer Rockstimme und verwandelt zum Schluss, mit Hilfe des Mädchens ohne Namen, die Desillusion Thomas Newtons in eine leise Hoffnung. Das Musical endet in einer langsamen, traurigen Version von Bowies Welthit „Heroes“ – Dirigent Heiko Lippmann und seine großartige Rockband geben ihr einen stillen Zauber mit, der in ein surreal-schönes Bild mündet: Der Held fliegt in einer Kinderzeichnung seiner Rakete los und findet am Ende doch noch Frieden – auf einem vernarbten Planeten wie Saint-Exupérys Kleiner Prinz, weit weg von der Erde, die wie ein blaues Juwel draußen im All aufgeht.
Fotos: Candy Welz
Weitere Termine: www.theater-heilbronn.de . Ab Ende März gastiert im Heilbronner Theater auch Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“, das den Musicalklassiker in die evangelikale Welt eines modernen Diktators verlegt.


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