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Das SKO spielt Fußball – ein Erlebnisbericht

Lesezeit: 3 Minuten

Stadiongesang plus Streichorchester plus Chor. Passt das zusammen? Und wie, sagt unsere Autorin Ute Harbusch, die als Sängerin des Bachchors Teil des neuartigen Konzertformats „Klassik trifft Kurve“ wurde.

Die Trommeln sind einfach nicht zu schlagen. Gesang aus hunderten von Männerkehlen, grundiert von rhythmischen Schlägen, gibt den Takt vor und zwingt ein Orchester, sei es auch elektronisch verstärkt, im Tempo nachzugeben. Klassik war angetreten gegen Kurve im ausverkauften Hegel-Saal beim gemeinsamen Benefizkonzert des Stuttgarter Kammerorchesters (SKO) und des Vereins für Bewegungsspiele Stuttgart (VfB).

Ausgedacht hatte sich das der SKO-Intendant Markus Korselt. Da er für eine Überraschungseinlage kurz vor Schluss des Programms einen Chor brauchte, hatte der Cannstatter Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn mit uns – immerhin fünfzig Kehlen – Händels Krönungshymne „Zadok the Priest“ einstudiert. Wir sangen mit Emphase, VfB-Schals um den Hals und nahtlosem Übergang zur Champions-League-Hymne, passenderweise auf dieselbe Musik. Zwischen Soundcheck und Konzert war im Foyer noch Zeit für ein Stadionbier, das stilvoll im Glaspokal statt im Plastikbecher serviert wurde, und für ein Selfie mit Fritzle, dem VfB-Maskottchen.

Fritzle mit den Bachchor-Sängerinnen Ute Harbusch (li.) und Heidi Apel im Foyer

Zurück im Saal, war der nicht wiederzuerkennen. Mit einem riesigen Banner und zwei an der Brüstung befestigten Trommeln hatte Commando Cannstatt 1997 den Hegel-Saal kurzerhand zur Cannstatter Kurve umfunktioniert. Commando Cannstatt ist, sagen wir, die künstlerische Abteilung der VfB-Ultra-Fanszene, die mit Fahnen, Gesängen und Choreografien das Geschehen auf dem Platz begleitet.

Nach einer Begrüßung durch den Stadionsprecher, bei der die VfB-Frauen immerhin mehr Applaus bekamen als die anwesende politische Lokalprominenz, ging’s los. Philipp Volksmund von Die Fraktion sang als Kantor die Frage in den Raum: „Wer spielt für uns in Rot und Weiß?“ „VfB, VfB!“ antwortete die Gemeinde – nur hundertmal lauter als eine solche. Die Texte der Fangesänge waren im Programmheft abgedruckt und sprachlich eher schlicht („Nach all der Scheiße geht’s auf die Reise“, „Ohooo“, „Lalalalalalala“) mit fragwürdigen Untertönen („Fahnen“, „siegen“, „rot“, „Tod“). Doch um Politik solle es an diesem Abend nicht gehen, meinte der Moderator.

Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit in Aktion

Jonathan Hanke von den Hanke Brothers hatte zwölf Fangesänge für Orchester arrangiert und verständigte sich, selbst mit einer Trommel ausgestattet, von der Bühne aus mit den Ultras auf der Empore, die am Vorabend – ja, wirklich – mit dem SKO geprobt hatten. Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit und ihr Team spielten außerdem Metallica und Iron Maiden, Dvořák und Vivaldi. Musikalischer Star des Abends war ganz klar diese Frontfrau, die mit einer unfassbaren Energie einfach alles gab, als ginge der Trainer selbst als Stürmer aufs Tor.

Alles gegeben haben auch die Fußball-Fans, deren ohrenbetäubendes Singen den Saal zum Kochen und deren simultanes Hopsen die Tribüne, pardon: Empore fast zum Einstürzen brachte. Wo war nun die Bühne, vorne oder im Saal? Das Tollste aber: Man hat einander zugehört, die Klassik der Kurve und die Kurve der Klassik. Insofern war der Abend also doch politisch. Und ich habe begriffen, dass Händels Massenchöre nichts anderes waren als Stadiongesänge vor Erfindung des Fußballs. Ich weiß nicht, wie viele neue SKO-Abos nach dem Konzert abgeschlossen wurden. Am nächsten Morgen habe ich jedenfalls meinen Mitgliedsantrag an Commando Cannstatt geschickt.

Stuttgarter Kammerorchester und Bachchor Stuttgart in VfB-Montur

Fotos: Reiner Pfisterer (1. Bild), privat (2. Bild), Oliver Röckle (3. und 4. Bild)


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