Das 125. Jubiläum der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben im Vorjahr wurde von Vorwürfen gegen den bisherigen Chorleiter überschattet. Dessen Nachfolge tritt im August Philipp Klahm an. Der gebürtige Sindelfinger ist derzeit Chorleiter am Konservatorium Winterthur. Jürgen Hartmann hat mit ihm gesprochen.
Jürgen Hartmann: Herr Klahm, uns verbindet eine Leidenschaft fürs Gärtnern und wir wissen deshalb, dass die Pflänzchen nicht immer das tun, was der Gärtner will. Wenn man einen Garten übernimmt, erkennt oder weiß man, dass er schwere Zeiten hinter sich hat. Welche Gartenwerkzeuge werden Sie in die Hand nehmen, wenn Sie Ihren neuen Garten namens Hymnus-Chor übernehmen?
Philipp Klahm: Oh, Sie steigen gleich metaphorisch ein! Ich bin gerne mit kurzstieligem Werkzeug unterwegs, mit dem man nah an der Sache dran sein kann. Man muss genau hinschauen und sieht, um welche Pflänzchen es sich handelt. Ob die Pflänzchen machen, was sie sollen, ist ja immer auch eine Frage des Blickwinkels. Und manchmal ist es ja schön, wenn Pflanzen an überraschenden Orten wachsen, weil sie dort mehr Licht und Nährstoffe bekommen als am ursprünglich vorgesehenen Platz. Wenn man einen Garten übernimmt, ist es wichtig, erst mal zu schauen, was ist Gutes da – und wie kann man es ein wenig sortieren.
Jürgen Hartmann: Was ist für Sie das Besondere an einem Knabenchor?
Philipp Klahm: Eine kindliche Naivität, ein Zugang zur Musik, der zu einer ungefilterten Wiedergabe führt. Der Hymnus ist ein sehr großer Chor und es macht schon einen Unterschied, wenn man 30 Soprane hat. Das ist eine besondere Energie und Klangfarbe, und das fasziniert mich bei der Arbeit mit Knabenchören sehr.
Es soll Freude machen, den Klang zu produzieren
Jürgen Hartmann: Probt man anders mit einem Knabenchor als mit Erwachsenen?
Philipp Klahm: Tendenziell nicht. Die Energie muss in die gemeinsame Richtung gelenkt werden, es soll Freude machen, den Klang zu produzieren und gleichzeitig gemeinsam mit den anderen etwas zu gestalten. Aufeinander zu hören, sich bewusst als Teil eines Teams zu verstehen, wie beim Synchronschwimmen! Ich glaube, für die Jungs ist es ausschlaggebend, dass sie miteinander in einer guten Gemeinschaft sein können. Das sorgt dann dafür, dass der Chor zum Klingen kommt. Die Jungs sollen zur Probe kommen mit dem Willen, bestmöglich gemeinsam Musik zu machen.

Besondere Energie und Klangfarbe: Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben
Jürgen Hartmann: Es geht also darum, die soziale Komponente zu stärken?
Philipp Klahm: Das ist der einzige Schlüssel, damit es funktioniert. Die Augen sollen leuchten, die Begeisterung da sein, auch um schwer zugängliche Texte aus dem Kanon der Chorliteratur zu bewältigen. Werke, um die man sich als Erwachsener schon auch bemühen muss, mit Zwölfjährigen aufzuführen, ist eine besondere Herausforderung. Man kann auch mal musikalische Affekte auf theatralische Weise ausprobieren, die Jungs sozusagen in eine Rolle schlüpfen lassen. Kurzum: Ich bemühe mich, kindgerecht mit der Literatur, die wir aufführen, umzugehen.
Jürgen Hartmann: Wie stark ist die kirchliche Verankerung des Hymnus-Chors? Ist das eher ein organisatorischer Aspekt oder hat es inhaltliche Bedeutung?
Philipp Klahm: Ich glaube, es ist eine zentrale Aufgabenstellung, Musik und Kirche miteinander in Verbindung zu bringen und das Wort zur Verkündung zu nutzen. Man muss letztendlich die evangelische Kirche und den Hymnus zusammendenken.
Stuttgart ist ein wertvolles Pflaster
Jürgen Hartmann: Nun sind die Kirche als prägende Institution und auch der klassische Konzertbetrieb nicht mehr ungefährdet. Streben Sie neue Konzertformate an, um ein aktuelles Publikum abzuholen?
Philipp Klahm: Es gibt natürlich gewisse Erwartungen an einen traditionellen Knabenchor und es gehört einfach zum Hymnus dazu, dass das klassische Repertoire gepflegt wird. Ich übernehme vorhandene Planungen, und um neue Akzente zu setzen, muss ich schon über das Jahr 2028 nachdenken. Aber ja, man muss sich um die Zukunft kümmern und auch überlegen, wo Gelegenheit ist, etwas Neues auszuprobieren.
Jürgen Hartmann: Stuttgart ist eine gewichtige Chorstadt. Schüchtert Sie das ein?
Philipp Klahm: So habe ich das noch nie gesehen! Mir macht das eher Vorfreude darauf, in diesem Zentrum der Chormusik ein Netzwerk knüpfen zu können und im Austausch zu sein, auch in Richtung Kunst oder Literatur. Ich glaube, Stuttgart ist ein wertvolles Pflaster dafür, innerhalb der evangelisch-kirchlichen Prägung neue Wege zu gehen.
Weitere Infos zur Person finden Sie hier.
Fotos: Patrick Gutenberg (Philipp Klahm), Dominique Brewing (Chor)


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