Die Kommunikation zwischen Kulturmacher:innen und dem Publikum ist so eine Sache. In einer sommerlichen Serie untersuchen die Kesseltöne verschiedene Aspekte dieser fragilen Beziehung. Sind die einen arrogant, die anderen ignorant?, fragt als Erster Jürgen Hartmann.
Ich neige ein bisschen zu Lampenfieber: Immer zwei Minuten vor einem öffentlichen Auftritt habe ich meinen Text vergessen. Öffentliche Auftritte gab es in meiner Zeit als Dramaturg viele: als gelegentlicher Kleindarsteller, in Matinéen zu Premieren, Einführungen zu Konzerten und Opernabenden, Führungen durch das Theater, Leitung von Podiumsdiskussionen. Als junger Mensch in der Theaterprovinz machte ich das alles einfach so – mit etwas Aufregung vorneweg, dem erwähnten Lampenfieber, und viel Arbeitsaufwand.
Und dann Stuttgart, so mit vierzig. Nach einer Weile sollte ich in der Bachakademie, später als Vertretung in der Oper und gelegentlich bei anderen Veranstalter:innen Einführungsvorträge machen. Das Publikum in Stuttgart, wie ich es bis dahin beobachtet hatte, machte mir ein bisschen Angst. Was ich aus Greifswald, Görlitz, Dresden eher so kannte: „Warum machen Sie denn die Stücke immer so modern?“, sah ich für Stuttgart so voraus: „Ihre Sicht auf diese Bachkantate ist fehlerhaft“.
Aber so wie es entgegen populistischer Rechthaberei nicht „das Volk“ gibt, so gibt es auch nicht „das Publikum“ oder, wie einer meiner Chefs zu formulieren pflegte, „die Leute“. Das hatte ich früh gelernt, und dabei auch, wie man ein Publikum vergraulen kann: Besagter Chef sagte öffentlich, er könne schließlich nichts dafür, wenn „die Leute hier ‚Don Carlos‘ nicht kennen“. Hier, das war weit oben im Nordosten Deutschlands, kam das gar nicht gut an.
Angst vor zurückweisung
Arroganz und Angst haben nicht nur den Anfangsbuchstaben gemeinsam. Ein bisschen Küchenpsychologie aus dem Focus-Magazin: „Arrogantes Auftreten – aus Angst davor, zurückgewiesen zu werden – wirkt auf andere tatsächlich abweisend, was die Angst vor Zurückweisung nur noch weiter verstärkt“.
Mir begegneten immer wieder Kulturmacher:innen, die die Herablassung gegenüber dem Publikum verinnerlicht hatten: „Die Leute“ sind, sobald sie ihrer Abneigung Ausdruck geben oder gar nicht erst erscheinen, ignorant, verstockt, ungebildet oder schlichtweg blöd. Bestätigt das womöglich auch eine Allensbach-Studie im Auftrag der FAZ, die einen unschönen Zusammenhang zwischen besserer Bildung und steigender Intoleranz feststellte? Eine Brücke zum Publikum zu bauen, ist dann überhaupt keine Option.
Angstfrei mit dem Publikum reden
Regelmäßig besuche ich ein Theater in Süddeutschland, wo der Spielplan nach außen hin so wirkt, als verweigerten sich die Verantwortlichen geradezu den bekannten Stücktiteln, auf die das Publikum angeblich so steht. Dieses Theater ist immer, wirklich immer, so gut wie ausverkauft. Weil das Theater angstfrei mit dem Publikum redet, zwischendurch im Foyer, vor und nach der Vorstellung, teils offiziell in Einführungen und Nachgesprächen, teils inoffiziell in kleinen Gruppen oder unter vier Augen. Man geht auf naivste Fragen ein, man diskutiert aber auch, ob die eigene Sicht auf ein Werk fehlerhaft sein könnte.
Ein Mittel gegen Angst ist Akzeptanz. Man könnte versuchen, gegenseitiges Unverständnis zu ergründen und dabei zu akzeptieren, dass eine Zuschauerin, die direkt aus ihrem stressigen Job in eine Kulturveranstaltung kommt, vielleicht nicht allen künstlerischen Höhenflügen gewachsen ist. Oder dass ein Regisseur, der für wirklich alles den Kopf hinhalten muss, manchmal eine Sprache pflegt, die nicht unmittelbar verständlich ist – in Bild und Ton. Dass Diversität auch konservative Haltungen einschließt. Und dass Kunst und Unterhaltung sich nicht ausschließen, sondern man sich über Kunst unterhalten muss.
Foto: Victor S. Brigola


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