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Dialoge (3): Wenn das Publikum zur Feder greifen soll

Lesezeit: 2 Minuten

Ute Harbusch stellt verschiedene Initiativen von Kulturmacher:innen vor, ihr Publikum zum Schreiben zu bringen. Zwar ist es eine schöne Möglichkeit, das zuvor Gehörte und Gesehene zu verarbeiten und gleichzeitig zu verbreiten, birgt aber auch manchen Schrecken.

Everyone’s a critic. Hat das digitale Zeitalter uns nicht alle zu Weltmeistern im Rezensieren gemacht? Hemmungslos rezensieren wir Restaurants, Hotels, unsere Zahnärztin und unseren Apotheker, Laufschuhe und Espressomaschinen. Wir vergeben Daumen, Sternchen und Smileys und bewerten in den Sozialen Medien die Bewertungen von Bewertungen. Sollte sich da nicht auch die ein oder andere Rezension eines Bühnenereignisses finden lassen?

Um die Schwelle zwischen dem Publikum und den Veranstaltenden zu überwinden, haben letztere neben Gesprächsformaten oder Meet-and-Greets auch schriftliche Dialogangebote ersonnen. Partizipation heißt das Stichwort. Über Social-Media-Hashtags und andere digitale Foren werden Publikumsstimmen gesammelt und auf den eigenen Kanälen publik gemacht. Als Pioniere auf diesem Gebiet gelten das Royal Opera House in London und das Konzerthaus Berlin. Inzwischen finden sich jedoch auf den Webseiten beider Häuser keinerlei Spuren solcher Feedback-Formate mehr. War die Betreuung zu arbeitsintensiv? Oder ging den Laienkritiker:innen die Puste aus?

Vor Jahren schon hatte auch in Stuttgart die Konzertdirektion Russ ihr Publikum einmal dazu eingeladen, Kritiken zu verfassen, um diese dann auf ihrer Homepage zu veröffentlichen. Nach Auskunft von Michaela Russ machten genau zwei Besucher:innen davon Gebrauch. Die beiden Besprechungen sind mittlerweile veraltet und nicht mehr nachzulesen, zudem wurde die Homepage zwischenzeitlich neu aufgesetzt.

Über die Gründe für diese geringe Resonanz lässt sich spekulieren. Gerade Musik ist die Kunstform, die am unmittelbarsten berührt, aber am schwersten in Worte zu übersetzen ist. Das Schreiben selbst verlangt Übung. Eine Rede ist bekanntermaßen noch keine Schreibe. In puncto Quantität wie Qualität ergiebiger sind da Education-Projekte für den Nachwuchs. Kinder und Jugendliche werden in Workshops auf das Kritiken schreiben vorbereitet und bringen dann – wenn auch zumeist im Klassenzwangskollektiv – gelegentlich durchaus annehmbare Ergebnisse hervor.

Im FITZ, Das Theater animierter Formen, begegnete mir vorletztes Jahr eine sympathische, da niedrigschwellige Form schriftlicher Publikumsresponse: Das Theater verteilte nach der Vorstellung von „Just before Falling“ Postkarten an die Zuschauer:innen und animierte sie dazu, ad hoc einen kurzen Kommentar zum Erlebten zu verfassen. Die Postkarten wurden an die Wand gepinnt, wo sie auch die nächsten Tage über hängenbleiben durften. Auf diese Weise entstand ein analoger, kollektiver Echoraum für das flüchtige künstlerische Bühnenereignis.

So gab und gibt es also einige unterschiedlich aufwendige und unterschiedlich langlebige Initiativen seitens der Kulturmacher:innen, ihr Publikum zum Schreiben zu bringen. Flächendeckende Praxis ist es aber nicht. Vielleicht haben die Veranstalter:innen noch nicht ausreichend über den Sinn und die Form solcher Initiativen nachgedacht. Vielleicht scheuen die Laienkritiker:innen den Aufwand, möglicherweise auch den Vergleich mit den Profis. Denn bei näherer Betrachtung steht die Nachbesprechung einer Theater-, Konzert- oder Opernaufführung wohl doch auf einem anderen Blatt als die Rezension meines Frühstückscroissants.

Foto: Victor S. Brigola


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