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Beeindruckend: Das Musical „Die Weiße Rose“ im Theaterhaus

Lesezeit: 3 Minuten

Im Stuttgarter Theaterhaus gastiert ein Produktion, die das Schicksal der Geschwister Scholl zu einem packenden Musical gemacht hat. Unsere Autorin Angela Reinhardt besuchte zusammen mit Schüler:innen eine morgentliche Aufführung.

Muss das jetzt auch noch sein, fragt sich der Bildungsbürger, der seine Vorurteile dem amerikanischen Genre Musical gegenüber seit den „Cats“-Zeiten der 1980er gepflegt hat. „Die Weiße Rose“ von Alex Melcher und Vera Bolten aber, uraufgeführt vor einem Jahr im Festspielhaus in Füssen, zeigt mit ganz erstaunlicher Wirkung, wo das Genre heute steht, wie man ein junges, nicht unbedingt theateraffines Publikum abholt und ihm mit Originaltexten den unglaublichen Mut ihrer Altersgenoss:innen von damals vor Augen führt.

Bolten und Melcher, beide bekannte Darsteller:innen der deutschen Musicalszene, greifen zu einem ähnlichen Trick wie die Erfinder von „Spring Awakening“, der tieftraurigen Broadway-Rockversion von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“: Die jungen Menschen einer lange vergangenen Zeit singen in heutiger Musik über ihre Gefühle und Probleme. Und das sind in „Die Weiße Rose“ genau die gleichen, die junge Menschen 100 Jahre später haben: Streit mit den Eltern, erste Liebe und Trennung, Schule und Studium, Berufswahl.

Ambitionierte Jugend

Vielleicht war die damalige Jugend ambitionierter als die wohlstands- und friedensverwöhnte Generation Alpha, die eine morgendliche Schulaufführung des Musicals im Theaterhaus besuchte und trotz ihrer offensichtlichen Begeisterung Mühe hatte, sich zweieinhalb Stunden zu konzentrieren: Die Geschwister Scholl und ihre Freund:innen lieben den Aufenthalt in der Natur, Sophie will unbedingt ins Museum nach München und moderne Kunst sehen, in den Diskussionen der Widerstandsgruppe geht es um persönliche und politische Freiheit.

Es geht um die Freiheit: Die Widerstandskämpfer:innen Sophie und Hans Scholl mit Flugblättern

Mit jungen, authentischen Darsteller:innen, mit einer eher ruhigen, aber intensiven Musik zwischen Liedermacher-Lyrik, Rocksongs und Folk-Einflüssen, mit vielen Originalbriefen, Tagebucheinträgen und den Texten der Flugblätter folgt das Stück historisch akkurat der Geschichte der Gruppe, porträtiert ihre Mitglieder wie Christoph Probst und Alexander Schmorell und zeigt das liberale Ulmer Elternhaus der Geschwister mit einem liebevollen schwäbischen Einschlag.

Die Briefe zwischen Sophie und ihrem Verlobten Fritz werden zu wiederkehrenden Duetten einer fernen Liebe, der Deutschrusse Schmorell fragt sich zu Beginn des Russlandfeldzugs mit harten Rockrhythmen, wo seine Heimat ist. Hans Scholl zweifelt als heimlich homosexueller und sehr einsamer Intellektueller an den politischen Umständen und an sich selbst, ein so sprödes wie beeindruckendes Porträt von Jonathan Guth.

Inszenierung von Brechtscher Kargheit

Die Inszenierung von Brecht’scher Kargheit stammt ebenfalls von Vera Bolten: ein paar Holzwürfel und zwei Treppen reichen als tiefschwarzes Bühnenbild, über der oberen Ebene stehen immer wieder die Jahreszahlen, weiße Linien entwickeln sich in Projektionen zu Bergen, Städten, Wolken, ein Hinweis auf Sophie Scholls Liebe zum Zeichnen. Manchmal sieht man historische Filmeinblendungen von Nazi-Versammlungen oder erfrierenden Stalingrad-Soldaten, gegen die schwarzen Kostümen setzen sandbraune Nazi-Uniformen oder zwei riesige Hakenkreuzfahnen Akzente.

Die sowohl mit Streichern wie mit E-Gitarren besetzte Band sitzt hinter einer durchsichtigen Leinwand auf der Bühne; je dramatischer die Lage wird, desto unheimlicher dröhnt und rockt Alex Melchers Musik. Die Klänge der Familie, der Freunde und der Liebe sind sanft und fast volksmusikartig einfach, auch das hat er von Musicals wie „Spring Awakening“ und „Next to Normal“ gelernt.

Die Gestapo-Auftritte, die Verhörszenen und der brüllende Richter bei den Prozessen wirken trotz ihrer Kürze absolut beängstigend (Daniel Berger spielt all die gnadenlosen Nazis), genauso die Rede eines Gauleiters an der Universität München, der die anwesenden Studentinnen an den Herd verbannen will. Angefangen bei der jungen, so zarten wie entschlossenen Friederike Zeidler als Sophie spielt und singt das elfköpfige Ensemble in seinen wechselnden Rollen großartig.

Die Gymnasiast:innen im Saal wollten am Ende ihre Begeisterung loswerden und verpassten zunächst den Zeitpunkt, angesichts der eingeblendeten Hinrichtungsdaten aller Gruppenmitglieder still zu sein. Ob sie so viel Zivilcourage und Mut aufbringen könnten und würden wie diese jungen Widerstandskämpfer:innen?

Fotos: Jonas Melcher


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