Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Wie war’s bei den „Kammer-Spielen“ von Musik der Jahrhunderte?

Lesezeit: 3 Minuten

Das jährlich von Musik der Jahrhunderte (MdJ) ausgerichtete Festival „Sommer in Stuttgart“ lud am Sonntagnachmittag und frühen Abend zu „Kammer-Spielen“ ein, die aus drei Konzerten bestanden. Ute Harbusch war vor Ort und sprach mit Petra Heinze darüber.

Petra Heinze: Liebe Ute, mit den „Kammer-Spielen“ hast Du Dich auf einen Neue Musik-Marathon eingelassen. Es waren drei aufeinander folgende Konzerte mit den beiden MdJ-Hausensembles Neue Vocalsolisten (Bild) und Ascolta, ergänzt um die Geigerin Sara Cubarsi. Konnte man dem so lange folgen?

Ute Harbusch: Es zog sich schon hin, zumal es insgesamt noch eine Viertelstunde länger dauerte als angekündigt. Das waren also dreieinviertel Stunden Musik mit zwei Ortswechseln, aber praktisch ohne Pause. Mir schien, dass es eine gewisse Fluktuation im Publikum gab. Zum Ende des ersten Teils und im dritten Teil gab es Uraufführungen von Sven-Ingo Koch, Anton Schukau, Gregory Kharaneka und Vahid Hosseini, auf die mancher gespannt sein mochte.

Petra Heinze: Zog sich eine dramaturgische Idee durch die drei Konzerte?

Ute Harbusch: Das Festivalmotto „Freiheit“ konnte ich nicht wiederfinden. Um Liebe ging es gelegentlich, aber nicht durchgängig. Für Zusammenhalt sorgten die Bogenform – Vocalsolisten mit Geige zu Beginn und zum Schluss, Ascolta mit Cello und Perkussion in der Mitte – sowie der ernste, hieratische Duktus des Ganzen. Tatsächlich blitzte nicht ein einziger Funke Humor im Bühnendunkel auf. Inszenierte Momente gab es kaum. So wurde der Klang zwar nicht zum verbindenden, aber zumindest zum übergeordneten Moment.

Petra Heinze: Welche Komposition hat Dir am besten gefallen?

Ute Harbusch: Einnehmend fand ich gleich zu Beginn „Continuums“ von Dariya Maminova, 2023 als Auftragswerk von Musik der Jahrhunderte für die Reihe „Poetry Affairs“ der Neuen Vocalsolisten entstanden. In Ausdruck und Technik höchst unterschiedliche Miniaturen fügen sich abwechslungsreich zu einem Ganzen. Dabei kamen die stimmliche Schönheit und Kontrolle des Ensembles voll zur Entfaltung. Die Sänger:innen lassen einen fast physisch greifbaren Dom aus Obertönen über sich entstehen, das ist phänomenal.

Petra Heinze: Hat Dich noch eine Präsentation so beeindruckt?

Ute Harbusch: Mein nächstes Klang-Ereignis waren die „Reflections of Eternity“ von Michael Pelzel, 2025 bei den Frakzionen in Bielefeld uraufgeführt von Julian Belli. Der agierte auch jetzt wieder inmitten einer Installation aus zahllosen Schlaginstrumenten, ließ Glocken, Chimes, Glockenspiele, Triangel, Röhren, Zimbeln, Becken, Gongs, Klangschalen und ein Paukenfell knarzen, knurren, wummern und wabern, klingeln, schellen und gellen, dröhnen und tönen. Aber das Spektakel war keine Show, sondern erzeugte durch gezielt wiederholte Gong- und Glockenschläge wirklich einen Eindruck von Überzeitlichkeit.

Julian Belli ist seit 2014 Mitglied von Ascolta

Foto: Dominik Mentzos

Petra Heinze: Wenn Du das Konzert nochmal besuchen dürftest, hättest Du dafür einen Wunsch an die Macher:innen?

Ute Harbusch: Über die schiere Menge des Gebotenen haben wir schon gesprochen. Wobei Überfülle nicht per se ein Nachteil sein muss. Es ist vermutlich eine Frage der Kondition. Die Eingeweihten schienen zu wissen, worum es ging. Ich dagegen bin weder mit Neuer Musik noch mit den Riten eines Neue Musik-Festivals vertraut. Die Werkkommentare im digitalen Programmheft waren mal von den Komponist:innen selbst, mal gar nicht namentlich gezeichnet, mal formal beschreibend, mal assoziativ. Hier wäre ich dankbar für mehr Hinführung und Einordnung.

Foto Neue Vocalsolisten: Martin Sigmund


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge