Die deutsche Musicallandschaft ist auch durch eine Vielzahl von Amateurbühnen geprägt. Die Spannbreite reicht von begeisterten Schulklassen bis zu Ensembles mit hohem Anspruch wie dem Theater unter den Kuppeln (TudK). Angela Reinhardt stellt die Freilichtbühne auf den Fildern vor.
Wer hätte gedacht, dass es auf den Fildern derart steil den Berg hochgeht! Das Theater unter den Kuppeln liegt in Leinfelden-Echterdingen, genauer gesagt am südlichen Rand des Ortsteils Stetten, mitten in der Flugschneise. Die Kuppeln sind ganz wörtlich zu nehmen. Die größte überspannt in luftiger Schalenbauweise das Auditorium, zwei weitere die Probensäle, dazu gibt es einen Garten, einen Kiosk für die vielfältige Pausenverpflegung und natürlich die riesige Freiluft-Drehbühne mit drei Stock hohen Bühnentürmen. Dass sie von Hand bewegt wird, geschoben von mehreren Leuten mit eingesetzten Stangen, ist eine der Überraschungen, denen man in diesem traditionsreichen, über 60 Jahre alten Amateurtheater vor den Toren Stuttgarts begegnen kann.
Verblüffende Qualität, erstaunlicher Ansturm
Verblüffend ist vor allem die Qualität der Aufführungen. Sie rechtfertigt nicht nur das selbst verliehene Prädikat „semiprofessionell“, sondern verursacht große Augen – und Stirnrunzeln. Denn eigentlich klingt das besser als in manchen deutschen Stadttheatern oder bei den Profi-Kollegen von den Sommerfestspielen, was man hier bei Musicals wie „Evita“ oder „Chess“ erleben kann. Das Orchester ist größer, die Tontechnik besser ausgesteuert, das gesamte Ensemble singt und tanzt, die Solisten haben tolle, ausgebildete Stimmen.
Ebenso erstaunlich ist der Ansturm des Publikums im Sommer. Nach den Premieren sind die Karten für die rund 40 Aufführungen meistens schnell weg. Gezeigt werden alljährlich ein Schauspiel, ein Musical und ein Kinderstück. Das TudK ist ein Selbstläufer, ein Großteil der Zuschauer kommt jedes Jahr wieder und gerne mehrfach. Wie bei anderen Freiluftfestivals ist es auch hier ein etwas anderes, lockereres Publikum. Die Sommerabendgänger staunen und genießen, anstatt sich aufzuregen wie manche Besserwisser, die die Staatstheater heimsuchen.

Historisches Drama schließt Spaß nicht aus: Probe zum Musical „Anastasia“
Inzwischen aber kommen auch viele Zuschauer von weiter her. Genau wie die Mitspielenden, die zum Teil eine gute Stunde zu den Proben fahren, nur um hier dabei zu sein, erzählt Pressesprecherin Miriam Hernandez Blazquez. Sie ist eine jener großartigen Evitas von vor drei Jahren. Denn fast alle haben beim TudK eine Aufgabe neben dem Auftritt – beim Bühnenaufbau, in der Schneiderei, bei Kostüm und Maske, im Marketing oder beim Eisverkauf. Der Zusammenhalt untereinander, die praktische Hilfsbereitschaft ist genauso groß wie die Begeisterung fürs Spielen, Singen und Tanzen.

Im nächtlichen Bangkok darf es verrucht werden: Szene aus dem Musical „Chess“
Eine weitere Besonderheit: Das TudK versammelt nicht einfach eine bunte Schar Theaterliebender, sie werden hier selbst ausgebildet. Seit fast 50 Jahren ist eine große Ballett- und Tanzschule angeschlossen. Die musikalischen Leiter geben Gesangsunterricht für Chor und Solisten. Alles ist hier hausgemacht, alles zielt auf Optimierung und tolle Aufführungen – trotz „höllischer Probenwochen“ vor den Premieren, so Blazquez, wiegen der Spaß und das Glück des Theaterspielens alle Mühen auf.
Drive und originelle Ideen in den Inszenierungen
Da erstaunt es kaum, dass Regie und Choreografie oft im Team erledigt werden. Angesichts von eigensinnigen Regiegöttern ist es aber doch verblüffend, wie perfekt das funktioniert. Die Inszenierungen haben Drive und originelle Ideen, Bühnenbild und Beleuchtung zaubern immer wieder neue Schauplätze in die einbrechende Nacht. Ähnlich wie bei den Festivalkollegen in Jagsthausen oder Ettlingen muss der Grundaufbau der Bühne für mehrere Stücke taugen. In diesem Sommer dient er „Jim Knopf“, der fiesen Lehrerzimmer-Komödie „Eingeschlossene Gesellschaft“ und dem Musical „Anastasia“ über die verlorene Zarentochter. Manchmal, eher selten, waren auch schon Regisseure oder Choreografen von den nahen Möhringer Musicaltheatern dabei. Und manchmal nimmt eine Karriere hier ihren Anfang – Solvejg Bauer etwa, die 2008 eine sehr moderne „Kiss Me, Kate“ inszenierte, wird in der nächsten Spielzeit Intendantin am Heilbronner Theater.
25.000 Zuschauer kommen im Schnitt pro Jahr. Gespielt wird auch im Winter, dann natürlich drinnen und gerne in Mundart. Die Stettener Sommermusicals haben inzwischen überregionalen Ruhm erlangt, denn oft gibt es hier neben den Repertoireklassikern auch seltene oder ganz neue Werke wie das Vater-Sohn-Drama „Big Fish“ oder „The Pirate Queen“. Das düstere Schach-Drama „Chess“ war mit seiner Handlung im Kalten Krieg brandaktuell, „Anastasia“ wird ein wenig romantischer. Eben perfekt für laue Sommernächte.
Weitere Informationen unter www.tudk.de
Fotos: Theater unter den Kuppeln


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