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Hartmanns Sommergeschichte

Lesezeit: 2 Minuten

Meine schönste Sommermusik? Jazz im Schlosspark, von Weinreben umgeben? Orgelkonzert in angenehm kühler Kirche? Nein, Jürgen Hartmanns schönstes sommerliches Musikerlebnis fand statt vor einer Reihe schneebedeckter Birken.

Es war natürlich kein echter Schnee, es war nicht einmal Kunstschnee. Es war schierer Theaterzauber, der die Freilichtbühne im westfälischen Tecklenburg für einen Musicalabend in eine russische Winterlandschaft verwandelte: Weiß schimmernde Bäume, silbriges Licht – und schon waren die Temperaturen von rund 35 Grad vergessen, bei denen die vielen Beteiligten wacker ihren Dienst versahen. Denn „Doktor Schiwago“ bedeutet ganz unausweichlich: Man singt und spielt in Wintermänteln und bedeckt von warmen Mützen.

Ein Dramaturg soll streng inhaltlich denken und knirscht mit den Zähnen, wenn Stücke, die in Büros spielen oder eben den russischen Winter eingeschrieben haben, im Juli auf Freilichtbühnen erscheinen. Aber schon Goethe wusste: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und die Verlagskasse, aus der jener Dramaturg das Gehalt für seinen Hauptberuf bezieht, darf gerne klingeln.

Alles egal. Wenn die Musik gut ist, wenn eine Geschichte mitreißt, wenn sorgfältig produziert und authentisch dargestellt wird, dann überspringt die Kunst jeden Alltag. Die eigenen Sorgen verblassen für eine Weile angesichts der ewig gültigen Schicksale von treffsicher erfundenen Bühnenfiguren. Das Erlebnis eines Kunstwerks schärft den Blick für den aktuellen Weltzustand, gerade wenn ein historischer Stoff im Spiel ist. Und ja, gerade das chronisch unterschätzte Genre Musical kann so etwas sehr direkt vermitteln.

Das Publikum mag geschwitzt haben und das Ensemble auf der Bühne noch viel mehr – dieser „Doktor Schiwago“ ist unvergesslich, auch weil er bezeugte, dass gutes Musiktheater in einer eigenen Liga spielt. Das Wetter jedenfalls haben die vielen Menschen, die an diesem Sommertag mitliebten und mitlitten, irgendwann kaum mehr bemerkt.

Foto: Das Musical „Doktor Schiwago“ von Lucy Simon in Tecklenburg (2019, Fotocredit: Freilichtspiele Tecklenburg e.V. / Stefan Drewianka)


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