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Figurentheater WAID im Stuttgarter FITZ (Foto: Camilla Krause)

Shorties #21: Ein Abend jenseits des Mainstreams im FITZ

Lesezeit: 3 Minuten

Raubvögel, Rasenrutscher und einen Tanzpoeten hat unsere Rezensentin Angela Reinhardt im FITZ beobachtet. Figurentheater, Kurzfilm und Tanz vereinen sich zu einem Abend jenseits des Mainstreams.

Bereits bei der Nummer 21 sind die „Shorties“ angelangt, mit denen das Stuttgarter FITZ, das Theater animierter Formen, drei künstlerische Sparten vereint, die nicht unbedingt im hochsubvenionierten Mainstream mitschwimmen: Figurentheater, Kurzfilm und zeitgenössischen Tanz. Laut Intendantin Katja Spieß soll so auch ganz gezielt deren unterschiedliches Publikum in einen Dialog gebracht werden. Alle zwei Monate präsentiert das FITZ also dreierlei Kurzformate in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Filmwinter – Festival für Expanded Media und dem Produktionszentrum Tanz und Performance.

Fließende Grenzen zwischen den Künsten

Die Dezember-Ausgabe zeigte auf erstaunliche Weise, wie fließend doch die Grenzen zwischen den Künsten sind. Der Tanz arbeitet mit Objekten, die animierte Formen tanzen, der Film zeigt Tanz und macht Menschen zu animierten Figuren. Ausgestopfte Vögel hängen und stehen bei der jungen Figurenspielerin Camilla Krause im Raum. Ihr viertelstündiges Werk „WAID – wipfelpirschen“ zeigt einen Raubvogel, der gezielt Menschen ins Visier nimmt, einen Fasan, der lieber fliegt als gemästet zu werden, und einen Eichelhäher, der einen kleinen Menschen auf seinem Rücken transportiert. Angesichts einer zwischen den Tieren aufgereihten Violine, die, gewissermaßen mit Ladehemmung, ihrem musikalischen Zweck zugeführt wird, vermisst man noch ein wenig die direkte theatralische Augenfälligkeit des Projekts. 

Bei den Kurzfilmen, kuratiert von Giovanna Thiery vom Stuttgarter Filmwinter, präsentierte „Pidikwe“ von Caroline Monnet indigene Kanadierinnen als glitzernde  Showgirls. Jede tanzt für sich allein – geht es um Demütigung, Zur-Schau-Stellen oder eher um Einsamkeit? Einen nachdenklichen Außenseiter, der lieber beobachtet als mit der Menge zu rennen, zeigt Daniel Huss in „Melodies of Barking Dogs“. Als der Junge spontan mit einer alten Frau tanzt, nordet ihn die Clique rasch wieder ein. Sensibel und fast wortlos fängt der Film die Verunsicherung und den Gruppenzwang unter Heranwachsenden ein. Für zwei willkommene Minuten Lachen sorgten die ultrakurzen „Two Bagatelles“ von Grant Munro und Norman McLaren. Die kunstvollen Spielereien aus dem Jahr 1952 jagten echte Menschen statt Trickfilmfiguren in Stop-Motion-Technik über den Rasen: liebevoller, schrulliger Slapstick.

Bei Alessandro Giaquinto ist nicht nur die Ausdrucksstärke einer Bewegung wichtig, sondern auch ihre Form.

Foto: Alwin Maigler

Alessandro Giaquinto war bis 2024 eine der großen Choreografen-Hoffnungen des Stuttgarter Balletts, wo ihm zuletzt andere Kollegen vorgezogen wurden. Der junge Italiener hat auch einen Roman und Gedichte veröffentlicht. All seinen Stücken liegen tiefe Gedanken zugrunde. „Derma“, griechisch/italienisch für „Haut“, ist ein knapp halbstündiges Solo für ihn selbst, das zwischen vielen Umzugskartons spielt. Thema ist die Suche nach Heimat, nach Identität. Ist die Erinnerung in den Kartons verstaut oder trägt man sie als Haut mit sich? Zu einer manchmal aus der Ferne ertönenden Collage aus Mozart, italienischer Folklore und Schlagern, aus Fetzen von Radiosendungen und auch zu minutenlanger Stille fühlt und tastet der Tänzer mit seinen Händen in der Luft, als versuche er mit seinem Körper Erinnerungen aus dem Dunkel zu greifen.

Schöne, vollkommene Posen aus dem Ballett sind dabei, flüchtige Bilder in den expressiven Händen, die er anfangs immer wieder überkreuzt, später ineinander legt. In Giaquintos Musikalität, der feinen Phrasierung seines Tanzens ist das Ballett immer noch da. Nicht nur die Ausdrucksstärke einer Bewegung ist wichtig, sondern auch ihre Form. Aber mit wilden Stürzen, insistent wiederholten Sätzen („There was a choice!“), pantomimischen und sogar olfaktorischen Elementen schöpft der Choreograf in seiner eloquenten Sprache das gesamte Panorama bis Tanztheater und Performance aus, nimmt das Alte ins Neue mit.

TANZ AUF EINEM SCHMALEN GRAT

Die Kartons, die anfangs seinen Sturz aufgefangen haben, werden plötzlich zu lastenden, schweren Objekten, einen seligen Moment tanzt er Tango mit einer großen Schachtel und streut den Boden mit brauner Erde ein, die sich als Kaffeepulver entpuppt: der morgendliche Anker in jeder neuen Heimat. Oder ist es Asche? Murmelnd streift er sie zurück in sein kleines Kästchen, das dann wie eine Urne den Kopf auf seinen Schultern ersetzt. Das Figurentheater könnte es nicht besser machen. Eine kalte, distanzierte Beleuchtung wechselt mit warmem Licht, verändert das Dunkel der Black Box von der Farbe der Depression in eine verheißungsvolle Nacht.

Am Ende streift sich der Suchende ein schwarzes Kleid über, noch eine neue Haut. Er trippelt auf halber Spitze – und fällt ziemlich unvermittelt tot um. „Derma“ tanzt auf dem schmalen Grat zwischen introvertiert und geheimnisvoll. Ähnlich wie bei Marco Goecke ahnt man, die Rätsel durch weitere Begegnungen lösen zu können. Wie traurig, dass das Stuttgarter Ballett diesen Tanzpoeten gehen ließ.


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