Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Wie Jürgen Hartmann zur klassischen Musik kam

Lesezeit: 2 Minuten

Foto: Victor S. Brigola

In unserer Sommerserie verraten die Kesseltöne-Autoren etwas aus ihrem Leben.

Eigentlich neige ich nicht zum Großspurigen. Aber mein eigentlicher Erstkontakt zur klassischen Musik, zugleich der Startschuss meiner Liebe zum Musiktheater, war ein ziemlich dicker Happen. Alles begann an einem Sommerabend, meine Eltern waren ausgegangen und ich hatte den einzigen Fernseher für mich. Ob es ein stiller Protest gegen das ansonsten übliche Programm war, das mich ausgerechnet die längste aller Opern, Richard Wagners „Parsifal“ in einer Inszenierung der Bayreuther Festspiele, einschalten ließ?

Ich kam nicht los davon, fünf Stunden vergingen wie im Fluge, und ich kann noch heute die Erinnerung an den klagenden Bernd Weikl als Amfortas und die lockende Eva Randová als Kundry aktivieren. Von „wehvollem Erbe“ war die Rede, von „Welthellsichtigkeit“ und vom „heilig hehrsten Wunder“. Was wusste ich schon? Gar nichts wusste ich als Junge vom Dorf, eher brav als aufmuckend, irgendwie an der großen Welt interessiert, aber furchtbar ahnungslos.

Und da war sie plötzlich, die große Welt. Mir wurde klar, dass es noch etwas anderes gab als den Alltag, dass da mehr war als Schule und „Waltons“. Klar, ich war eine Leseratte, hatte sogar schon Wallenstein höchstselbst im Deutschunterricht, bei der Lektüre mit verteilten Rollen gelesen. Einen Begriff von Hochkultur hatte ich wohl, aber erst die schlagende Verbindung von Text, Szene und Musik weckte in mir den Wunsch nach mehr.

Ein Theater war mir damals praktisch nicht zugänglich. Ich kann also ehrlich behaupten, dass ich von Hochkultur im Fernsehen profitiert habe. Oper auf der Mattscheibe gewöhnte ich mir später ab, als ich endlich ein Auto hatte und sie live erleben konnte, aber „Parsifal“ gehört noch heute zu meinen Favoriten. „Erlösung dem Erlöser“ lautet dessen rätselhafter Schlusssatz. Auch wenn sie später in meinen beruflichen Alltag einging und oft mehr Arbeit als Vergnügen war: Mich hat die Oper von der Tristesse der Jugend auf dem Dorfe erlöst.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Umfrage: Was bedeuten die kommunalen Kürzungen für Sie?
    Am 19. Dezember 2025 hat der Stuttgarter Gemeinderat einen strikten Spar‐Doppelhaushalt für 2026/27 beschlossen. Von massiven Einschnitten sind auch die kulturellen Institutionen der Stadt betroffen. Petra Heinze fragte exemplarisch bei einigen Häusern nach, wie sie damit umgehen.
  • Zum Tod von Helmuth Rilling: Auf den glücklichen Inseln
    Er gründete einen Chor im Wohnzimmer auf der Alb und war weltweit als Dirigent und Pädagoge geschätzt. Nun ist Helmuth Rilling im Alter von 92 Jahren gestorben. Jürgen Hartmann schrieb eine Hommage an den Künstler, ursprünglich zu seinem 90. Geburtstag.
  • Harbuschs Tipps des Monats
    Ute Harbuschs Veranstaltungstipps für Februar ermuntern uns, über die Rolle der Musik in politischen und sozialen Zusammenhängen nachzudenken. Kann das Komponieren, Zusammenstellen und nicht zuletzt das (singende) Aufführen von Musik die Welt verändern oder sie sogar verbessern?
  • Wie war’s bei den Phillies mit Filmmusik ohne Film?
    Kurze Werke junger Filmmusik-Komponist:innen von der Filmakademie Baden-Württemberg präsentierten die Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Frank Strobel im Gustav-Siegle-Haus in großer Besetzung. Ute Harbusch war dabei und sprach mit Petra Heinze darüber.
  • Hört mehr Klassik! Die Gauthier Dance Juniors im Theaterhaus
    „Radical Classical“ heißt das Motto: Sieben eigenwillige Choreografien zu klassischer Musik präsentieren die Nachwuchsstalente von Eric Gauthier im Theaterhaus. Dazu gibt es kurze Videos von Künstler:innen der Klassikszene. Unsere Autorin Angela Reinhardt war bei der Premiere.