Der Tag danach

Moritz Puschke im Stuttgarter Theaterhaus, Foto: Roberto Bulgrin

Kulturschaffende arbeiten oft unter Hochspannung auf große Ereignisse hin: Festivals, Premieren, Ausstellungen und mehr. Und was tun sie am Tag danach? Wir haben mal nachgefragt.

Vor dem „Tag danach“ fürchte ich mich immer ein wenig und habe den Eindruck, dass diese Furcht mit den Jahren sogar zunimmt. Warum? Für mich heißt es in den meisten Fällen Abschied zu nehmen von der jeweiligen Ausrichterstadt. Nach dem Deutschen Chorfest letztes Jahr in Stuttgart war es extrem: Über zwei Jahre Planung und Aufbau von Beziehungen mit vielen wunderbaren Stuttgarter Musikern, Räumen, Plätzen und Förderern, den rauschhaften vier Festivaltagen voller Konzerte, tausender glücklicher Menschen, und dann mit einem Schlag die totale Leere am Montag danach.

Wie jeden Morgen bin ich an jenem Montag zum Abreagieren im Schlosspark joggen gewesen und anschließend ganz alleine auf dem Fahrrad alle Spielstätten abgefahren, habe dem Abbau der Open Air-Bühne am Schlossplatz zugesehen und mich nach und nach ganz still verabschiedet. Noch kurz bei Kuhns Pressechef im Rathaus „Tschüss“ gesagt und dann wiederum ganz alleine am Nachmittag in den Zug nach Berlin gestiegen und nach Hause gefahren. Meine Leute im Team waren irritiert und möglicherweise auch sauer – sorry, aber an Kommunikation war an diesem Tag für mich nicht zu denken. Das Loslassen, dabei die Traurigkeit gepaart mit dem Glück über das Gelungene zu spüren, empfinde ich als etwas sehr Intimes und möchte mir dafür auch in Zukunft die Zeit am „Tag danach“ nehmen.

Moritz Puschke, Künstlerischer Leiter des Deutschen Chorfests, 2016 in Stuttgart

 

Die Antwort ist recht einfach: Ich gehe wieder ins Büro und widme mich den nächsten Aufgaben. Denn wir vermitteln an unsere Mitglieder über 3000 Kulturveranstaltungen in und um Stuttgart aus den Bereichen Oper, Tanz, Konzert, Theater, Literatur, Jazz, Kino und Kunst. Und wenn wir selbst Veranstalter sind, wie in den Bereichen Konzert, Tanz und Kunst, können wir uns auf die bestens eingespielten Abläufe mit unseren fabelhaften Partnern verlassen. Allenfalls kann es mal passieren, dass wir in vorletzter Sekunde noch einen Kontrabass oder hunderte Quadratmeter schwarzen Samt oder Ersatz für eine ausgefallene Garderobiere besorgen müssen. Eher überschaubare Aufregungen also – auf diesem Gebiet.

Ulrike Hermann, Leiterin der Geschäftsstelle der Kulturgemeinschaft Stuttgart

 

Alles muss auf den Punkt geplant sein – über Wochen, Monate und Jahre betreut man ein Projekt. Es kostet Zeit und Nerven, wächst einem aber auch sehr ans Herz – auf einmal ist es abgeschlossen. Dies ist immer ein Moment, in dem verschiedene Gefühle auftauchen: Stolz auf das Geschaffte, aber immer auch etwas Wehmut. Doch zum Glück hat man mit der Nachbereitung immer noch genug zu tun. Am nächsten Tag geht es also ganz normal ins Büro – der Unterschied? Es geht vielleicht einmal ausgeschlafen ins Büro. Dort fange ich an, Dinge zu sortieren und aufzuräumen. Das macht den Kopf frei, für alle weiteren Projekte – die natürlich schon darauf warten, nun die gleiche Aufmerksamkeit zu bekommen wie das eben abgeschlossene.

Bettina Pau, Geschäftsführerin der Kulturregion Stuttgart

 

Am Tag nach einer Opernpremiere geht es für mich nahtlos weiter: „business as usual“, sozusagen – falls es so etwas am Theater überhaupt gibt. Egal, wie lange in der Nacht bei der Premierenparty gefeiert und getanzt wurde: für Katerstimmung am nächsten Morgen bleibt keine Zeit. Alles, was vor der Premiere vielleicht liegengeblieben ist, will aufgearbeitet werden. Sowieso: nach der Premiere ist  vor der Premiere!

Jossi Wieler, Intendant der Oper Stuttgart

 

Die Tipps des Jahres

Kirill Serebrennikov am Stuttgarter Schlossplatz, Foto: Dominique Brewing

Wenn die Kesseltöne in Serie gehen, finden Sie hier täglich einen Veranstaltungstipp. In dieser ersten Ausgabe stellen die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Kesseltöne e.V. ihre persönlichen Highlights des Jahres vor.

Das “Lokstoff! Theater im öffentlichen Raum” hat damit angefangen: Seit 2002 versucht es, die Kluft zwischen öffentlichem und privatem Raum zu schließen. In dieser Saison konnte man im SSB-Bus und an verschiedenen Haltestellen die Verwandlung von fünf Gregor Samsas „Vorher/Nachher“ verfolgen. Das Theater Rampe hat mit “How to Sell a Murder House” im ehemaligen IBM-Garden Campus in Vaihingen kürzlich gezeigt, wie man ein leerstehendes Gebäude als Theater umnutzt. Nun wird es ab 11. Juli auf dem nahe gelegenen Marienplatz mit „The European House of Gambling“ eine Mischung aus Spielhölle, Schaubude und Kampfarena aufstellen und Themen wie soziale Gerechtigkeit verhandeln. Dies könnte auch Menschen anziehen, die die heilige Guckkastenbühne eher abschreckt. www.theaterrampe.de

Petra Heinze

 

Dass Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ keineswegs nur für kleine Kinder gut ist, hat an der Oper Stuttgart schon die letzte Inszenierung des Stücks durch Johannes Schaaf bewiesen. Nun kommt Kirill Serebrennikov. Seine packende, betont politische Aufbereitung von Richard Strauss‘ „Salome“ war ein Publikumshit und konnte etliche Kritikerpreise einheimsen. „Hänsel und Gretel“ setzt Serebrennikov mit Kindern aus einem Dorf in Ruanda ins Bild: Um ihre Träume von einem besseren Leben soll es gehen. Studenten der Ludwigsburger Filmakademie begleiten die Kinder von ihrer Heimat zu ihrem ersten Flug bis nach Deutschland, ihre Filme werden Teil der Inszenierung. Der Auftakt zur letzten Stuttgarter Saison unter der Intendanz von Jossi Wieler könnte spannend werden. Am 22. Oktober ist Premiere. www.oper-stuttgart.de

Susanne Benda

 

Schon als kleines Kind und als Heranwachsende wollte ich Dirigentin werden. Vielleicht ausgelöst durch meinen Vater, den ich im Frack toll fand und der viele unterschiedliche Instrumente zu einem wunderbaren Klang bringen konnte. Leider bin ich ein Kriegskind und so fehlten die Mittel, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Bei meinen Konzertbesuchen habe ich immer darauf gewartet, ein weibliches Wesen am Pult zu erleben. Nun ist es am 27. November soweit: Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert in der Stuttgarter Liederhalle das City of Birmingham Symphony Orchestra. Als Chefdirigentin dieses großartigen Orchesters, das Sprungbrett für namhafte Dirigenten wie Sir Simon Rattle und Andris Nelson war, hat die junge Litauerin alle Chancen, sich in der bisher von der Männerwelt besetzten Domäne zu behaupten. Ich fiebere diesem Ereignis entgegen und vielleicht tun Sie es mir gleich. www.sks-russ.de

Jutta Wilfert

 

Das jährlich stattfindende Musical im Alten Schauspielhaus ist der David unter den Goliaths der Musical-Produktionen und seit Jahren meine Empfehlung für die Winterzeit. Keine Hochglanz-Shows, sondern mit viel Liebe und Engagement inszenierte Musical-Klassiker und eigens geschriebene Stücke. Ob „My Fair Lady“, die Dreigroschenoper, „La Cage aux Folles“ oder zuletzt „Tanz auf dem Vulkan“, nominiert für den Monica-Bleibtreu-Preis, es hat sich immer gelohnt. Dieses Jahr wird vom 8. Dezember bis 24. Januar 2018 „Cabaret“ gespielt. Ich freu mich drauf. www.schauspielbuehnen.de

Matthias Koerber

 

Als das Eclat Festival noch den Namen „Tage für Neue Musik“ trug und im alten, charmant verratzten Theaterhaus in Stuttgart-Wangen residierte, war es „der“ Treffpunkt der Neue-Musik-Freaks. Man war quasi familiär unter sich. Seitdem das Festival im neuen Theaterhaus auf dem Stuttgarter Pragsattel zu Hause ist, hat es sein Gesicht sehr verjüngt. Eclat ist heute offen für ungewöhnliche Konzepte, aber nicht blind dem Jugendwahn verfallen und lockt vielleicht auch deshalb mehr denn je junges Publikum aus den unterschiedlichsten Kunstrichtungen an. Der Begriff „Avantgarde“ bekommt hier einen ganz neuen Klang, denn im Festivalkonzept inbegriffen ist das Recht zum Scheitern auf hohem Niveau. Nach der Ausgabe 2017 mit Komponistinnen und Komponisten der Millennial-Generation bin ich schon jetzt auf die Ausgabe 2018 vom 1. bis 4. Februar gespannt. www.eclat.org

Annette Eckerle

 

Gleich zwei zeitgenössische Opernpremieren schließen Jossi Wielers letzte Saison als Stuttgarter Opernintendant ab – eine davon ist, was unter Musiktheatermachern als schwierig gilt – eine Kombination von zwei Einaktern. Regisseurin Andrea Breth bringt am 26. April 2018 „Der Gefangene“ von Luigi Dallapiccola und „Das Gehege“ von Wolfgang Rihm auf die Bühne. Dallapiccolas in der Mitte des 20. Jahrhunderts komponierte Kurzoper könnte zum Nachdenken darüber anregen, inwieweit Musiktheater oder gar die Kunst im Allgemeinen sich zur politischen Stellungnahme eignen, galten dieser Komponist und insbesondere dieses Werk doch lange als Ikonen der Linken. Auch in „Das Gehege“, 2006 uraufgeführt, geht es um Gefangenschaft – hier jedoch ins Paradoxe gewendet, Liebe mit Mord, Stärke mit Hingabe verknüpfend. Warum ist der Mensch so? Weil die Liebe nun mal bitter schmeckt? www.oper-stuttgart.de

Jürgen Hartmann

Das Eis schmilzt: Konzertformate im Wandel

Unsere Autorin Martina Seeber, Foto: Heidi Scherm

Von Martina Seeber

Stillsitzen und Zuhören. Das klassische Konzertformat genießt gegenwärtig einen zweifelhaften Ruf. Mal abgesehen vom Hype um die Elbphilharmonie, die genau das – nämlich Stillsitzen und Zuhören – in neuer architektonischer Verpackung zum Maß aller Dinge erhebt, suchen Veranstalter landauf landab nach neuen Formaten. Die Frage, wie wir Musik hören, beschäftigt sie offenbar mehr als die Frage, was wir hören. Warum? Weil das klassische Konzert vom Aussterben bedroht ist?

Der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle hat den viel beschworenen Niedergang des klassischen Konzerts untersucht und den so genannten „Silbersee“, das Meer der grauhaarigen Musikliebhaber in den Philharmonien und Konzerthäusern, mit Zahlen belegt. Zum Zeitpunkt seiner Erhebung – in den Jahren unmittelbar vor 2009 – war der durchschnittliche Besucher zwischen 55 und 60 Jahre alt. Tendenz steigend. Tröndle sagte deshalb voraus, dass sich das Publikum in dreißig Jahren um ein Drittel verringern würde. Acht Jahre später, im Januar 2017, meldet sich die Deutsche Orchestervereinigung mit neuen, überraschenden Zahlen zu Wort. Noch nie habe es so viel Konzertveranstaltungen gegeben wie in der Spielzeit 2015/2016. 18 Millionen Besucher. In die Stadien der Ersten Bundesliga gingen im selben Zeitraum nur 13 Millionen Fans. Und das sind allein die Zahlen der Orchestervereinigung. Die restliche klassische Musikszene ist hier nicht erfasst. Ist ein Wunder geschehen? Muss die Elbphilharmonie in dreißig Jahren doch nicht abgerissen oder umgenutzt werden?

Sicher ist: es hat sich einiges verändert. Das Marketing ist besser geworden. Die Education-Abteilungen bringen den Nachwuchs in die Philharmonien. Vielleicht trägt aber auch die Formaterneuerung des klassischen Konzerts bereits erste Früchte. Man hört heute anders als vor zwanzig Jahren. Wenn es stimmt, was die britische Kulturmarketing-Beraterin Heather Maitland herausgefunden hat, dass nämlich nichts potentielle Konzertbesucher so sehr schreckt wie das Stillsitzen in Reihen, sprich: der reglose – die eigene Körperlichkeit verneinende – Konsum von Tonkunst, dann ist es auch der Rahmen und nicht nur der Inhalt, der das breitere Publikum auf Distanz hält.

Die Arbeit am Format hat bereits den Beruf des Konzertdesigners hervorgebracht. Folkert Uhde aus Berlin zum Beispiel. Der Mitgründer des Kulturveranstaltungsorts Radialsystem designt Events wie die „Radiale Nacht“. Das Orchester von Teodor Currentzis, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Tanzcompagnie von Sasha Waltz verwandelten im Winter 2016 das ehemalige Abwasserpumpwerk in ein Labor für alternative Konzertformate. Musiziert wurde im Sitzen, im Stehen, im Dunklen, auf Bühnen und im Publikum. Auch das Publikum saß, lag, stand oder wanderte und erlebte einen ausufernden Abend zwischen Gesamtkunstwerk, Wandelkonzert und Party.

Folkert Uhde ist allerdings weder der einzige noch der erste Konzertdesigner. Das zeigt allein ein Blick in die jüngere Geschichte. Der Pavillon, den Iannis Xenakis 1958 für die Weltausstellung in Brüssel entwarf und seine Musik, die er im Innenraum über elf Kanäle in 425 Lautsprecher projizierte, stehen für seine Vision neuen räumlichen, zeitlichen, akustischen und optischen Musikerlebens.

Ein ganz anders gelagertes Beispiel ist das zweite Streichquartett von Morton Feldman von 1968. Seine Dauer von fünfeinhalb Stunden sprengt noch heute jedes abendländische Konzertformat. Wo und wie sitzt man so lange und hört zu? Und bleibt das Publikum überhaupt von Anfang bis Ende dabei?

Immerhin aber saßen die Musiker dort noch vor Notenständern und auf Stühlen. Als Karlheinz Stockhausen das Arditti Quartet im Juni 1996 für sein „Helikopter-Streichquartett“ in vier Hubschraubern aufsteigen ließ, definierte er so gut wie jedes Element des Konzertformats neu. Kein fester Ort, keine Bühne. Publikum und Musiker fern voneinander.

Ungleich schwieriger gestaltet sich die Neuformatierung des bestehenden Repertoires. Gustav Mahler hat seine Sinfonien für Konzerthäuser komponiert. Orchester und auch das Publikum brauchen Platz, eine gute Akustik und viel Infrastruktur von der Bühne über die Beleuchtung bis zu den Garderoben. Allerdings gibt es auch hier Möglichkeiten, am Format zu drehen. Schließlich ist das bürgerliche Konzert als Aufführung komponierter Musik durch hervorragende, professionelle Musiker vor einem still zuhörenden, sitzenden, im Idealfall vorgebildeten und zahlenden Publikum nur eine Spielart unter vielen in der Historie des europäischen Konzertwesens. Die Haltung, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts für das Musikhören etabliert hat, entspricht der romantischen Idee der absoluten Musik. Musik als tönendes Phänomen löst sich vom körperlichen Akt ihrer Erzeugung. Der Zuhörer negiert die Existenz seines Körpers und wird „ganz Ohr“. Essen, Trinken, Reden oder auch das eigene Musizieren passen nicht mehr in die neue Ästhetik.

Dass diese Auffassung nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird, zeigt das Projekt „Symposion“ des Klangforums Wien. 2001 initiierte das Ensemble dieses abendfüllende Veranstaltungsformat in Anlehnung an das altgriechische Gelage. Die Besucher erleben – im Stehen, auf Futons oder in Sesseln – eine Abfolge von Live-Konzerten und Vorträgen, dazwischen wird ein Menü aufgetischt und Wein gereicht, denn die geplante Wahrnehmungsveränderung durch den Alkohol ist Teil des Programms. Allein die Dauer des Formats von bis zu acht Stunden ist ungewöhnlich.

Auch die Tageszeit hat einen Einfluss auf die Musikerfahrung. Wer das jährliche Morgenkonzert des Ravello Festivals an der Amalfiküste hören will, muss sich frühmorgens um viertel vor fünf auf der Panoramaterrasse über dem Meer einfinden. Wer aus dem Bett gleich ins Konzert geht, hört anders als nach einem Tag voller Arbeit, Erledigungen und dem Abendessen.

Auf die Interaktion der Musik mit der Natur setzen Open-Air-Performances. Ein Concert Walk durch den Wald, eine komponierte Bootstour wie bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder musikalische Bergwanderungen durch die Alpen wie bei den Klangspuren Schwaz verbinden die Sinne. Sinfonisches wird in solchen Fällen aber kaum zu hören sein. Ein Orchester lässt sich nicht einfach auf eine Bergwiese verfrachten.

Doch auch im Indoor-Format zeichnet sich Bewegung ab. „Klassik Kompakt“ heißt ein neues Format des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Für alle, in deren Alltag das Abendkonzert keinen Platz findet, gibt es am Sonntagnachmittag 60 Minuten Live-Musik. Einfache, kleine Änderungen wie diese lösen manchmal viele Probleme auf einen Schlag. Allein, dass Eltern um diese Zeit ihre Kinder mitbringen können.

In der Züricher Tonhalle, im Dortmunder Konzerthaus oder in Frankfurts Alter Oper arbeitet man zudem am Rahmenprogramm. Mit DJ-Sets nach dem Orchesterkonzert und der Möglichkeit, die Künstler persönlich kennenzulernen.

Es sind Gegenentwürfe zur Anonymität des sinfonischen Saalformats. Überhaupt ist das Soziale ein wichtiger Punkt. In Berlin gibt es kleine, informelle Salons, in denen man sich sonntags zum Musikhören, Essen und Diskutieren trifft. Und in vielen Städten vermieten Ensembles ihre Musiker für professionelle Hausmusiken.

Nach der Phase der bürgerlichen Erstarrung, in der die Wächter der Hochkultur jede Veränderung zu verhindern suchten, weil es nur ein richtiges Hören und nur eine richtige Aufführungspraxis gab, bringt die Zeit des Experimentierens und Suchens viele neue, uneinheitliche Formate hervor. Es sind Formate, deren Urheber sich weniger um Dogmen kümmern als um die Möglichkeiten des Musikhörens. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass sich das Musikerleben nicht nur zwischen den Ohren und dem Gehirn abspielt.

Die Angst vor schütter besuchten Konzerten und das Unbehagen von Komponisten und Interpreten angesichts erstarrter Formate haben Energien freigesetzt, die sonst nur für die Konservierung des Bestehenden genutzt werden. Apropos Konservieren. Die UNESCO hat 2014 die deutsche Orchesterlandschaft zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Natürlich ist die Wertschätzung eine hübsche Sache, doch die Orchesterlandschaft unter Denkmalschutz zu stellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ein lebendiges System kann man nicht unter Denkmalschutz stellen. Es muss sich ändern, um nicht zu sterben. Ob die Konzertdesigner die Klassik des Abendlands jedoch vor dem Aussterben retten werden, ist eine andere Frage. Aber darüber entscheidet nicht die UNESCO, sondern, wie es so schön heißt: die Zeit.

Dieser Artikel ist der Extrakt eines einstündigen Essays der Autorin, der am 3. April 2017 in SWR 2 ausgestrahlt wurde.

Echtzeit-Hören

Foto Pixabay

Von Werner Koben

In der Neuen Musik ist es wie im richtigen Leben – man bekommt selten eine zweite Chance. Zumindest nicht, wenn man Hörer ist. Viele neue Stücke verschwinden vom Konzertprogramm genauso schnell wie sie aufgetaucht sind. Der Durchsatz ist hoch im Betrieb. Und selbst wenn ein Ensemble ein Stück anderswo noch mal spielt – wer reist ihm für ein zweites Hören hinterher? Mit Glück wird bisweilen ein Stück später im Radio gesendet oder taucht noch viel später erneut im Programm auf, wenn sich niemand mehr an die erste Aufführung erinnert. Der Wille, stets mit Neuem zu überraschen, ist unbestritten.

Das einmalige Hören eines neuen Stückes ist daher der Normalfall. Allerdings nicht für Musiker, Dramaturgen und Veranstalter, denn die haben sich vor der Aufführung eingehender damit beschäftigt – sollte man jedenfalls annehmen. Die neue Partitur wurde geprobt, analysiert, diskutiert und kommentiert. Man hatte dafür vielleicht nicht viel, aber ausreichend Zeit.

Die Hörer haben diese Zeit nicht. Sie müssen das Stück in Echtzeit hören. Sie können nicht unterbrechen und wiederholen, wenn ihnen eine Stelle unklar ist oder sie über einen Zusammenhang nachdenken wollen. Der Zug fährt unerbittlich weiter. Und eine zweite Chance – siehe oben – gibt es selten.

Unter diesen Bedingungen hätte selbst Adornos Expertenhörer schlechte Karten. Der soll nicht nur rückblickend, sondern auch vorausschauend hören. Was kommen wird, weiß er aber frühestens beim zweiten Hören. Und wenn das Wochen oder Monate zurückliegt, hat auch er das meiste leider schon wieder vergessen. Die wenigsten können ein Stück nach einmaligem Hören auswendig.

Bisweilen versuchen kluge Köpfe, den Hörenden in Einführungen oder Programmheft-Texten über diese Widrigkeiten hinweg zu helfen und vorab zu erklären, was wichtig ist und was weniger und worauf sie bitte achten sollen. Wer gerne selber hört und urteilt, muss sich hingegen sputen.

Man stelle sich vor, Musiker müssten unter solchen Umständen Stücke aufführen. Unsinn? Keineswegs. Man nennt das „vom Blatt spielen“. Spielen der Partitur auf den ersten Blick und in Echtzeit. Für Korrepetitoren ist das Alltag. Von einem verständnisvollen Musizieren kann eher nicht die Rede sein. Es geht hauptsächlich darum, die Noten so schnell wie möglich zu erkennen, in die Finger zu bekommen und wegzulassen, was man üben müsste. Üben aber würde heißen, es noch mal zu spielen, ein drittes, ein viertes Mal…

Weil das Publikum mit seiner Kammersinfonie nichts anzufangen wusste, leitete Arnold Schönberg 1918 zehn öffentliche Proben. Die Hörer konnten dabei so ausgiebig üben, dass sich ein Konzert am Ende erübrigte. Danach war man wohl der Meinung, das Problem ein für alle Mal gelöst zu haben. Auch heute lässt man uns Musik, die nicht minder anspruchsvoll ist als die Kammersinfonie, oft nur in Echtzeit hören.

Man kann sich als Hörer behelfen. Es gibt Stop- und Repeat-Tasten. Es gibt aber von vielen neuen Stücken keine Aufnahmen.

Deshalb spiel’s noch einmal, Sam! Nur für mich – als Hörer.

Klassik für alle? La Fura dels Baus mit Haydns „Die Schöpfung“ in Ludwigsburg

Daniel Schmutzhard als Adam im dritten Teil der „Schöpfung“, Foto: Julien Benhamou

Anfang der 1990er Jahre konnte man die katalanische Theatertruppe La Fura dels Baus beim Esslinger Kultursommer erleben. In bester Artaud-Manier versetzte sie damals das Publikum in Angst und Schrecken, als Performer mit motorisierten Go Karts in die Zuschauermenge fuhren. Um die Jahrtausendwende wurde das Kollektiv von Gerard Mortier für die Inszenierung von Opern entdeckt. Nun zeigte es bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen seine Lesart von Joseph Haydns geistlichem Oratorium „Die Schöpfung“. Die Kesseltöne-Redaktion, Jürgen Hartmann und Petra Heinze, war dort und hat sich hinterher ausgetauscht.

Petra Heinze: Lieber Jürgen, was hast Du zuerst gedacht, als Du die Szene erblicktest?

Jürgen Hartmann: Eigentlich verweigere ich mich bewusst dem allerersten Eindruck, um keine Voreingenommenheit zu kreieren. Ich habe also keinen ersten Gedanken gehabt. Versucht habe ich, Musik und Bild zusammenzubringen und musste an einen Bildschirmschoner denken.

Petra Heinze: Ich war zuerst erschrocken, wie dekorativ die Bühne aussah: Überdimensionierte Luftballons, schwarzweiße Projektionen mit organischen und abstrakten Formen über Mensch und Bühne gleichermaßen, dazu trugen die Erzengel märchenhafte und mit LED-Lämpchen blinkende Kostüme. Dann kam jedoch der Chor an die Rampe in Gewändern aus verschiedenen Kulturkreisen und aus der Altkleidersammlung, stellte also eine Gruppe von Flüchtlingen dar.

Jürgen Hartmann: Die Flüchtlinge fand ich viel weniger brisant als erwartet. Dass der Chor bereits den Urknall bestaunte, war eigentlich ein Regiefehler, wenn man der Produktion mit einem logischen Zugriff beikommen will. Insofern war das Flüchtlingsthema für mich nicht zentral, nicht genügend ausgearbeitet und somit auch eher dekorativ. Ein Beispiel: Der während der Arie „Rollend in schäumenden Wellen“ im Wasserbassin schwimmende junge Mann, dem der Sänger etwas halbherzig seine Hand anbot, krabbelte am Ende der Arie ganz eigenständig aus dem Wasser, um dann vom Chor aufwendig mit Trinkwasser versorgt zu werden. Das sind einzelne, durchaus intensive Bilder, aber sie fügen sich nicht zu einem Ganzen. Das Thema der Dekoration führt uns allerdings zu der Frage, inwieweit man ein ursprünglich für den Konzertgebrauch geschriebenes Werk überhaupt bebildern kann und soll.

Petra Heinze: Ich denke, ein logischer Zugriff war gar nicht beabsichtigt. Vielmehr hat der Regisseur Carlus Padrissa versucht, dem frommen und naiven Libretto, das uns heute sehr fern ist, eine Art Kommentar beizugeben: Es ist eben nicht alles gut auf der Welt. Der Sündenfall wird von Haydn und seinem Librettisten van Swieten ausgeklammert und von Padrissa gegen Text und Musik integriert. Aber warum sollte man aus Deiner Sicht ein Oratorium nicht bebildern?

Jürgen Hartmann: Dann wenigstens den echten Sündenfall mit Apfel und Schlange. Nein, im Ernst, Logik ist ja auf der Bühne ohnehin nicht der beste Maßstab und insofern soll sich ein Regisseur viele Freiheiten nehmen. Und da hätte sich Padrissa eigentlich sogar noch größere nehmen können. Dass er halb dekorativ, halb kommentierend arbeitet, ergibt sich genau aus dem Problem, ein Oratorium zu inszenieren. Entweder man zeigt das, was erzählt wird, dann ist es jedoch langweilig, wie ich vor vielen Jahren an einer Johannes-Passion erleben konnte, oder man erfindet eine ganz eigene künstlerisch gestaltete Welt hinzu, wie Achim Freyer in seiner Inszenierung des „Messias“. In der „Schöpfung“ wurde die Naivität von Haydn und seinem Librettisten van Swieten streckenweise um den Preis völliger Überforderung des Publikums kommentiert: Da purzelten Worte vom Himmel, da wurden etwas naive Sinnsprüche über Gegenwart und Zukunft eingeblendet. Ein Oratorium ist aber keine dramatische Musik, es ist für eine szenische Interpretation nicht wirklich offen, es hat keine Ansatzpunkte für eine Darstellung auf der Bühne. Eine Oper enthält solche zwangsläufig, weil sich Komponist und Librettist ja darüber schon Gedanken gemacht haben. Daher war mir diese „Schöpfung“ zu dicht, zu strapaziert, bis zum visuellen Overkill. Hast Du in diesen Momenten überhaupt noch die Musik wahrgenommen?

Petra Heinze:
Ich komme ja nicht wie Du von der Musik, sondern vom Theater her und habe die Musik nur als einen von vielen Teilen eines Gesamtkunstwerks wahrgenommen. Einen visuellen Overkill empfand ich nicht, eher fühlte ich mich in die Rolle des staunenden Himmelsbürgers versetzt ob der Bilderflut. Damit war es für mich sehr wohl eine adäquate Umsetzung von Musik und Text. Auch hilft der visuelle Eindruck sicher vielen Menschen, die Deine besondere musikalische Vorbildung und Hör-Erfahrung nicht haben, dem Geschehen zu folgen und es zu verstehen. Klassik für alle! Wenn ich es richtig gesehen habe, war auch kein typisches Konzertpublikum im Saal.

Jürgen Hartmann:
Das ist gut möglich, und die Zuschauer waren ja am Ende auch begeistert. Es gab in der Tat sehr eindrucksvolle Bilder wie die beiden etwas faschistoiden Statuen zu Beginn des dritten Teils. Solche Bildfindungen fand ich übrigens sehr viel überzeugender als die teils ergänzenden, teils kommentierenden, teils widersprüchlichen projizierten Texte und die vielen Variationen des Bildschirmschoners. Bleibenden Eindruck hat bei mir ebenso hinterlassen, wie die Sänger,  insbesondere als Adam und Eva, sich unerschrocken und sportlich auf die Herausforderungen eingelassen haben. Insofern war das alles schon auf der Höhe der Zeit. Aber besteht nicht die Gefahr, dass ein breites Publikum das alles für selbstverständlich nimmt und sich auf Musik pur irgendwann nicht mehr einlassen kann?

Petra Heinze: Also gibst Du immerhin zu, dass der dritte Teil, der im Konzert oft recht zäh ist, durch die visuelle Ebene gewonnen hat. Ob das breite Publikum durch die Szene verbildet wird? Vielleicht kann es sich auch mehr und mehr einhören und landet schließlich in Konzerten ohne szenische Unterstützung, beispielsweise um die „Schöpfung“ erneut zu hören. Was sagst Du denn zur musikalischen Ausführung?

Jürgen Hartmann: Die war ebenfalls auf der Höhe der Zeit. Bis auf einige Intonationsschwankungen und ein bisschen Klappern am Anfang alles erstklassig. Man muss ja bedenken, dass diese Aufführung eine Tourneeproduktion ist, was für alle Beteiligten anstrengend ist. Ein musikalisch sehr historisierender Haydn, bei der Dirigentin Laurence Equilbey in besten Händen. Alle drei Solisten waren sehr gut, wobei die Sopranistin Sunhae Im und der Bass Daniel Schmutzhardt mir fast ein wenig zu neutral gesungen haben, während der Tenor Martin Mitterrutzner auffallend gestaltungsfreudig war. Ich fände jedoch eine „Schöpfung“ mit fünf Solisten besser, um Adam und Eva als eigenständige Rollen zu kennzeichnen, zumal in szenischer Aufführung. Beim Bassisten macht man in einer Dreierbesetzung zwangsläufig Kompromisse: Adam ist viel höher als Raphael, und da Daniel Schmutzhard eher ein lyrischer Bariton ist, klang Adam bei ihm eben angemessener und beim Raphael musste er ein bisschen tricksen.

Petra Heinze: Du würdest also empfehlen, mehr Geld in Solisten zu investieren und weniger Material zu schlachten?

Jürgen Hartmann: Nein, dann empfehle ich lieber den Zuschauern, sich „Die Schöpfung“ mal in einem ganz schlichten Konzert anzuhören und die Bilder im eigenen Kopf mit denen von La Fura dels Baus zu vergleichen.