Das Eis schmilzt: Konzertformate im Wandel

Unsere Autorin Martina Seeber, Foto: Heidi Scherm

Von Martina Seeber

Stillsitzen und Zuhören. Das klassische Konzertformat genießt gegenwärtig einen zweifelhaften Ruf. Mal abgesehen vom Hype um die Elbphilharmonie, die genau das – nämlich Stillsitzen und Zuhören – in neuer architektonischer Verpackung zum Maß aller Dinge erhebt, suchen Veranstalter landauf landab nach neuen Formaten. Die Frage, wie wir Musik hören, beschäftigt sie offenbar mehr als die Frage, was wir hören. Warum? Weil das klassische Konzert vom Aussterben bedroht ist?

Der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle hat den viel beschworenen Niedergang des klassischen Konzerts untersucht und den so genannten „Silbersee“, das Meer der grauhaarigen Musikliebhaber in den Philharmonien und Konzerthäusern, mit Zahlen belegt. Zum Zeitpunkt seiner Erhebung – in den Jahren unmittelbar vor 2009 – war der durchschnittliche Besucher zwischen 55 und 60 Jahre alt. Tendenz steigend. Tröndle sagte deshalb voraus, dass sich das Publikum in dreißig Jahren um ein Drittel verringern würde. Acht Jahre später, im Januar 2017, meldet sich die Deutsche Orchestervereinigung mit neuen, überraschenden Zahlen zu Wort. Noch nie habe es so viel Konzertveranstaltungen gegeben wie in der Spielzeit 2015/2016. 18 Millionen Besucher. In die Stadien der Ersten Bundesliga gingen im selben Zeitraum nur 13 Millionen Fans. Und das sind allein die Zahlen der Orchestervereinigung. Die restliche klassische Musikszene ist hier nicht erfasst. Ist ein Wunder geschehen? Muss die Elbphilharmonie in dreißig Jahren doch nicht abgerissen oder umgenutzt werden?

Sicher ist: es hat sich einiges verändert. Das Marketing ist besser geworden. Die Education-Abteilungen bringen den Nachwuchs in die Philharmonien. Vielleicht trägt aber auch die Formaterneuerung des klassischen Konzerts bereits erste Früchte. Man hört heute anders als vor zwanzig Jahren. Wenn es stimmt, was die britische Kulturmarketing-Beraterin Heather Maitland herausgefunden hat, dass nämlich nichts potentielle Konzertbesucher so sehr schreckt wie das Stillsitzen in Reihen, sprich: der reglose – die eigene Körperlichkeit verneinende – Konsum von Tonkunst, dann ist es auch der Rahmen und nicht nur der Inhalt, der das breitere Publikum auf Distanz hält.

Die Arbeit am Format hat bereits den Beruf des Konzertdesigners hervorgebracht. Folkert Uhde aus Berlin zum Beispiel. Der Mitgründer des Kulturveranstaltungsorts Radialsystem designt Events wie die „Radiale Nacht“. Das Orchester von Teodor Currentzis, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Tanzcompagnie von Sasha Waltz verwandelten im Winter 2016 das ehemalige Abwasserpumpwerk in ein Labor für alternative Konzertformate. Musiziert wurde im Sitzen, im Stehen, im Dunklen, auf Bühnen und im Publikum. Auch das Publikum saß, lag, stand oder wanderte und erlebte einen ausufernden Abend zwischen Gesamtkunstwerk, Wandelkonzert und Party.

Folkert Uhde ist allerdings weder der einzige noch der erste Konzertdesigner. Das zeigt allein ein Blick in die jüngere Geschichte. Der Pavillon, den Iannis Xenakis 1958 für die Weltausstellung in Brüssel entwarf und seine Musik, die er im Innenraum über elf Kanäle in 425 Lautsprecher projizierte, stehen für seine Vision neuen räumlichen, zeitlichen, akustischen und optischen Musikerlebens.

Ein ganz anders gelagertes Beispiel ist das zweite Streichquartett von Morton Feldman von 1968. Seine Dauer von fünfeinhalb Stunden sprengt noch heute jedes abendländische Konzertformat. Wo und wie sitzt man so lange und hört zu? Und bleibt das Publikum überhaupt von Anfang bis Ende dabei?

Immerhin aber saßen die Musiker dort noch vor Notenständern und auf Stühlen. Als Karlheinz Stockhausen das Arditti Quartet im Juni 1996 für sein „Helikopter-Streichquartett“ in vier Hubschraubern aufsteigen ließ, definierte er so gut wie jedes Element des Konzertformats neu. Kein fester Ort, keine Bühne. Publikum und Musiker fern voneinander.

Ungleich schwieriger gestaltet sich die Neuformatierung des bestehenden Repertoires. Gustav Mahler hat seine Sinfonien für Konzerthäuser komponiert. Orchester und auch das Publikum brauchen Platz, eine gute Akustik und viel Infrastruktur von der Bühne über die Beleuchtung bis zu den Garderoben. Allerdings gibt es auch hier Möglichkeiten, am Format zu drehen. Schließlich ist das bürgerliche Konzert als Aufführung komponierter Musik durch hervorragende, professionelle Musiker vor einem still zuhörenden, sitzenden, im Idealfall vorgebildeten und zahlenden Publikum nur eine Spielart unter vielen in der Historie des europäischen Konzertwesens. Die Haltung, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts für das Musikhören etabliert hat, entspricht der romantischen Idee der absoluten Musik. Musik als tönendes Phänomen löst sich vom körperlichen Akt ihrer Erzeugung. Der Zuhörer negiert die Existenz seines Körpers und wird „ganz Ohr“. Essen, Trinken, Reden oder auch das eigene Musizieren passen nicht mehr in die neue Ästhetik.

Dass diese Auffassung nicht mehr unwidersprochen hingenommen wird, zeigt das Projekt „Symposion“ des Klangforums Wien. 2001 initiierte das Ensemble dieses abendfüllende Veranstaltungsformat in Anlehnung an das altgriechische Gelage. Die Besucher erleben – im Stehen, auf Futons oder in Sesseln – eine Abfolge von Live-Konzerten und Vorträgen, dazwischen wird ein Menü aufgetischt und Wein gereicht, denn die geplante Wahrnehmungsveränderung durch den Alkohol ist Teil des Programms. Allein die Dauer des Formats von bis zu acht Stunden ist ungewöhnlich.

Auch die Tageszeit hat einen Einfluss auf die Musikerfahrung. Wer das jährliche Morgenkonzert des Ravello Festivals an der Amalfiküste hören will, muss sich frühmorgens um viertel vor fünf auf der Panoramaterrasse über dem Meer einfinden. Wer aus dem Bett gleich ins Konzert geht, hört anders als nach einem Tag voller Arbeit, Erledigungen und dem Abendessen.

Auf die Interaktion der Musik mit der Natur setzen Open-Air-Performances. Ein Concert Walk durch den Wald, eine komponierte Bootstour wie bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder musikalische Bergwanderungen durch die Alpen wie bei den Klangspuren Schwaz verbinden die Sinne. Sinfonisches wird in solchen Fällen aber kaum zu hören sein. Ein Orchester lässt sich nicht einfach auf eine Bergwiese verfrachten.

Doch auch im Indoor-Format zeichnet sich Bewegung ab. „Klassik Kompakt“ heißt ein neues Format des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Für alle, in deren Alltag das Abendkonzert keinen Platz findet, gibt es am Sonntagnachmittag 60 Minuten Live-Musik. Einfache, kleine Änderungen wie diese lösen manchmal viele Probleme auf einen Schlag. Allein, dass Eltern um diese Zeit ihre Kinder mitbringen können.

In der Züricher Tonhalle, im Dortmunder Konzerthaus oder in Frankfurts Alter Oper arbeitet man zudem am Rahmenprogramm. Mit DJ-Sets nach dem Orchesterkonzert und der Möglichkeit, die Künstler persönlich kennenzulernen.

Es sind Gegenentwürfe zur Anonymität des sinfonischen Saalformats. Überhaupt ist das Soziale ein wichtiger Punkt. In Berlin gibt es kleine, informelle Salons, in denen man sich sonntags zum Musikhören, Essen und Diskutieren trifft. Und in vielen Städten vermieten Ensembles ihre Musiker für professionelle Hausmusiken.

Nach der Phase der bürgerlichen Erstarrung, in der die Wächter der Hochkultur jede Veränderung zu verhindern suchten, weil es nur ein richtiges Hören und nur eine richtige Aufführungspraxis gab, bringt die Zeit des Experimentierens und Suchens viele neue, uneinheitliche Formate hervor. Es sind Formate, deren Urheber sich weniger um Dogmen kümmern als um die Möglichkeiten des Musikhörens. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass sich das Musikerleben nicht nur zwischen den Ohren und dem Gehirn abspielt.

Die Angst vor schütter besuchten Konzerten und das Unbehagen von Komponisten und Interpreten angesichts erstarrter Formate haben Energien freigesetzt, die sonst nur für die Konservierung des Bestehenden genutzt werden. Apropos Konservieren. Die UNESCO hat 2014 die deutsche Orchesterlandschaft zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Natürlich ist die Wertschätzung eine hübsche Sache, doch die Orchesterlandschaft unter Denkmalschutz zu stellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ein lebendiges System kann man nicht unter Denkmalschutz stellen. Es muss sich ändern, um nicht zu sterben. Ob die Konzertdesigner die Klassik des Abendlands jedoch vor dem Aussterben retten werden, ist eine andere Frage. Aber darüber entscheidet nicht die UNESCO, sondern, wie es so schön heißt: die Zeit.

Dieser Artikel ist der Extrakt eines einstündigen Essays der Autorin, der am 3. April 2017 in SWR 2 ausgestrahlt wurde.

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Kommentar
  • Elisabeth Amandi
    Juni 13, 2017

    Und wann fängt man an auch über die Konzertinhalte mehr nachzudenken? Weg von reiner „E-Musik“ mehr hin zu Überschreitungen Richtung Weltmusik, Jazz, Pop? Naserümpfen abschaffen – offen sein für Musik unterschiedlichster Genre – damit bringt man auch jüngeres Publikum in die Konzertsäle ab 35 Jahren, die mit Popmusik groß geworden sind! Denkt mal darüber nach!!!

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