Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Die Kesseltöne lesen: Der letzte Satz

Alma und Gustav Mahler in Toblach, Foto: Wiki Commons

Wie wird ein Buch über Gustav Mahler zum Bestseller, das weder über seine Musik noch über sein Leben Erhellendes zu sagen weiß? Ute Harbusch und Petra Heinze versuchen eine Annäherung.

Petra Heinze: Liebe Ute, Lesende, die die Musik von Gustav Mahler lieben, sind vielleicht enttäuscht von Robert Seethalers Buch „Der letzte Satz“. Wie ging es Dir damit?

Ute Harbusch: Ich war auch enttäuscht von Seethalers Buch. Der Grund war aber nicht der, dass Mahlers Musik praktisch keine Rolle darin spielt. „Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht“, sagt die Mahler-Figur bei Seethaler, und damit ist das Thema erledigt. Der Grund war, dass aus der Mahler-Biografie die bekannten Details – die Beziehung zu Alma, der Tod der Tochter Maria, die Querelen um den Wiener Hofopernposten, die Sommer in den Bergen, die Amerika-Reisen, die Krankheiten – wie ein schaler Aufguss präsentiert wurden, in das melancholische Licht eines Sterbenden getaucht, der auf der letzten Rückfahrt aus Amerika zwischen Himmel und Meer sein Leben Revue passieren lässt. Was soll mir das?

Petra Heinze: Vielleicht hat er von seinem Leben eben nicht mehr wahrgenommen. Herr Seethaler ist ja durchaus in der Lage, Lebenswege sehr differenziert zu beschrieben. Man denke nur an das wunderbare Buch „Ein ganzes Leben“.

Ute Harbusch: Ja, da ist die Tiefe des Charakters der fiktiven Hauptfigur, ihre Bindungsfähigkeit und Naturliebe, von einer erschütternden Intensität. Hier das genaue Gegenteil. Verstehe ich dich richtig? Du meinst, die Oberflächlichkeit von Seethalers Mahler ist nicht Seethalers, sondern Mahlers eigene Schuld? Das würde ich ja gerne glauben. Und warum nicht, schließlich ist fast das ganze Buch aus Sicht des berühmten Komponisten geschrieben. Der die Worte „Schuld“ und „Scham“ selbst verwendet.

Petra Heinze: Mir scheint, das geheime Zentrum des Buches ist Alma, Mahlers Frau. Nach der verzehrt er sich, aber vielleicht ähnlich, wie er sich nach dem intensiven Leben sehnt, das er nicht hatte. Auch Alma kommt fast nur als Leerstelle vor, als schönste Frau weit und breit, als weicher Körper, aber beispielsweise kein Wort darüber, was sie denkt und fühlt, dass sie auch komponiert hat. Eigentlich möchte man den Mahler, der hier aufscheint, nicht bei sich haben …

Ute Harbusch: Seine Alma-Krise im Sommer 1910 veranlasste Mahler, zwei Tage lang mit dem Zug quer durch Europa zu fahren, um Dr. Sigmund Freud in Leiden zu konsultieren. Dieser hat also, wie schon in „Der Trafikant“, wieder einen Auftritt. Aber was für einen? Durchschaut er die Beziehung zwischen Gustav und Alma?

Petra Heinze: Mahler hat sich mit Freud vier Stunden lang besprochen. Davon blieb bei dem Komponisten im Buch nicht viel mehr hängen als Freuds finaler Rat, sich auf der Rückreise warm anzuziehen. Also eine weitere Chance verpasst, aus seinem Leben etwas zu machen. Gerade habe ich noch mal den letzten Satz gelesen, den Mahler in „Der letzte Satz“ sagt: „Ich sollte noch ein bisschen bleiben“. Um doch noch das Leben zu erlernen?

Ute Harbusch: Der letzte Satz des Buches wiederum heißt: „… es war Zeit zu gehen.“ Gesprochen aus der Perspektive des Schiffsjungen, der keine Ahnung von Mahlers Musik hat und auf Deck den berühmten Musiker bedienen musste.

Petra Heinze: Und der von Mahler auch nicht wirklich gut behandelt wird. In „Der Trafikant“ haucht die Beziehung zu dem jungen Protagonisten dem alternden Sigmund Freud neues Leben ein, hier schafft der junge Mann das nicht: Dem alten Mann ist nicht zu helfen.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Wie die Schallwellen zu den Ohren kommen
    Musik und Bewegung, Klang und Räumlichkeit erforscht die Kanadierin Annesley Black. Am 18. Februar wird ihr Werk „A sound, a narrow, a channel, an inlet, the straits, the barrens, the stretch of a neck” vom Staatsorchester Stuttgart uraufgeführt. Jürgen Hartmann sprach mit der Komponistin.
  • Klangrausch als Gottesdienst
    „Invisible Threads“ heißt das neue Werk des Briten Christian Mason, das beim Stuttgarter Festival Eclat das Arditti Quartet aufführte. Unsichtbare Fäden verknüpfen sich in der Performance Installation mit Texten von Paul Griffiths. Susanne Benda war dabei.
  • „Unsere Konzerte sollen Events sein!“
    Die Cellistin und Dirigentin Friederike Kienle verantwortet die Konzertreihe in der Berger Kirche. Dabei wird das eigentliche Programm durch zusätzliche Formate ergänzt. Jürgen Hartmann hat sie dazu befragt.
  • Wie war‘s bei „Fundbüro“ im JOiN?
    Uraufführung an der Jungen Oper im Nord: „Fundbüro“ heißt die Stückentwicklung mit Mitgliedern des Stuttgarter Opernstudios und dem Theaterkollektiv Membra. Ute Harbusch erzählt Petra Heinze, warum der Premierenbesuch sie verzaubert hat.
  • Freunde – gern diese Töne! (zum Dritten)
    Jahr für Jahr stehen sie auf dem Programm: Konzerte mit Beethovens Neunter zum Jahreswechsel. Petra Heinze überlegt, ob das Immergleiche uns guttut und wofür es noch taugt.