Gemeinsam wetteifern – Spätreflexion über einen Skandal

Unser Autor Jürgen Hartmann, Foto: privat

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Von Jürgen Hartmann

Ein nachmittägliches Abonnement-Konzert: Am Sonntag, 28. Februar spielte das Ensemble Concerto Köln zusammen mit dem Cembalisten Mahahn Esfahani in der Kölner Philharmonie. Werke von Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach sowie Zeitgenössisches von Frith, Górecki und Reich standen auf dem Programm. Esfahanis Aufführung von Steve Reichs „Piano Phase“ (1967) löste einen Eklat aus.

Die Sau ist durchs Dorf getrieben, die Aufregung verflogen – das kann ein guter Zeitpunkt sein, auf einen Vorfall zurückzukommen und ihn jenseits oft allzu schnell verfasster Kommentare erneut abzuwägen. Gemeint ist der kleine Skandal, den einige Kölner Konzertbesucher verursachten, als sie die Wiedergabe eines Stückes von Steve Reich durch den Cembalisten Mahan Esfahani lautstark störten und den Musiker zum Abbruch seiner Darbietung zwangen. Dessen Frage, wovor sich die Störenden denn eigentlich fürchteten, und sein Hinweis, dass derartige Musik in seinem Geburtsland Iran sogar verboten sei, kamen auch nicht gut an – wobei es unterschiedliche Angaben dazu gab, ob ein eifernder Hörer in diesem Moment dem Englisch sprechenden Esfahani zugerufen habe „Reden Sie gefälligst Deutsch!“ oder ob das erst später geschah, als ein von der Empörung empörter anderer Zuschauer– ebenfalls in Englisch – den Musiker öffentlich um Entschuldigung bat.

Große Aufregung überall, nicht zuletzt im Internet! Die allermeisten Kommentatoren, ob professionell oder aus Publikumsperspektive, solidarisierten sich mit Esfahani und empörten sich angesichts der Empörung, die ein zeitgenössisches Musikwerk bei einem Teil des Publikums ausgelöst hatte; einem Teil, der dem Vernehmen nach aus überwiegend älteren Männern bestand (und von einigen gegen den Protest protestierenden jüngeren Frauen offenbar zu noch größerer Wut angestachelt wurde).

Das Phänomen des Wutbürgers wurde, wenn nicht alles täuscht, ausgerechnet im gutbürgerlichen Stuttgart geboren. Die Protestierer gegen den neuen Bahnhof haben sich aber wohl kaum träumen lassen, dass die Wutbürgerlichkeit noch solche Erweiterungen nach sich ziehen würde – von Pegida-Wüterei bis zur Wut von Konzertbesuchern über moderne Musik und englischsprachige Musiker. Ja, dies sei hier durchaus in einen Topf geworfen! Ohne dass die wütenden älteren Herren in Köln nun gleich nationalkonservativ oder gar rechtsextrem sein müssten, sprach doch aus einigen Kommentaren im Internet jener neue Wutbürgergeist, der „Meinungsfreiheit“ ganz pauschal in Anspruch und damit zur Geisel nimmt: Natürlich müsse man auch ein Konzert stören oder gar zum Abbruch bringen dürfen, wenn einem die Musik nicht gefalle – das war so, kaum verhüllt, tatsächlich zu lesen.

Diese Es-muss-doch-gesagt-werden-dürfen-Haltung karikiert jeden aufrechten Protest. Definieren sich doch Demokratie und Meinungsfreiheit nicht dadurch, dass die Mehrheit ohne Weiteres bestimmt, sondern dadurch, dass die Mehrheit einer Minderheit gleiche Rechte zuspricht. Protest ist ein Bestandteil des gesellschaftlichen Interessenausgleichs, aber eine vermeintlich liberale Haltung gegenüber diesem Protest („ist doch schön, dass moderne Musik die Leute so aufregt“) verkennt, dass der Gegenstand, gegen den protestiert wird, in einer modernen, freien Gesellschaft doch von den Protestierenden doch zumindest erst einmal begriffen, erfasst werden müsste. Ansonsten gewährt man Stammtischparolen Raum, nach dem Motto „Die da oben machen, was sie wollen“ (in diesem Fall die Programmplaner oder eben gleich die Musiker) – eine letzten Endes auf fast jeden Sachverhalt anwendbare, aber den Sachverhalt eben auch ins Ungefähre, scheinbar ganz Einfache auflösende Parole.

Als die Schulen ihren Charakter als Unterrichtsanstalten abstreifen sollten, stand vor allem der so genannte Frontalunterricht in Frage. Schüler sollten mittun, diskutieren, fragen. An den Universitäten wurden Vorlesungen zu Gunsten von Seminaren reduziert, in denen Studenten nicht nur einfach zuhören (oder schlafen) sollten. Wenn man so will, ist die noch immer weithin übliche Konzertform eine Art Frontalunterricht. Aber musikalische Werke sind eben nur ganz selten als Dialog mit der wechselnd zusammengesetzten Hörerschaft konzipiert, sie entstehen wie die allermeisten anderen Kunstwerke in Einsamkeit und erblicken konsequenterweise „einsam“, auf einem meist sogar noch erhöhten Podium das Licht der Welt – sei es an Museumswänden, sei es auf Konzertbühnen. Auch die Bestrebungen, im Theater den Guckkasten zu Gunsten der Raumbühne aufzulösen, waren zwar künstlerisch fruchtbar, blieben aber ein Minderheitenprogramm.

Dass die „Schüler“ im Frontalunterricht etwas vorgesetzt bekommen, was ihnen nicht passt oder gar gefällt, ist nicht zu vermeiden. Welcher Schüler freut sich schon auf die Abfrage von Vokabeln und, Hand aufs Herz, welcher Musikfreund geht vollkommen freiwillig und mit unbändiger Vorfreude in Konzerte mit zeitgenössischer Musik? Aber nur die Anstrengung, den Sachverhalt zu betrachten, zu erkunden und dann eigene Schlüsse zu ziehen, kann die Basis für eine eigenständige Meinung sein. Diese Meinung muss nicht lauten: „Ich finde Steve Reich ganz toll“. Aber es hilft alles nichts: Anhören muss man sich’s schon, vollständig, und aufmerksam. Musik auf Klick gibt’s im Internet, zappen kann man auf dem Sofa. Aber auch hier und heute ist ein Konzert ein Konzert. Womit wir wieder bei Vokabeln wären: „concertare“ ist Lateinisch und enthält „certare“ (für wetteifern) und „con“ (im Sinne von gemeinsam). In Gemeinsamkeit wetteifern, das wäre doch schon mal ein Ausgangspunkt.

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