Justyna Koeke: „Mehrere kulturelle Standorte zu betreuen, ist sehr spannend“

Von Patricia Schaller

Das sogenannte Herz der Stadtbibliothek schien aus allen Nähten zu platzen. Ein Platz, den der Architekt eigentlich als leeren Raum vorgesehen hat. Im März dieses Jahres begeisterte die 39-jährige, polnische Performance-Künstlerin Justyna Koeke dort ihr Publikum mit einer besonderen Art von Fashion-Show. Sie präsentierte 20 textile Skulpturen mit dem Titel „Prinzessinnen und Heilige“- farbenfroh, exzentrisch, detailverliebt.

Warum war die Show so erfolgreich? „Die Bibliothek ist kein klassischer Ort, an dem man eine solche Art von Kunst vermutet“, glaubt Justyna Koeke. Neugierig sein, das sei Teil der Kunst. Neugierig machten auch die Models: Die Künstlerin entwarf ihre Mode für ältere Damen, die diese gelassen präsentierten. „Der Ausgangspunkt für meine Show waren Zeichnungen, die ich in meiner Kindheit mit meiner Schwester gefertigt und dann zufälligerweise wieder gefunden habe. Das ist auch ein Stück Heimat, da ich noch sehr mit Polen verbunden bin.“ Koeke war schnell klar, dass sie nach den Zeichnungen eine Kollektion fertigen will.

„Meine Kunst entsteht so: Mich beschäftigt etwas, ich will es ausdrücken und versuche dann, den passenden Zugang zu finden. Die weibliche Schönheit verbindet man vor allem mit Jugendlichkeit. Das wollte ich mit der Show in Frage stellen. Den älteren Damen zeigen, dass auch sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren können.“ Als Kind habe man bestimmte Vorstellungen vom Frau-Sein. Das sähe man auch auf den Zeichnungen, die spezielle Frauenbilder symbolisierten. „Aber wie entwickelt sich ein solches Frauenbild? Geht das in Erfüllung, was man sich vorgestellt – und vielleicht auch gewünscht hat? Und wie sieht das aus, wenn man im Alter mit diesen Vorstellungen konfrontiert wird?“

Justyna Koeke ist in Krakau geboren. Sie pendelt regelmäßig zwischen Polen und Süddeutschland. Vor etwa 15 Jahren zog sie nach Deutschland und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Der Institution hält sie bis heute die Treue als Teilzeit-Lehrende. Das Private und das Berufliche miteinander zu verbinden, liegt ihr am Herzen. Deshalb nimmt sie auch viele Projekte und Aufträge in Polen an. „Mehrere kulturelle Standorte zu betreuen, ist sehr spannend. Außerdem bringe ich mein Kind, so oft es geht, mit zu den Projekten in Polen. Mir war immer wichtig, dass es zweisprachig aufwächst.“

Aber sind die kulturellen Szenen in Krakau und Stuttgart miteinander vergleichbar? Die Städte sind ähnlich groß. Koeke erzählt, dass es in Krakau eine sehr aktive junge Szene gibt und als harten Gegensatz eine extrem konservative Szene, die aus akademischen Kreisen kommt. „In Stuttgart könnte durchaus einiges verändert werden, um mehr Diversität zu schaffen“, meint die Künstlerin. Das finge bei den hohen Mieten an, die für ein Atelier bezahlt werden müssten. Wenn Künstlern keine Plattform geboten werde, könne das Potenzial nicht ausgeschöpft werden. Und Potenzial gibt es in Stuttgart, da ist sie sich sicher: „Ich bin ja nah dran, weil ich an der Hochschule bin und sehe, dass dort ganz viele Menschen sind, die sehr begabt und aktiv sind. Natürlich gibt es eine große, etablierte Szene. In Stuttgart ist toll, dass alles recht übersichtlich ist. Man kennt schnell die Strukturen des kulturellen Netzwerks, erkennt wie die Szene funktioniert – das ist sehr vorteilhaft, auch für Kultur-Neueinsteiger.“

Koeke macht visuelle Kunst. Und spielt als Bassistin zusammen mit anderen Dozenten der Stuttgarter Kunstakademie in einer Punk-Band, der „Akademischen Betriebskapelle“, kurz ABK. „Wir sind keine Musiker“, betont sie. Die Musik sei vielmehr eine Ergänzung zur Kunst. „Es ist ein Phänomen der Zeit, dass man überall eine Art Dilettant ist. Man probiert dies und das – und das ist ja mit dem digitalen Wandel auch sehr einfach. Es scheint, als könne jeder eine Kamera in die Hand nehmen und Fotos machen, als ob jeder Sounds produzieren könne und in allen Gebieten Experte wäre. Obwohl es toll ist, dass jeder die Möglichkeit hat, ganz viele Dinge zu machen, ist es auch schön, wenn man seine Schwerpunkte hat, in denen man sich wirklich auskennt“, schmunzelt die Künstlerin.

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