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Muss man glauben, um Bach zu verstehen?

Lesezeit: 2 Minuten

Der Himmel über der Küste (Foto: Jürgen Hartmann)

 

Was haben geistliche Musik und Gläubigkeit miteinander zu tun? Je nachdem. Eine nachösterliche Betrachtung von Jürgen Hartmann.

 

Im Konfirmandenunterricht wurde mir einst eine Geschichte erzählt. Ein Mann, der gar nichts mit Glauben im Sinn hatte, sei, nolens volens einer Hochzeit beiwohnend, durch die Klänge der Orgel gleichsam verzaubert worden. Wollte uns der Pastor seinerzeit auf die Kraft der (geistlichen) Musik aufmerksam machen?

Jedenfalls kam ich viel später der Passionserzählung und sogar dem eigentlich nicht begreiflichen Konzept von Pfingsten zumindest näher, als ich mich beruflich für einige Stuttgarter Jahre öfters als zuvor mit Werken von Johann Sebastian Bach beschäftigte. Insbesondere die Matthäus-Passion ließ mich verstehen, dass man aus einer Leidensgeschichte Trost schöpfen kann. Und zwar auch ohne Gebet und als Atheist gar: Lässt man sich die Vertonung dieser zentralen biblischen Erzählung wirklich nahegehen, sieht man die eigenen Sorgen oder Schmerzen in milderem Licht.

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, mit dem Himmelfahrtstag dazwischen, wird für mich in einer Bach-Arie am besten symbolisiert: „Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben“, aus dem Himmelfahrtsoratorium BWV 11. (Wer sich die Arie anhört und die Melodie für vertraut hält, geht nicht ganz fehl: Bach verwendete sie später im wohlbekannten „Agnus Dei“ der h-Moll-Messe). Die Altstimme bittet hier den auferstandenen Jesus, nicht fortzugehen, sprich nicht wie vorgesehen gen Himmel zu fahren, denn sonst sei der oder die Singende „ganz von Schmerz umgeben“.

Der schlichte Wunsch kann nicht erfüllt werden, und das später folgende Versprechen eines Wiedersehens klingt fast ein wenig barsch. Aber: Mit zwei Zeilen im weiteren Verlauf des Oratoriums erhebt der (wahrscheinliche) Textdichter Picander, ein bewährter Partner Bachs, das beschriebene Geschehen zur abstrakten Idee: „Tilg mein trauriges Gebärden“ und „Deine Liebe bleibt zurücke“.

Es gibt etwas Größeres als das tägliche Leben, lese ich daraus; etwas Größeres, um das man sich bemühen soll. Jenseits von Konfessionen und ohne Aussicht auf allzu konkrete Belohnung, würde ich hinzufügen, aber sehr wohl mithilfe von geistlicher Musik. Wie schrieb der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht: „Was muss man wissen, um Bach zu verstehen? Nichts.“

 


 

 


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