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Friederike Kienle: „Unsere Konzerte sollen Events sein!“

Lesezeit: 4 Minuten

Die Cellistin und Dirigentin Friederike Kienle verantwortet die Konzertreihe in der Berger Kirche. Dabei wird das eigentliche Programm durch zusätzliche Formate ergänzt. Jürgen Hartmann hat sie dazu befragt.

Jürgen Hartmann: Frau Kienle, Sie sind einerseits Dirigentin klassischer Prägung, andererseits hat man angesichts Ihrer Konzertreihe in der Berger Kirche und der Aktivitäten Ihres Ensembles Balance den Eindruck, dass Sie sich mit den traditionellen Konzertformaten nicht zufriedengeben.

Friederike Kienle: Ich bin als Cellistin gestartet und habe mit dem Dirigieren angefangen während meiner zehn Jahre in Japan. Es war schon der Wunsch da, mehr selbst gestalten zu können, nicht nur Klang zu produzieren, sondern Menschen dazu zu bewegen, Musik zu machen. Mein Masterstudium in Stuttgart habe ich im März 2020 abgeschlossen, pünktlich zum Corona-Lockdown! Das war ein ungünstiges Timing, weil es ja gerade losgehen sollte und stattdessen alles zum Stillstand kam. Ich habe einige Wochen später mit befreundeten Musikern das Ensemble Balance gegründet. Das war die Möglichkeit, künstlerisch aktiv zu bleiben in einer Zeit, in der gar nichts mehr ging. Dabei sind viele weitere Ideen entstanden. Natürlich mag ich den ganz normalen Konzertbetrieb, und ohne die Pandemie wäre ich froh gewesen, dort einsteigen zu können. Ich hätte mir dann nicht so viele Fragen stellen müssen! Aber andererseits wurde mir direkt vor Augen geführt, wie krass sich die Zeiten und der Umgang mit Kultur verändern, auch dass das gewohnte Publikum vielleicht nicht mehr kommt.

Jürgen Hartmann: Ihre Konzertreihe in der Berger Kirche ist aus diesen Überlegungen hervorgegangen?

Friederike Kienle: Ja. Das ist schon ein schönes Konzertformat geworden, wir schnüren ein Allround-Paket. Wir machen zu Beginn etwa fünfzehn Minuten Talk, eine Art Einführung mit den Künstlern und über das Programm, aber eben nicht getrennt vom eigentlichen Konzert, sondern als dessen Bestandteil. Darauf folgt die Young Stage, das ist eine Auftrittsmöglichkeit für ganz junge Musiker:innen. Das hat einen schönen Effekt, wenn dort ein Zwölfjähriger super Geige spielt, aber vielleicht noch nicht ganz so perfekt ist wie ein Geiger im Hauptprogramm, und deutlich wird, was für eine lange Entwicklung hinter dieser Perfektion steht. Und wir lassen das Konzert ausklingen mit der Balance-Lounge, einem Sektempfang auf Spendenbasis. Unsere Konzerte sollen echte Events  sein, bei denen das Publikum in Kontakt kommt, untereinander und mit den Künstler:innen. Ich glaube, das wird sehr geschätzt, dass das alles ineinander übergeht.

Jürgen Hartmann: Sie nennen sich ausdrücklich auch Musikvermittlerin. Ist es schwierig, Ausführende und Publikum zusammenzubringen?

Friederike Kienle: Ich denke, das muss man pflegen und auch ein bisschen trainieren. Wer öfter kommt und weiß, dass es nach dem Konzert eine Gesprächsmöglichkeit gibt, hört vielleicht anders zu, kommt während des Konzerts auf Fragen, die man den Ausführenden nachher stellen könnte. Natürlich gibt es Situationen, in denen sich Grüppchen bilden und man nicht ins Gespräch kommt. Das hängt ja auch von der persönlichen Disposition ab. Insgesamt sind die Leute aber sehr kommunikativ und wir bekommen viel Zuspruch und gutes Feedback für unsere Konzertveranstaltungen, manchmal sogar Angebote, bei der Organisation mitzuhelfen. Natürlich sind wir offen für konstruktive Kritik und versuchen diese dann auch in unsere weiteren Planungen einfließen zu lassen. Mir ist auch wichtig, dass das Publikum sozusagen mit sich selbst ins Gespräch kommt, dass Menschen sich wiederbegegnen. Vielleicht so, wie man sich früher in der Kirche begegnet ist.

Jürgen Hartmann: Ich habe den Eindruck, dass Sie dem Publikum sehr zugewandt sind.

Friederike Kienle: Ja, absolut! Ich denke wirklich, diese Haltung müssen wir immer weiter ausbauen. Als Ensemble Balance, zu dem auch Timo Brunke als Sprecher gehört, präsentieren wir Opern in einer speziellen Weise. Wir lieben die Oper an sich, aber man muss auch zugeben, dass viele Werke für ein heutiges Publikum ziemlich lang sind. Man darf ja nicht vergessen, dass sich zur Entstehungszeit der meisten Werke die Menschen im Saal bewegen oder gar essen und trinken konnten. Da kann man an eine Kurzversion sofort andocken, in der man eine Oper auch mit der heutigen Zeit in Bezug bringt. Ich finde, unsere „Traviata“ ist wirklich sehr gut gelungen, und im April machen wir Beethovens Schauspielmusik zu „Egmont“ in dieser Weise. Da merkt man, was für Schätze solche Werke sind, gerade wenn man sie mit allem Respekt für die Handlung eben modern und weniger langatmig darstellt. Ich denke, so ist es auch für junge Leute von heute interessant, zumal in der Oper oft das Frauenbild nicht mehr unseren heutigen Standpunkten entspricht.

Jürgen Hartmann: Dieser Zugang spricht aber sicher nicht nur junge Leute an.

Friederike Kienle: Nein, wir könnten unsere Produktionen fast überall spielen, bei Opernfestspielen oder auf dem Marktplatz kleinerer Städte. Wir würden das auch gerne tun, aber es ist nicht einfach, den Zugang zu diesem Markt zu finden.

Jürgen Hartmann: Was genau passiert am 28. Januar in der Berger Kirche?

Friederike Kienle: Wir haben das Barockensemble „Hortus Amoris“ aus Lausanne zu Gast, es spielt auf historischen Instrumenten, unter denen auch einige Raritäten sind. Es wird ein sehr virtuoses Programm!

Foto: Reiner Pfisterer

Das Programm von Hortus Amoris in der Berger Kirche am 28. Januar startet wie alle Konzerte der Reihe um 16.30 Uhr mit dem „Stage Talk“. Das „Egmont“-Projekt des Ensembles Balance wird am 14. April um dieselbe Uhrzeit präsentiert. Weitere Informationen zur Konzertreihe unter www.konzertreihebergerkirche.de. Die „La traviata“-Fassung wird hier bei Youtube vorgestellt.


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