Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Wie war‘s bei „Fundbüro“ im JOiN?

Uraufführung an der Jungen Oper im Nord: „Fundbüro“ heißt die Stückentwicklung mit Mitgliedern des Stuttgarter Opernstudios und dem Theaterkollektiv Membra. Ute Harbusch erzählt Petra Heinze, warum der Premierenbesuch sie verzaubert hat.

Petra Heinze: Liebe Ute, im Vorfeld der Premiere beschrieb der neue JOiN-Leiter Martin Mutschler im SWR-Fernsehen das „Fundbüro“ als einen Ort der Erinnerungen, ähnlich wie die Musik ein Ort der Erinnerungen sei. Die Musik ist in diesem Abend ein Ritt quer durch die Musikgeschichte und wurde, wenn ich es richtig verstand, von den Sänger:innen selbst eingebracht. Fügt sich das denn zu einer Geschichte?

Ute Harbusch: Ist die Geschichte in der Oper denn so wichtig? Der zauberhafte Abend hat diese Frage gestellt oder zumindest in mir geweckt. Ich durfte in einigen Liedern richtiggehend magische Momente erleben, die mich mehr berührt haben als die Rahmenhandlung, wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will. So wie ich in der Oper ja auch immer wieder ziemlich hanebüchene Geschichten über mich ergehen lassen muss und trotzdem bis ins Innerste berührt werden kann, im besten Fall.

Petra Heinze: Also war das mehr eine Revue? Erzähl mal, was auf der Bühne geschah.

Ute Harbusch: Eine nostalgische, sentimentalische Revue, stimmt. Oder einfach ein szenischer Liederabend. Ein „Lost and found“ – so heißt das „Fundbüro“ viel poetischer als im Deutschen – war der Ort der Musik. Gelegentlich gab die Drehbühne den Blick frei auf die Dreierkombo aus Klavier, Elektronik und E-Gitarre. Vier Figuren traten auf und ab, sangen, spielten, tanzten allein oder miteinander, nur das „Faktotum“, die Verwalterin des Fundbüros, blieb ständig auf der Bühne. Links Büro, rechts Schlafplatz. Das Fundbüro selbst besaß eine Stimme aus dem Off. Gegenstände wie Schlüssel, Kette, Spiegel, vor allem ein Teppich und ein Kuchen, spielten auch ihre Rolle.

Petra Heinze: Und was war das Zauberhafte?

Ute Harbusch: Es war das gute Ende. Melancholie und Wehmut wuchsen, wurden immer größer und übermächtiger, bis am Tiefpunkt der Verzweiflung (Schuberts „Doppelgänger“) die Kehrtwende eingeleitet wurde („Era già tutto previsto“ von San-Remo-Schlagerstar Riccardo Cocciante). Ich habe gelacht unter Tränen. Zum Schluss saßen alle gemeinsam auf dem Teppich, mit dem zuvor, als er noch eine monströse Teppichrolle war, heldenhaft gekämpft und getanzt worden war. Jetzt lag er ausgebreitet da, wie in der Ballade „Knoxville: Summer of 1915“ von Samuel Barber. Ihr Text von James Agee erinnert die glücklichen Kindheitsmomente, damals, als alle noch da waren und in den lauen Südstaatennächten draußen auf Decken in den Wiesen saßen und sich unterhielten, über nichts Besonderes.

Petra Heinze: Ein großer Bogen …

Ute Harbusch: Ja, und innerhalb dieses großen Bogens entstanden wiederum einzelne zauberhafte Momente, wenn es den Sänger:innen gelang, ein Lied (so unterschiedlich diese waren, von Dowland bis zur britischen DJ Sophie, von Vivaldi bis zum venezolanischen Sänger Arca) so zu gestalten, dass es zu einer eigenen Szene anwuchs. Das war für mich der Zauber dieses Abends und es ist, wenn ich’s richtig bedenke, der Zauber von Oper überhaupt.

Petra Heinze: Das war ja das erste Stück, das die neuen Mitglieder des Opernstudios im JOiN mit dem Kollektiv Membra, verantwortlich für Regie und Ausstattung, erarbeitet haben. Wie fandest Du denn die Sänger:innen?

Ute Harbusch: Magnetisches Zentrum des Abends war die mexikanische Mezzosopranistin Itzeli Jáuregui, das „Faktotum“, mit ihrer schauspielerischen Intensität und einer Stimme, die mühelos von kehligen Tiefen zu leuchtenden Höhen übergeht. Wie eine fabelhafte Amélie (wenn auch von ganz anderer Statur) hat sie die Energie des Abends gebündelt und gestreut, phänomenal. Ich könnte sie mir ebensogut als Carmen wie als Klytämnestra vorstellen. Darstellerisch und stimmlich gleichauf war der Tenor Joseph Tancredi aus New York. Seinen Albert Herring, den er schon am Curtis Institute gegeben hat, würde ich gerne einmal erleben, oder vielleicht auch einen Kalaf? Durch seine selige Verlorenheit und sein schmelzend-durchdringendes, so sanftes wie strahlendes Timbre ließ er die erwähnten Stücke von Barber und Cocciante zu den Höhepunkten des Abends werden.

Im Bild: Alma Ruoqi Sun und Itzeli Jáuregui (hinten), Foto: Matthias Baus

Weitere Aufführungen im Januar, Mai und Juni.
www.staatsoper-stuttgart.de/junge-oper


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Wie die Schallwellen zu den Ohren kommen
    Musik und Bewegung, Klang und Räumlichkeit erforscht die Kanadierin Annesley Black. Am 18. Februar wird ihr Werk „A sound, a narrow, a channel, an inlet, the straits, the barrens, the stretch of a neck” vom Staatsorchester Stuttgart uraufgeführt. Jürgen Hartmann sprach mit der Komponistin.
  • Klangrausch als Gottesdienst
    „Invisible Threads“ heißt das neue Werk des Briten Christian Mason, das beim Stuttgarter Festival Eclat das Arditti Quartet aufführte. Unsichtbare Fäden verknüpfen sich in der Performance Installation mit Texten von Paul Griffiths. Susanne Benda war dabei.
  • „Unsere Konzerte sollen Events sein!“
    Die Cellistin und Dirigentin Friederike Kienle verantwortet die Konzertreihe in der Berger Kirche. Dabei wird das eigentliche Programm durch zusätzliche Formate ergänzt. Jürgen Hartmann hat sie dazu befragt.
  • Wie war‘s bei „Fundbüro“ im JOiN?
    Uraufführung an der Jungen Oper im Nord: „Fundbüro“ heißt die Stückentwicklung mit Mitgliedern des Stuttgarter Opernstudios und dem Theaterkollektiv Membra. Ute Harbusch erzählt Petra Heinze, warum der Premierenbesuch sie verzaubert hat.
  • Freunde – gern diese Töne! (zum Dritten)
    Jahr für Jahr stehen sie auf dem Programm: Konzerte mit Beethovens Neunter zum Jahreswechsel. Petra Heinze überlegt, ob das Immergleiche uns guttut und wofür es noch taugt.