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Wie war’s beim Freiburger Barockorchester?

Lesezeit: 3 Minuten

Das Freiburger Barockorchester in Pose, Foto: Britt Schilling

Mit „Der Wald ruft!“ warb das Freiburger Barockorchester (FBO) für sein jüngstes Konzert im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle. Ute Harbusch war dabei und sprach mit Petra Heinze darüber.

Petra Heinze: Liebe Ute, Francesco Geminianis Ballettmusik „La foresta incantata“ war zu Lebzeiten ein Reinfall. Auch heute hört man sie nicht oft. Wie hat sie Dir gefallen?

Ute Harbusch: Ganz ausgezeichnet! Der Scarlatti-Schüler Geminiani feierte eigentlich große Erfolge in London, neben Händel und Corelli. Aber die Pariser Uraufführung seines „Verzauberten Waldes“ von 1754 war wohl ein Flop. Angeblich war seine Musik zu „exzentrisch“ und „bizarr“. Das ist für unsere heutigen Ohren, die gar keine verbindlichen ästhetischen Normen mehr erwarten, ja eher ein Pluspunkt. Statt die Handlung nach Episoden aus Tassos „Befreitem Jerusalem“ nachzuerzählen, hat Geminiani bestehende Concerti grossi zusammengesetzt. Die Vielfalt der Stimmungen, schnelle Wechsel im Ausdruck, vor allem im zweiten Teil, fand ich sehr schön. Sicher nicht zufällig wählt er sprechende Begriffe wie „Andante spiritoso“ und „Affettuoso“, also „witzig“ und „liebevoll“, zur Bezeichnung seiner Sätze. Und seine Art, Rhythmen und Melodiebögen immer wieder gegen das Metrum zu verschieben, ließ aufhorchen. Gerne mehr davon!

Petra Heinze: FBO-Dramaturg Martin Bail hat weitere Stücke zum Thema Wald dazuprogrammiert. Ging das musikalisch auf? Wie fandest Du die Kombination?

Ute Harbusch: Nun ja, Geminianis Balletthandlung spielt in einem Wald. Kein shakespearescher Zauberwald übrigens, sondern ein von den Moslems aus Notwehr verhexter Wald, damit die Kreuzritter daraus keine Militäranlagen bauen. Im gleichen Wald spielt Händels Oper „Rinaldo“, ebenfalls nach Tassos Versepos. Im Wald wird gejagt und im Wald ist es dunkel, deshalb die Vivaldi-Konzerte „La Caccia“ für Violine und „La Notte“ für Blockflöte. Natürlich hört man keinen Wald, wenn man es nicht weiß. Ausgerechnet in „La Caccia“ spielen die Hörner nicht mit und der Kuckuck in Händels Orgelkonzert „The Cuckoo and the Nightingale“ singt die kleine Terz sowohl vorschriftsmäßig ab- als eben auch aufwärts. Eher als ein Konzert mit Programm war es also ein Konzert über die Chancen und Risiken barocker Programmmusik. Als solches schlau und geradezu subversiv gebaut, zumal alle Stücke attacca ineinander übergingen.

Petra Heinze: Wie agierte das FBO unter seinem von der Violine aus dirigierenden Künstlerischen Leiter Gottfried von der Goltz?

Ute Harbusch: Packend, wie aus einem Guss. Es war, als wäre das ganze Orchester ein einziges Instrument. Mal entzückend intim, wenn nur Solovioline, Laute (Shizuko Noiri) und erstes Violoncello (Guido Larisch) eine kleine Serenata zelebrierten, meist hochvirtuos und schnell, aber dabei immer atmend, phrasierend – so auch von der Goltz’ Violinsolo in „La Caccia“. Der Gesamtklang war mit zwei Kontrabässen und drei Celli tief und voll, was ich persönlich sehr mag. Das Fagott von Gordon Fantini entzündete stellenweise einen Drive wie der E-Bass einer Rockband. Die Darbietung hatte enormen Groove, das bewegte sogar meinen kleinen Sitznachbarn von etwa sieben Jahren.

Petra Heinze: Auf der Bühne stand der Nachbau einer Renaissance-Orgel. Wie empfandest Du ihren Klang? Und das Spiel von Jörg Halubek, dem Stuttgarter Professor für historische Tasteninstrumente?

Ute Harbusch: Passend zum Thema Wald war es ein Organo di legno, also eine Holzorgel, wie wir in der Einführung von Marcus Imbsweiler erfuhren. Sie klang weich, mit ihren hohen Registern und ihrem kleinen Umfang gleichzeitig fast verschmitzt – so wie die Blicke, die der Solist dem Konzertmeister zuwarf, wenn Orgel und Orchester einander auf herzerfrischende Weise die Bälle zuwarfen. Wie seinerzeit Händel selbst hat auch Halubek stellenweise improvisiert, denn Händel hat die Orgelstimme nicht durchgehend notiert.

Petra Heinze: Es gab noch ein drittes Solo-Konzert …

Ute Harbusch: Isabel Lehmann war die Solistin in Vivaldis Blockflötenkonzert „La Notte“, die kein Risiko scheute, über den Schönklang hinauszugehen. Das war eine fast schon romantische Schauernacht à la Füssli oder Berlioz, mit jaulenden, wabernden Tönen im Soloinstrument, Trillern, die für Suspense sorgten, und gruseligen Harmonien im Orchester. Einen Wald abmalen kann die Musik nicht. Nächtlichen Horror evozieren aber sehr wohl, und das seit fast 300 Jahren.

Zum Nachhören: SWR2-Abendkonzert am 28.10.: https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/freiburger-barockorchester-swr2-abendkonzert-2022-10-28-100.html


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