Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Yuval Weinbergs Antrittskonzert: Ganz direkt und emotional

Foto: Klaus Mellenthin

Dem Publikum nahezukommen, hat sich Yuval Weinberg vorgenommen und muss einstweilen genau das Gegenteil tun. Sein erster öffentlicher Auftritt als Chefdirigent des SWR Vokalensembles fand als Geisterkonzert in der Alten Kelter Fellbach statt, die Sängerinnen und Sänger je zur Hälfte, aber umso weiter im Raum verteilt.

Von Jürgen Hartmann

Yuval Weinberg hat für sein Antrittsprogramm A-cappella-Kompositionen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts unter dem Motto „Mythen“ zusammengespannt. Es geht ums Ganze; um Liebe und Tod. Olivier Messiaens „Cinq Rechants“ und die „Orphic Songs“ des Norwegers Ørjan Matre, dazwischen zwei Gesänge von Johannes Brahms: Dieses rund einstündige Programm ist für das SWR Vokalensemble keine allzu große Hürde. Der Chor beeindruckt mit Messiaen als Solistenvereinigung mit glasklarer Tongebung. Weinberg weiß den vielfältigen Zyklus, der doch etwas mehr ist als das vom Komponisten behauptete „Liebeslied“, fein zu schattieren im Wechsel von kompaktem Schönklang und disparatem Nebeneinander.

Aufgehellt, jenseits romantisierender Klischees, zügig und doch detailverliebt präsentieren Dirigent und Chor das „Abendständchen“ und „Darthulas Grabgesang“ von Brahms, um dann zu der gewiss persönlichsten Wahl des neuen Chefs fortzuschreiten. Weinberg ist der Chorlandschaft Nordeuropas durch Studium und Arbeit in Norwegen verbunden und kennt von daher auch den 1979 geborenen Komponisten Ørjan Matre. Dessen „Orphic Songs“ sind überraschend szenisch, dialogisch und diskursiv angelegt. Altgriechische Texte erzählen von todessehnsüchtigen Ritualen der antiken Orphiker-Sekte, und Matre lässt die Sängerinnen und Sänger allerhand vokale und sogar instrumentale Kunstgriffe tun. Es zeichnet die skandinavische Musikwelt aus, dass sie sich eine Modernität jenseits von Ideologien erarbeitet hat, und so wirken die „Orphic Songs“ bei aller tadellos dargebotenen Kunstfertigkeit ganz direkt und, kaum wagt man es aufzuschreiben, emotional. Und das ist wirklich gut so.

Die Rezension entstand auf der Grundlage der unter https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/antrittskonzert-yuval-weinberg-mit-dem-swr-vokalensemble-100.html verfügbaren Aufzeichnung.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Busoni, der unerhörte Europäer
    Wegen des Männerchors ins Konzert, enttäuscht wegen dessen allzu kurzen Auftritts – aber unverhofft überwältigt und begeistert von Ferruccio Busonis Klavierkonzert. So erging es unserem Rezensenten Holger Schneider im Konzert des SWR-Symphonieorchesters.
  • Das Frühlingsrätsel: Wer schrieb das?
    „Del hielo libera a corrientes y arroyos la preciosa y vivificante mirada de la primavera. En la laguna se enverdece la suerte de la esperanza.
  • Wie war’s bei figure humaine in der Liederhalle?
    Der Kammerchor figure humaine feiert mit seinem Frühlingskonzert das Fauré-Jahr. Dirigent Denis Rouger hat ein französisch-deutsches Programm zusammengestellt, Ute Harbusch hat zugehört und berichtet Petra Heinze davon.
  • Das Publikum aus der Komfortzone holen
    Eine ungewöhnliche Mischung aus Originalwerken, Bearbeitungen und Improvisationen steuert die Dommusik St. Eberhard zur Bachwoche Stuttgart bei, geleitet von Domkapellmeisterin Lydia Schimmer. Jürgen Hartmann sprach mit ihr.
  • Klangräumlich kakophonisch komplettüberfordert
    Die „Hörspielnacht unterwegs“ sollte laut der Staatsoper Stuttgart das Warten auf die Uraufführung von „Dora“ versüßen – einer Oper von Bernhard Lang auf Texte von Frank Witzel. Solche gab es als Hörspiel im Bus – Holger Schneider hat sich hineingequetscht.