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Die „Winterreise“ zweimal hören

Lesezeit: 2 Minuten

Johannes Kammler und Cornelius Meister auf winterlicher Reise (Foto: IHWA)

 

Beim Liedkonzert der Hugo-Wolf-Akademie mit der Staatsoper Stuttgart erklang einmal mehr Schuberts „Winterreise“ – dieses Mal mit Bariton Johannes Kammler und Cornelius Meister am Klavier. Ute Harbusch war vor Ort.

Cornelius Meister, Fachmann für die großen Bögen der romantischen Sinfonik, leitet als Generalmusikdirektor in der Stuttgarter Oper zurzeit, wie schon letzten Sommer in Bayreuth, Wagners „Ring“. Ein größerer Kontrast zur intimen Form des Liedes scheint kaum denkbar. Doch Meisters erklärte und glaubhaft praktizierte Liebe zum kammermusikalischen Musizieren führt ihn immer wieder in diese Gefilde. Bariton Johannes Kammler wiederum fühlte sich nicht von Anfang an zum Opernsänger berufen. Das Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart tritt inzwischen in den großen Partien seines Fachs von Mozart, Donizetti und Rossini auf, begann seine Karriere aber als Konzertsänger.

Sein kultivierter, ebenso klangschöner wie fokussierter Gesang ließ an Textverständlichkeit nichts zu wünschen übrig. Im Gegenteil: Die konsonantische Schärfe, die im großen Opernhaus vonnöten sein mag, wäre im Vortragssaal der Staatsgalerie verzichtbar gewesen. Zusammen mit seinem Pianisten reizte Kammler die schnellen Ausdruckswechsel der Musik dramatisch aus. Doch Deutlichkeit ist noch keine Verdeutlichung. In der letzten Strophe des berühmten „Lindenbaums“ war der Sänger eben nicht „manche Stunde entfernt von jenem Ort“, sondern noch immer da, wo das Lied seinen Ausgang genommen hatte: auf dem Konzertpodium.

Als verlässlicher, einfühlsamer Begleiter nahm Meister Kammlers Impulse auf, führte aber auch nicht weiter hinein in die Winterwelt von Wilhelm Müllers Lyrik, trotz einiger agogisch eigenwillig gestalteter Vorspiele. Viel Pedal und eine volltönende linke Hand ließen andere, historisierende Interpretationen von Schuberts Liedern auf dem Hammerflügel als berechtigte Alternative zu Steinway-Stahlseiten erscheinen.

Erst weit zum Ende des Zyklus hin wurde der Vortrag sprechender, differenzierter, der Ausdruck deutlicher. Kammlers Bariton gewann Mut zur Innigkeit und zur leisen Erschütterung. In der hohen Lage gelangen nicht nur artistische Piano-Passagen, sondern Nuancen der Versonnenheit. Aus Darstellung wurde Erleben. Mit „Täuschung“, „Das Wirtshaus“ und vor allem „Der Wegweiser“ gelangen dem Opernduo ergreifende Miniaturen. So schien es zu guter Letzt doch noch auf einer inneren Bühne angekommen zu sein. Und jetzt hätte man die „Winterreise“ gerne noch ein weiteres Mal gehört.

 

www.ihwa.de


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