Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Heinzes Tipps des Monats

Lesezeit: 3 Minuten

Weihnachten geht nicht ohne Weihnachtsoratorium? Doch, ausnahmsweise schon, behauptet Petra Heinze. Sie empfiehlt im Dezember ein Theaterstück über gehörlose Menschen und zwei Konzerte mit ungewöhnlicher Programmatik.

Die Idee zu „Gebärden der Geschichte“ hatten die gehörlose Stephanie Mündel-Möhr und die hörende Jasmin Schädler. Beide führen auch die Regie bei diesem Stück, welches um vier gehörlose Menschen kreist. Diese haben zu verschiedenen Zeiten in Baden-Württemberg gelebt und dort schlimme Dinge wie Diskriminierung, Nationalsozialismus, Gewalt, Zwangssterilisation und Trauer erfahren.

Musikalisch begleitet werden die Figuren von einem Gebärden-Ensemble. Es besteht aus gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Menschen, wie auch das Schauspieler:innen- und Produktionsteam der INTERAKT Initiative. Die Inszenierung möchte es ermöglichen, Musik nicht nur hörend, sondern auch sichtbar sowie körperlich und räumlich zu erfahren. Die Aufführungen finden in deutscher Gebärdensprache und deutscher Lautsprache statt und werden ab 14 Jahren empfohlen.

http://theaterrampe.de

Der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen gestaltet unter der Leitung von Judith Mohr (Bild) ein Adventskonzert mit selten zu Hörendem: Der adventliche Choral „Wachet auf“ kommt in drei verschiedenen Fassungen von Michael Praetorius (1571-1621) zur Aufführung; eine zunächst bekannt erscheinende Melodie, die dann ungewöhnliche rhythmische und melodische Wendungen nimmt. Aus England kommen das hypnotische „The Lamb“ von John Tavener (1944 -2013), das intensive „My Lord Has Come“ von Will Todd (*1970) und das mitreißende „Tomorrow shall be my dancing day“ von Philip Stopford (*1977).

Aus Irland steuert Charles V. Stanford (1852-1924) sein pompöses doppelchöriges „Magnificat“ bei, während die amerikanische Komponistin Patricia van Ness (*1951) mit „Into Winter’s Glimmering Night“ eine besondere Nacht heraufbeschwört. Zum Schluss erklingen das feierliche „Veni, veni Emmanuel“ von Zoltán Kodály (1882-1967) und das gewaltige „O Adonai“ von Pawel Lukaszewski (*1968).

http://swdk.de

Mit „Überflieger“ ist das vorweihnachtliche Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters überschrieben. Das zielt zunächst auf den Solisten und Dirigenten des Abends: Ilya Gringolts. Der 43-jährige russische Geiger ist der ehemals jüngste Gewinner des Paganini-Preises. Und auch das Programm verspricht Überflieger…

Der Violinist Ilya Gringolts gilt als Überflieger.

Mendelssohn komponierte bereits mit zwölf bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien.  Das Stuttgarter Kammerorchester spielt seine Sinfonie Nr. 10 in h-Moll. Als genial darf auch Boris Filanovskys (*1968) Werk „Infinite Superposition“ gelten, welches sich als „work in progress“ unendlich fortschreibt. Jean-Marie Leclair soll ein außergewöhnlicher Geigenvirtuose mit perfektem und tonschönem Spiel gewesen sein. Es erklingt sein Violinkonzert op. 7 Nr. 2. Den Abschluss bildet Dvořáks Streicherserenade in E-Dur, die er in nur zwölf Tagen niederschrieb. Um 18:45 Uhr geben Ilya Gringolts und Intendant Markus Korselt (siehe Interview https://kesseltoene.de/stehenbleiben-waere-unkreativ/ ) eine Einführung.

kulturgemeinschaft.de

Fotos: INTERAKT – Dulamsuren Jigjid, Judith Mohr – Martin Rottenkolber, Ilya Gringolts – Kaupo Kikkas


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Mit professioneller Qualität: Das Theater unter den Kuppeln
    Die deutsche Musicallandschaft ist auch durch eine Vielzahl von Amateurbühnen geprägt. Die Spannbreite reicht von begeisterten Schulklassen bis zu Ensembles mit hohem Anspruch wie dem Theater unter den Kuppeln. Angela Reinhardt stellt die Freilichtbühne auf den Fildern vor.
  • Das Frühlingsrätsel: Wer bin ich?
    Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werde ich 2028 sterben. Dabei bin ich noch gar nicht so alt: 1970 erblickte ich das Licht der Welt am zentralsten Ort Stuttgarts. Gezeugt hatten mich drei Herren, die im Nachkriegsdeutschland einen modernen Kontrast zur historischen Umgebung schaffen wollten.
  • Wie war’s bei „Oh, die Frauen“ mit dem Philharmonia Chor?
    Mit Musik von der Renaissance bis heute huldigte der Philharmonia Chor im Weißen Saal des Stuttgarter Schlosses den Frauen. Hinzu kamen Texte, Solo-Gesang, ein Klavier und sogar Szenisches. Ute Harbusch war dabei und erzählte Petra Heinze davon.
  • Rondo vocale: Die Markuspassion mit neuen Worten
    Brauchen historische musikalische Werke wie Kantaten und Passionen neue Texte? Darauf antwortet der Chor Rondo vocale am Karfreitag mit einer besonderen Markuspassion nach J. S. Bach. Jürgen Hartmann hat mit dem Chorleiter Gereon Müller gesprochen.
  • Solomon’s Knot beim Bachfest Stuttgart
    Das Londoner Vokal- und Instrumentalensemble Solomon’s Knot musiziert auswendig, ohne Dirigent:in und mit szenischer Aktion. 300 Jahre nach ihrer Aufführung in Leipzig führt es in kleiner Besetzung beim Bachfest Stuttgart eine Markuspassion auf, die einen Blick in Bachs Werkstatt zulässt.