Sind Kritiken heute noch relevant?

In einer Zukunft, die es uns ermöglicht, eine Kesseltöne-Redaktion mit festem Kritikerstamm zu installieren, finden Sie hier täglich eine Musikkritik. Für diese Nullausgabe, die voraussichtlich über längere Zeit im Netz steht, haben wir stattdessen Künstler, Kulturschaffende und Kritiker gefragt, ob und warum ihnen Kritiken wichtig sind.

Natürlich wäre es vermessen, wenn man an die Kräfteverhältnisse in einer  Demokratie erinnert und die Notwendigkeit einer unabhängigen, neutralen Instanz beschwört, um der Musikkritik ihre Relevanz zu bescheinigen. Dennoch müsste das Musikleben ohne einen Akteur, der nicht selbst Komponist, Musiker, Veranstalter, Agent oder hörender Laie, sondern ein professionell kritisch Hörender ist, verkümmern. Auch sagte Mauricio Kagel einmal, er lese oft lieber etwas über Musik, als dass er sie höre.
Björn Gottstein, Künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage

 

Musikkritiker können Fans sein, Vermittler und Fackelträger. Manchmal sind sie aber auch Politiker, Parteigänger, Neider und Intriganten. Sie sind Menschen im Publikum, die im besten Fall ein bisschen mehr wissen als andere, die neben ihnen sitzen. Unermüdlich erschöpfen sich Kritiker beim eigentlich unmöglichen Unterfangen, die sprach- und begriffslose Musik mit Sprache zu fassen. Manchmal sind Kritiker die, deren Meinung man lesen will, um zu wissen, ob es einem im Konzert gefallen hat. Manchmal sind sie aber auch die, die offenbar in einer anderen Veranstaltung waren, jedenfalls aber – was jeder gesehen hat – vor der fünften Zugabe gegangen sind. Ohne Musikkritik könnte die Musik sicher leben. Aber es gäbe keinen, der ihr sagen könnte, warum.
Susanne Benda, Musikredakteurin

 

Es ist abgedroschen, aber: Lieber ein ordentlicher, gut geschriebener und begründeter Veriss als die höfliche Zurkenntnisnahme einer Veranstaltung ohne eigene Position seitens des „Kritikers“. Was konnte zum Beispiel dem Bayreuther Ring 1976 von Chéreau und Boulez Besseres passieren, als die damalige totale Ablehnung dieser Aufführung durch die Kritik? Die Geschichte hat es gezeigt…Dafür braucht es aber Kennerschaft und Meinung, die auch formuliert werden will. Um den Diskurs zu befeuern. Um Kritikfähigkeit überhaupt am Leben zu erhalten. Gegen den faulen Konsens, die Vereinheitlichung und die lähmende Gemütlichkeit. Habt Stacheln und piekst!
Mark Lorenz Kysela, Saxophonist

 

Sinnliches Erleben und Reflexion greifen in der ästhetischen Erfahrung eng ineinander und erhellen sich wechselseitig. Rezensionen leisten eine solche Reflexion idealerweise, indem sie Erlebtes auf den Begriff bringen. Nachvollziehen lässt sich das aber nur für diejenigen, die der Aufführung selbst beigewohnt haben. Für alle anderen reflektiert die Rezension eine Erfahrung, die unwiederbringlich in der Vergangenheit liegt. Ohne Konzertbesuch Rezensionen zu lesen, ist wie Fotos von Essen zu betrachten: Im besten Fall machen sie Appetit.
Jan Kopp, Komponist

 

Musik ist mehr als Unterhaltung und Komponisten sind mehr als unterhaltsame Dienstleister. Musik ist ein unschätzbares Kulturgut. Fundierte, professionell schreibende Musikkritiker retten die Musik davor, nur konsumiert zu werden. Denn als gute Kritiker
– bewerten sie nicht nur, sie entdecken neue vielversprechende Talente jenseits des Mainstreams.
– beobachten sie den Musikmarkt und wirken als Korrektiv.
– treten sie mit Musikern, Komponisten und Publikum in einen konstruktiven Dialog.
– schieben sie neue Entwicklungen mit an.
Fazit: Gute Musikkritiker sind für das Musikleben so wichtig wie das Fundament für ein Haus.
Annette Eckerle, Musikjournalistin und PR-Frau

 

Musikkritik muss einen Spagat ausführen zwischen fachlich begründbaren Erwartungen der ausübenden Professionellen und einem Publikum, das Musik lediglich liebt und aus dem Gefühl heraus beurteilt. Sie muss mögliche Fehleinschätzungen beider Lesergruppen glaubwürdig voraussehen und obendrein so formulieren, dass sie ihre eigene Meinung nur daneben, nicht darüber stellen will. Der Gefahr, lediglich Deskriptives zu liefern, sollte sie ebenso ausweichen wie eigener, möglicher Entblößung ungenügenden Fachwissens und Einfühlungsvermögens entgehen. Da nur ein Teil der Leser die Aufführung, über die berichtet wird, gehört hat, muss ihr Beitrag, um überhaupt Interesse finden zu können, so spannend erzählt werden wie ein Kriminalroman oder eine laufende Sportreportage, bei denen der Ausgang der Geschichte offen ist. Eine schwere Aufgabe, die lediglich, wenn sie auf viel Zeit zur Verfügung und auf genügend interdisziplinäre Fähigkeiten bauen kann, wirklich sinnvoll ist. Aber das ist bisher selten, leider zu selten der Fall.
Frieder Bernius, Dirigent und Künstlerischer Leiter des Musikpodiums

Die Musikzeitung Kesseltöne: Ein Satellit der Zeitungswelt

Unsere Redakteurin Petra Heinze, Foto: Rüdiger Schestag

Unsere Redakteurin Petra Heinze, Foto: Rüdiger Schestag

Von Petra Heinze

Künftig möchten wir Ihnen hier jeden Tag einen Veranstaltungstipp geben. In dieser Nullausgabe erläutern wir stattdessen, warum wir die Musikzeitung Kesseltöne gegründet haben und wo wir damit hin wollen.

„Eigentlich sollte man die Kritiken von Herrn E. gar nicht mehr lesen. Er lässt selbst die wundervollsten Konzerte allenfalls wie eine nette Provinzvorstellung aussehen“, ärgert sich Frau A. „Das finde ich gar nicht so schlimm.“, kontert Frau G., die mit ihr zusammen ein Konzert besucht hat. „Furchtbar ist, dass kein weiterer Kritiker in dem Konzert war, der die Dinge vielleicht anders sieht“.

Tatsächlich verschwand die Musikkritik in den letzten Jahren immer mehr aus den Kulturseiten der Zeitungen. Wo vor fünf Jahren noch drei bis vier Kritiker ein klassisches Konzert anhörten, kommen heute oft nur noch einer oder keiner. Konnten Frau A. und Frau G. früher verschiedene Kritiken abwägen, sich ärgern oder freuen, sich mit anderen darüber austauschen und so ein Konzert tiefer durchdringen und im Bewusstsein behalten, so sind sie heute oft mit Einzelmeinungen konfrontiert. Wenn überhaupt. Da die Konzerte meist in den Abendstunden stattfinden, können sie nicht gänzlich von den Musikredakteuren abgedeckt werden, die schon tagsüber das Blatt machen. Vielmehr wird diese kleine Kunstform oft an freie Mitarbeiter vergeben und die erzeugen zusätzliche Kosten. Im Kulturressort mehr als anderswo. Dieses Geld fehlt den Zeitungen heute.

Das hat nicht nur die Folge, dass klassische Konzerte weniger im Gespräch und damit im Bewusstsein bleiben, sondern wirkt auch auf die Konzerte selbst: Wenn nur noch spektakuläre oder mainstreamige Konzerte eine Chance haben, rezensiert zu werden, wird sich dies mittelfristig auf die Programmauswahl der Musikinstitutionen auswirken und langfristig auch auf die Subventionierung derselben durch die öffentliche Hand: Nach welchen Kriterien sollen Politiker ihre Gelder vergeben, wenn ihnen keine professionellen Einschätzungen des Geschehens mehr zur Verfügung stehen?

Dem möchten die Kesseltöne als Satellit der Zeitungswelt abhelfen mit einer täglichen Kritik, einem täglichen Veranstaltungstipp, Hintergrundberichten und Ausblicken in angrenzende Genres. Wichtig ist uns auch, dass Sie, werter Leser, sich auf unserem Portal austauschen können, wie eingangs Frau A. und Frau G.: Untereinander und mit dem Kritiker sowie in unserem Forum über freie Themen der Klassikszene. So ein Vorhaben bedarf einer professionellen Redaktion und professioneller Kritiker. Damit wir unabhängige Kritiken liefern können, sollen die Kesseltöne ohne Werbung erscheinen, mit freiem Zugang für alle und mittelfristig finanziert mit freiwilligen Abonnements. Für das erste Jahr brauchen wir jedoch eine Anschubfinanzierung, bei deren Einwerben uns diese Nullnummer helfen soll. Hat sie Ihnen gefallen? Dann freuen wir uns über Ihre Spende. Unsere Bankverbindung finden Sie im Impressum. Vielen Dank und viel Spaß beim Lesen.

Wahrzeichen statt Mahnmal – Zur Eröffnung der Schlossgartenphilharmonie

Unser Reporter Sam Krebsler, gezeichnet von Patrick Hahn

Unser Reporter Sam Krebsler, gezeichnet von Patrick Hahn

Von Sam Krebsler

Eine Kolonne von E-Limousinen, angeführt vom Wagen des Bundespräsidenten Winfried Kretschmann, schob sich am vergangenen Sonntag die Neckarstraße vom Hauptbahnhof Stuttgart-Bad Cannstatt Stoßstange an Stoßstange bis hin zum Mittleren Schlossgarten anlässlich der feierlichen Eröffnung der Stuttgarter Schlossgartenphilharmonie. Nach einer Rekordbauzeit von 13 Jahren ist das neue Wahrzeichen der Stadt nun eröffnet worden.

Die Flöten fauchen und die Streicher knurren, das Blech bläht sich zur Riesenlunge und das Schlagzeug prasselt, klatscht und peitscht: Mit Tableau von Helmut Lachenmann weihte das ARD Symphonieorchester Süd unter Leitung von Christoph Nesenbach das neue Haus, dessen Fassade schon heute als neues Wahrzeichen Stuttgarts gilt. Noch bevor die geladenen Gäste, die aus der ganzen Republik für diese feierliche Eröffnung zusammen gekommen waren, sich den Geräuschklängen des Leonberger Meisters genießerisch hingeben konnten, mussten Sie jedoch bei ihrem Gang über den grünen Teppich, dessen noch junge Halme sattgrün sprießten, zunächst die Gesänge einer Remstaler Protestfolklorevereinigung über sich ergehen lassen. Mit Rollatoren und Rollstühlen blockierten sie den Zugang zum Gebäude, schwangen ihre Krückstöcke und drohten damit, die bevorstehenden Konzerte mit Hilfe von schwer lokalisierbaren, in hoher Frequenz pfeifenden Hörgeräten zu sabotieren.

Mit ihrem vehementen Protest ernteten die Bürger Unverständnis bei Vertretern aus Politik und Gesellschaft. „Heute ist ein Tag, an dem ich als Schwabe ein bisschen stolz darauf bin, was wir geschafft haben: Ingenieurskunst, Fleiß und ein gutes Baumanagement haben uns heute etwas Einmaliges geschenkt, um das uns ganz Baden, was sage ich: ganz Deutschland, beneidet“, so Oberbürgermeister Cem Özdemir. Dank gemeinsamer Anstrengungen von Stadt und Land war es gelungen, den Bau der neuen Philharmonie in der Rekordbauzeit von nur 13 Jahren fertig zu stellen. „Die Vorarbeiten, die durch Bauarbeiten an Stuttgart 21 geleistet wurden, haben es uns leicht gemacht, in der frei gewordenen unterirdischen Fläche ein neues Performing Arts Centre nach Vorbildern aus London und New York zu gestalten“, schildert der Schweizer Architekt Maurice Graf. „Wir mussten eigentlich nur den Deckel und den Stern obendrauf machen“, scherzt dessen Partner Alexander de Meunier, der den ersten Entwurf für das Center angeblich mit einem Bierdeckel und einen Schlüsselanhänger gestaltet hatte. Auch wenn er diese Legende nicht bestätigen möchte, räumt er augenzwinkernd ein: „Ein guter Entwurf muss auf einen Bierdeckel passen – nicht anders als die Steuererklärung.“

Unter Denkmalschützern war der Neubau durchaus nicht unumstritten. „Wir hätten es befürwortet, wenn die Baugrube im Herzen der Stadt offen geblieben wäre als Denk- und Mahnmal für spätere Generationen, was die Hybris des modernen Menschen mit unseren Innenstädten macht!“, so Reinhold Bäurle vom Verein „Stuttgart-Babel 21“, der sich für den Erhalt der Baustelle in der Innenstadt einsetzt. Einen Durchbruch brachte der Kompromiss, die Haupthalle des ehemaligen Hauptbahnhofs mit seinem Turm in das Gesamtkonzept zu integrieren. „Die Foyerfrage war damit so gut wie gelöst“, beschreibt Maurice Graf, „und wo man früher Zugtickets kaufen konnte, kann man jetzt Opern- und Konzertkarten kaufen. Das ist für die Besucher besonders angenehm. Gl’rnt isch g’lärnt“ unterstreicht er die Vorteile dieser Gesamtlösung.

Auch Naturschützer stemmten sich gegen den Bau der neuen Kulturstätte. „Es wurde eine einmalige Chance verpasst, in einem großangelegten Feldversuch herauszufinden, wie sich die Natur in unserer Klimaregion unter den Bedingungen des Wandels eine Fläche von dieser Größe wieder zurückerobert. Unser EU-Forschungsprojekt ‚Migration der Sporen’ hätte hier erhebliche Daten über das Wanderverhalten von Pilzen sammeln können. Die humiden Bedingungen, die seit des Bruchs der Keuperschichten bestehen, wären hierfür die idealen Voraussetzungen gewesen“, so Regine Bäuerle vom Bund der Naturforscher. Gute Entwicklungsbedingungen für Pflanzen und Lebewesen hatten vor zwanzig Jahren das Ende des Bauvorhabens Stuttgart 21 eingeleitet: Aufgrund des raschen Fortpflanzungsverhaltens einer Eidechsenart wurde die aufwändige, gesetzlich vorgeschriebene Umsiedlung der seltenen Tierart zum Milliardengrab.

Überglücklich zeigte sich an diesem Festtag verständlicherweise Peter Göckle, der Gründungsintendant des Vereins Schlossgartenphilharmonie e. V. „Heute geht ein Traum für mich in Erfüllung – dieses Gebäude an diesem Ort nun mit Leben und Klang erfüllt zu sehen, ist so schön, dass ich es kaum glauben kann.“ Mit der Gründung seines Vereins „Schlossgartenphilharmonie e.V.“ hatte Göckle vor 25 Jahren das Initial für die Neugründung der Philharmonie gegeben. Die Konzerte, die er seither unter dem Label Schlossgartenphilharmonie in der ganzen Stadt veranstaltete, haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Entscheidung für den Neubau einer Schlossgartenphilharmonie in Politik und Gesellschaft reifte. Selbst der Konzertveranstalter Rost, der die Idee einer Schlossgartenphilharmonie jahrelang für sich reklamierte und daher eine Urheberrechtsklage gegen Göckle anstrengte, die er letztlich verlor, gab sich an diesem Tag versöhnlich: „Es wäre besser gewesen, man hätte mich oder meine Tochter zum Intendanten gemacht. Aber so ist es auch in Ordnung.“

Mit einem Staatsbankett in der ehemaligen Staatsoper wurden die Festlichkeiten beschlossen. Starkoch Vincent Wurst ließ die Gänge jeweils mit Hilfe der legendären Stuttgarter Kreuzbühne auffahren: „Was der schnellen Verwandlung zwischen zwei Akten nützlich ist, kann auch beim Servieren eines neuen Gangs nicht abträglich sein.“ Gordon Tanqueray, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater, zeigte sich zufrieden. „Wir sind glücklich, dass es uns gelungen ist, im Rahmen der Opernsanierung das gastronomische Angebot für unsere Zuschauer maßgeblich zu verbessern.“ „Jetzt warten wir nur noch darauf, dass wir endlich aus unserem Interimsgebäude in das neue Performing Arts Centre ziehen dürfen“, ergänzte der Opernintendant Wiglaf Nochda mit zusammen gebissenen Zähnen. „Fünfzehn Jahre Interim sind genug. Es weiß bei uns kaum jemand mehr, wie ein echtes Opernhaus von innen aussieht und es ist ein Glücksfall, dass wir so früh hier angefangen haben. So gibt es nach wie vor die realistische Chance, dass wir die Eröffnung des Neuen Hauses noch vor Erreichen der Pensionsgrenze erleben dürfen. Bis zu meinem Siebzigsten sind es noch vier Jahre“, scherzte Nochda zerknirscht.

Ungetrübt von solchen Überlegungen wurde die Neueröffnung ausgelassen gefeiert. „Der Vorverkauf für unsere Konzertreihen ist hervorragend angelaufen. Unsere Idee, nicht nur mit Residenzorchestern, Residenzkünstlern und Residenzkomponisten zu arbeiten, sondern auch ein Residenzpublikum einzuladen, geht bislang voll auf“, so Göckle stolz. Sorgen bereiten dem Gründungsintendanten allein die schleppenden Umbauarbeiten der Staatsgalerie in ein neues Orchesterprobenzentrum. „Durch den Zusammenschluss sämtlicher verbliebener süddeutschen Rundfunkorchester zum ARD Symphonieorchester haben wir nun 350 Musiker mit Stimmzimmern und Spinden zu versorgen. Hier kam es uns sehr gelegen, dass das Land seine Kunstsammlung für die Finanzierung der Zinsen unserer Stuttgart-21-Schulden verkauft hat. Dadurch ist Raum entstanden, den wir gut gebrauchen können.“ Derzeit behindern noch Brandschutz- und Lärmschutzver-ordnungen, dass das ehemalige Museum als Orchesterprobenzentrum genutzt werden kann.

Justyna Koeke: „Mehrere kulturelle Standorte zu betreuen, ist sehr spannend“

Von Patricia Schaller

Das sogenannte Herz der Stadtbibliothek schien aus allen Nähten zu platzen. Ein Platz, den der Architekt eigentlich als leeren Raum vorgesehen hat. Im März dieses Jahres begeisterte die 39-jährige, polnische Performance-Künstlerin Justyna Koeke dort ihr Publikum mit einer besonderen Art von Fashion-Show. Sie präsentierte 20 textile Skulpturen mit dem Titel „Prinzessinnen und Heilige“- farbenfroh, exzentrisch, detailverliebt.

Warum war die Show so erfolgreich? „Die Bibliothek ist kein klassischer Ort, an dem man eine solche Art von Kunst vermutet“, glaubt Justyna Koeke. Neugierig sein, das sei Teil der Kunst. Neugierig machten auch die Models: Die Künstlerin entwarf ihre Mode für ältere Damen, die diese gelassen präsentierten. „Der Ausgangspunkt für meine Show waren Zeichnungen, die ich in meiner Kindheit mit meiner Schwester gefertigt und dann zufälligerweise wieder gefunden habe. Das ist auch ein Stück Heimat, da ich noch sehr mit Polen verbunden bin.“ Koeke war schnell klar, dass sie nach den Zeichnungen eine Kollektion fertigen will.

„Meine Kunst entsteht so: Mich beschäftigt etwas, ich will es ausdrücken und versuche dann, den passenden Zugang zu finden. Die weibliche Schönheit verbindet man vor allem mit Jugendlichkeit. Das wollte ich mit der Show in Frage stellen. Den älteren Damen zeigen, dass auch sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren können.“ Als Kind habe man bestimmte Vorstellungen vom Frau-Sein. Das sähe man auch auf den Zeichnungen, die spezielle Frauenbilder symbolisierten. „Aber wie entwickelt sich ein solches Frauenbild? Geht das in Erfüllung, was man sich vorgestellt – und vielleicht auch gewünscht hat? Und wie sieht das aus, wenn man im Alter mit diesen Vorstellungen konfrontiert wird?“

Justyna Koeke ist in Krakau geboren. Sie pendelt regelmäßig zwischen Polen und Süddeutschland. Vor etwa 15 Jahren zog sie nach Deutschland und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Der Institution hält sie bis heute die Treue als Teilzeit-Lehrende. Das Private und das Berufliche miteinander zu verbinden, liegt ihr am Herzen. Deshalb nimmt sie auch viele Projekte und Aufträge in Polen an. „Mehrere kulturelle Standorte zu betreuen, ist sehr spannend. Außerdem bringe ich mein Kind, so oft es geht, mit zu den Projekten in Polen. Mir war immer wichtig, dass es zweisprachig aufwächst.“

Aber sind die kulturellen Szenen in Krakau und Stuttgart miteinander vergleichbar? Die Städte sind ähnlich groß. Koeke erzählt, dass es in Krakau eine sehr aktive junge Szene gibt und als harten Gegensatz eine extrem konservative Szene, die aus akademischen Kreisen kommt. „In Stuttgart könnte durchaus einiges verändert werden, um mehr Diversität zu schaffen“, meint die Künstlerin. Das finge bei den hohen Mieten an, die für ein Atelier bezahlt werden müssten. Wenn Künstlern keine Plattform geboten werde, könne das Potenzial nicht ausgeschöpft werden. Und Potenzial gibt es in Stuttgart, da ist sie sich sicher: „Ich bin ja nah dran, weil ich an der Hochschule bin und sehe, dass dort ganz viele Menschen sind, die sehr begabt und aktiv sind. Natürlich gibt es eine große, etablierte Szene. In Stuttgart ist toll, dass alles recht übersichtlich ist. Man kennt schnell die Strukturen des kulturellen Netzwerks, erkennt wie die Szene funktioniert – das ist sehr vorteilhaft, auch für Kultur-Neueinsteiger.“

Koeke macht visuelle Kunst. Und spielt als Bassistin zusammen mit anderen Dozenten der Stuttgarter Kunstakademie in einer Punk-Band, der „Akademischen Betriebskapelle“, kurz ABK. „Wir sind keine Musiker“, betont sie. Die Musik sei vielmehr eine Ergänzung zur Kunst. „Es ist ein Phänomen der Zeit, dass man überall eine Art Dilettant ist. Man probiert dies und das – und das ist ja mit dem digitalen Wandel auch sehr einfach. Es scheint, als könne jeder eine Kamera in die Hand nehmen und Fotos machen, als ob jeder Sounds produzieren könne und in allen Gebieten Experte wäre. Obwohl es toll ist, dass jeder die Möglichkeit hat, ganz viele Dinge zu machen, ist es auch schön, wenn man seine Schwerpunkte hat, in denen man sich wirklich auskennt“, schmunzelt die Künstlerin.

Gemeinsam wetteifern – Spätreflexion über einen Skandal

Unser Autor Jürgen Hartmann, Foto: privat

Unser Autor Jürgen Hartmann, Foto: privat

Von Jürgen Hartmann

Ein nachmittägliches Abonnement-Konzert: Am Sonntag, 28. Februar spielte das Ensemble Concerto Köln zusammen mit dem Cembalisten Mahahn Esfahani in der Kölner Philharmonie. Werke von Johann Sebastian und Philipp Emanuel Bach sowie Zeitgenössisches von Frith, Górecki und Reich standen auf dem Programm. Esfahanis Aufführung von Steve Reichs „Piano Phase“ (1967) löste einen Eklat aus.

Die Sau ist durchs Dorf getrieben, die Aufregung verflogen – das kann ein guter Zeitpunkt sein, auf einen Vorfall zurückzukommen und ihn jenseits oft allzu schnell verfasster Kommentare erneut abzuwägen. Gemeint ist der kleine Skandal, den einige Kölner Konzertbesucher verursachten, als sie die Wiedergabe eines Stückes von Steve Reich durch den Cembalisten Mahan Esfahani lautstark störten und den Musiker zum Abbruch seiner Darbietung zwangen. Dessen Frage, wovor sich die Störenden denn eigentlich fürchteten, und sein Hinweis, dass derartige Musik in seinem Geburtsland Iran sogar verboten sei, kamen auch nicht gut an – wobei es unterschiedliche Angaben dazu gab, ob ein eifernder Hörer in diesem Moment dem Englisch sprechenden Esfahani zugerufen habe „Reden Sie gefälligst Deutsch!“ oder ob das erst später geschah, als ein von der Empörung empörter anderer Zuschauer– ebenfalls in Englisch – den Musiker öffentlich um Entschuldigung bat.

Große Aufregung überall, nicht zuletzt im Internet! Die allermeisten Kommentatoren, ob professionell oder aus Publikumsperspektive, solidarisierten sich mit Esfahani und empörten sich angesichts der Empörung, die ein zeitgenössisches Musikwerk bei einem Teil des Publikums ausgelöst hatte; einem Teil, der dem Vernehmen nach aus überwiegend älteren Männern bestand (und von einigen gegen den Protest protestierenden jüngeren Frauen offenbar zu noch größerer Wut angestachelt wurde).

Das Phänomen des Wutbürgers wurde, wenn nicht alles täuscht, ausgerechnet im gutbürgerlichen Stuttgart geboren. Die Protestierer gegen den neuen Bahnhof haben sich aber wohl kaum träumen lassen, dass die Wutbürgerlichkeit noch solche Erweiterungen nach sich ziehen würde – von Pegida-Wüterei bis zur Wut von Konzertbesuchern über moderne Musik und englischsprachige Musiker. Ja, dies sei hier durchaus in einen Topf geworfen! Ohne dass die wütenden älteren Herren in Köln nun gleich nationalkonservativ oder gar rechtsextrem sein müssten, sprach doch aus einigen Kommentaren im Internet jener neue Wutbürgergeist, der „Meinungsfreiheit“ ganz pauschal in Anspruch und damit zur Geisel nimmt: Natürlich müsse man auch ein Konzert stören oder gar zum Abbruch bringen dürfen, wenn einem die Musik nicht gefalle – das war so, kaum verhüllt, tatsächlich zu lesen.

Diese Es-muss-doch-gesagt-werden-dürfen-Haltung karikiert jeden aufrechten Protest. Definieren sich doch Demokratie und Meinungsfreiheit nicht dadurch, dass die Mehrheit ohne Weiteres bestimmt, sondern dadurch, dass die Mehrheit einer Minderheit gleiche Rechte zuspricht. Protest ist ein Bestandteil des gesellschaftlichen Interessenausgleichs, aber eine vermeintlich liberale Haltung gegenüber diesem Protest („ist doch schön, dass moderne Musik die Leute so aufregt“) verkennt, dass der Gegenstand, gegen den protestiert wird, in einer modernen, freien Gesellschaft doch von den Protestierenden doch zumindest erst einmal begriffen, erfasst werden müsste. Ansonsten gewährt man Stammtischparolen Raum, nach dem Motto „Die da oben machen, was sie wollen“ (in diesem Fall die Programmplaner oder eben gleich die Musiker) – eine letzten Endes auf fast jeden Sachverhalt anwendbare, aber den Sachverhalt eben auch ins Ungefähre, scheinbar ganz Einfache auflösende Parole.

Als die Schulen ihren Charakter als Unterrichtsanstalten abstreifen sollten, stand vor allem der so genannte Frontalunterricht in Frage. Schüler sollten mittun, diskutieren, fragen. An den Universitäten wurden Vorlesungen zu Gunsten von Seminaren reduziert, in denen Studenten nicht nur einfach zuhören (oder schlafen) sollten. Wenn man so will, ist die noch immer weithin übliche Konzertform eine Art Frontalunterricht. Aber musikalische Werke sind eben nur ganz selten als Dialog mit der wechselnd zusammengesetzten Hörerschaft konzipiert, sie entstehen wie die allermeisten anderen Kunstwerke in Einsamkeit und erblicken konsequenterweise „einsam“, auf einem meist sogar noch erhöhten Podium das Licht der Welt – sei es an Museumswänden, sei es auf Konzertbühnen. Auch die Bestrebungen, im Theater den Guckkasten zu Gunsten der Raumbühne aufzulösen, waren zwar künstlerisch fruchtbar, blieben aber ein Minderheitenprogramm.

Dass die „Schüler“ im Frontalunterricht etwas vorgesetzt bekommen, was ihnen nicht passt oder gar gefällt, ist nicht zu vermeiden. Welcher Schüler freut sich schon auf die Abfrage von Vokabeln und, Hand aufs Herz, welcher Musikfreund geht vollkommen freiwillig und mit unbändiger Vorfreude in Konzerte mit zeitgenössischer Musik? Aber nur die Anstrengung, den Sachverhalt zu betrachten, zu erkunden und dann eigene Schlüsse zu ziehen, kann die Basis für eine eigenständige Meinung sein. Diese Meinung muss nicht lauten: „Ich finde Steve Reich ganz toll“. Aber es hilft alles nichts: Anhören muss man sich’s schon, vollständig, und aufmerksam. Musik auf Klick gibt’s im Internet, zappen kann man auf dem Sofa. Aber auch hier und heute ist ein Konzert ein Konzert. Womit wir wieder bei Vokabeln wären: „concertare“ ist Lateinisch und enthält „certare“ (für wetteifern) und „con“ (im Sinne von gemeinsam). In Gemeinsamkeit wetteifern, das wäre doch schon mal ein Ausgangspunkt.