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Demokratie heute (3): Mitbestimmen im Chor?

Lesezeit: 5 Minuten

Was hat Chorsingen mit Demokratie zu tun? Geht das überhaupt und wenn ja, wie? Unsere Gastautorin Maria Bätzing hat Chöre mit demokratischem Anspruch zu ihrem Tun befragt.

Die Geschichte der Gesangsvereine in Deutschland legt einen Zusammenhang nahe: Viele sind im Zuge der Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts entstanden, als Gegenentwurf zu Kirchenchören und mit dem Anspruch, die Zivilgesellschaft positiv zu beeinflussen. Ein ehemaliges Vorstandsmitglied eines solchen traditionsreichen Chores bleibt dennoch skeptisch. Zwar sei die Satzung seines Chors durchaus demokratisch aufgebaut: Ein gewählter Vorstand wählt den Geschäftsführenden Vorstand und wohnt dessen Sitzungen bei. Leider habe das zuweilen nur auf dem Papier funktioniert.

Mehr als die Wahl zählte dann die persönliche Beziehung zum Chorleiter, der geschickt dafür sorgte, dass die Macht in seinem engen Kreis zentriert blieb. Und auch das Erarbeiten großer klassischer Werke, so vermutet er, fordert eine gewisse Hierarchie: „Vielleicht beginnt der Chorgesang bereits mit der freiwillig gewählten Asymmetrie zwischen Singenden und künstlerischem Leiter, die darauf ausgelegt ist, dass einer den Ton angibt – fast wie in einer Armee, wo einer die Strategie vorgibt und die anderen sie umsetzen.“

Auch musikalisch arbeitet der Chor mit geteilter Verantwortung, nach der Philosophie „The Intelligent Choir“ von Jim Daus Hjernøe. Dabei geht es nicht um den künstlerischen Geniegedanken, sondern um ein tatsächliches gemeinsames Musizieren – durchaus mit künstlerischem Anspruch. Die anfallenden künstlerischen, organisatorischen und sozialen Aufgaben liegen bei Nebula in der Hand von Arbeitskreisen, in die jedes Mitglied sich einbringen kann. Ob diese im Sinne des ganzen Chors wirken, wird in regelmäßigen Reflexionstreffen besprochen. Alle Chormitglieder haben die Möglichkeit, aber keine Verpflichtung, sich einzubringen.

Jede Stimme zählt

Auch Choriosity aus Ulm (Bild unten) ist in Arbeitskreisen organisiert. Um trotz der Fülle von inzwischen 120 Sänger:innen basisdemokratisch arbeiten zu können, läuft die Kommunikation über Chats, die für bestimmte Themen bestimmt sind und von den Arbeitskreisen genutzt werden, aber in der Regel für alle offen sind. So kann jede:r mitlesen und sich spontan einbringen, in Arbeitskreise eintreten oder sich wieder zurückziehen.

Auch für musikalische Fragen wie Interpretation und Repertoire gibt es diese Teams. Stückvorschläge zum Beispiel kann jedes Mitglied machen. Das Repertoire-Team sammelt die Vorschläge, trifft dann eine Vorauswahl und stellt sie zur Abstimmung. Im Musik-Team, das sich um die Interpretation kümmert, ist jede Stimmgruppe vertreten. Chorleiter Martin Winter arbeitet in den musikalischen Gremien mit, diese treffen aber Entscheidungen gemeinschaftlich.

Der Chor entwickelt sich trotz seiner Größe eher hin zu mehr Demokratie, sagt Cornelius Johner aus dem Leitungsteam von Choriosity. Der Chorleiter hat zurzeit immer weniger Kapazitäten, die Aufgaben verteilen sich also zwangsläufig auf mehr Schultern. „Es entspricht aber auch einfach unserer Philosophie“, so Johner. „Unser Trägerverein, der Christliche Verein Junger Menschen, ist eine Sinnbewegung. Es geht uns um Mitbestimmung: Jede Stimme zählt.“

Ohne Chorleitung oder Anwesenheitspflicht

Der SHE Choir Frankfurt (Bild unten) denkt die Aufhebung der klassischen Chorhierarchie noch weiter: Es gibt weder eine Chorleitung noch Anwesenheitspflicht oder feste Stimmzugehörigkeit. Alle Menschen, die sich als weiblich oder non-binary identifizieren, sind eingeladen: „If you can sing in the shower, you can sing in a choir!“ Jede Person darf ausprobieren, Songs anzuleiten, zu arrangieren oder beizubringen. Die Organisation für die Proben wechselt jeden Monat, alle, die sich einbringen wollen, lernen die Abläufe des Chores. Die anstehenden Themen werden auf einer Messenger-Plattform gesammelt und einmal im Monat besprochen.

Über die Zeit haben sich für manche Unterthemen kleine Leitfäden entwickelt, an denen die Mitglieder sich in Entscheidungsprozessen oder bei der Organisation orientieren können. Alex, Anni und Pia aus dem Chor berichten, was der Gemeinschaft wichtig ist: „Wir legen Wert auf eine positive Atmosphäre und gegenseitige Rücksicht und Wertschätzung. Wir arbeiten im Prozess stetig daran, achtsam miteinander umzugehen und dass sich wirklich alle wohl fühlen.“

Manchmal übernehmen außerdem Einzelne sehr viel Verantwortung, weil sie besonders gut im Arrangieren, Dirigieren oder Organisieren sind oder schon viel Erfahrung haben. „Wir versuchen, das zu reflektieren und dafür zu sorgen, dass Wissen auf verschiedene Schultern verteilt wird. Unser Repertoire spiegelt den Prozess wider, wir singen oft von Empowerment. In der Demokratie ist die eigene Stimme viel wert. Im Chor auch. Wir sind ein Raum, der Menschen hilft, sich sicher zu fühlen, sich auszuprobieren und die eigene Stimme zu finden – nicht nur, aber auch im musikalischen Sinne.“

Einen etwas anderen Fokus hat der Demokratiechor der AWO Bayern (Bild ganz oben). Julia Gerecke hat ihn 2020 im Rahmen des Projekts „AWO l(i)ebt Demokratie“ in München gegründet. Der Grundgedanke dabei: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern erfordert Tag für Tag unser aller Engagement. Mit dem Chor wollte sie einen einfachen Zugang zum Thema schaffen und eine neue Form von Teilhabe ermöglichen: sich singend für demokratische Werte und eine lebendige Demokratie einzusetzen.

Hier treffen sich Menschen, die das Ziel haben, gemeinsam lauter und für etwas zu sein. Das spiegelt sich im Repertoire wider: Lieder wie „Pride (in the Name of Love)“ von U2 oder Tracy Chapmans „Talkinʼ About a Revolution“ sind im Programm. Zum Konzept gehört auch, dass die Sänger:innen in einer Probenpause über den Inhalt der Songs diskutieren: Welche Bedeutung hat der Song heute, was hat er mit mir zu tun und inspiriert er mich vielleicht, auch nach der Chorprobe im Alltag aktiv zu werden? Diesen Austausch mit Verbündeten erlebt Gerecke als besonders wertvoll – er motiviert manche Sänger:innen, auch an anderer Stelle ihre Stimme zu erheben.

Dieser Artikel erschien zuerst in Chorzeit – Das Vokalmagazin. Dort ist er in längerer Form in Heft 10/24 zu finden.

Fotos: Demokratiechor der AWO Bayern – AWO Landesverband Bayern, Nebula Chor – Helena Logsch, Choriosity – Lukas Gürtler, SHE Choir Frankfurt – Melodiva.




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