Der Geiger und Dramaturg Joosten Ellée ist seit 2021 Künstlerischer Leiter beim Podium Esslingen und bleibt entgegen früheren Ankündigungen weitere drei Jahre auf seinem Posten. Über die Gründe und Perspektiven für das 2009 gegründete Kammermusikfestival sprach er mit Jürgen Hartmann.
Jürgen Hartmann: Warum haben Sie sich überraschend fürs Bleiben entschieden?
Joosten Ellée: Das hat verschiedene Gründe. Eigentlich gehört der Wechsel zur DNA unserer Institution und PODIUM lebt auch davon, einer jungen, studentisch geprägten Generation nahe zu sein. Gerade in der klassischen Musik hat man in seinen Dreißigern schon wieder einen anderen Blick als ein Mensch in den Zwanzigern. Und natürlich hatte ich als Musiker und Künstler einen Ideenstau und Lust, etwas Neues auszuprobieren. Aber wir haben in mehreren Strategiesitzungen mit dem Vorstand von PODIUM erkannt, dass es jetzt kein guter Zeitpunkt für einen Wechsel wäre, für PODIUM nicht und auch nicht für mich. Gerade in einer Situation, in der bundesweit die Kulturpolitik ins Fadenkreuz gerät, war es uns ein gemeinsames Anliegen, weiter an der Stabilität der Institution zu arbeiten, sodass der Wechsel dann in drei Jahren gut über die Bühne geht.
Jürgen Hartmann: Für die Stabilität ist es sicher auch wichtig, ein Festival wie das Podium gut zu verankern…
Joosten Ellée: Wir sind in erster Linie in Esslingen selbst beheimatet und unsere Hauptaktivität wird immer vor Ort sein. Wir besetzen hier einerseits eine bestimmte Nische der progressiven Musik, kümmern uns aber gleichzeitig mit aufrichtigem Interesse um Projekte, die nah an oder sogar gemeinsam mit der Stadtgesellschaft entstehen. Die beteiligten Musiker:innen kamen aber schon immer von überall her, das sorgt auch für die künstlerisch wichtige Diversität, und einzelne Projekte machen wir auch anderswo. Von Komponist:innen werden wir heute sogar international ernst- und wahrgenommen. Scheinbar alles ein Spagat, aber wer schonmal beim Festival war, weiß, dass das dann in der Summe auf wunderbare Art und Weise ganz viel Sinn ergibt.
Jürgen Hartmann: Die Region Stuttgart und Baden-Württemberg im Ganzen haben ein üppiges Musikleben. Ist das ein Problem für ein Festival, das in einer kleineren Stadt stattfindet?
Joosten Ellée: Nein, denn unsere Nische ist sonst nicht besetzt. Wir sind sogar eine Art Gegenpol zum Beispiel zu Donaueschingen. Wir sind kein reines Uraufführungsfestival, aber ein Premierenfestival, wir machen eigene Produktionen, multidisziplinäre Abende, Musiktheater, Improvisation. Wir sind andererseits kein Grundversorger mit Abo-Publikum, sondern unser Publikum reicht von, im besten Sinne, Nerds über Student:innen bis zu durchaus konservativen Menschen. Und es kommt, egal was gespielt wird, weil wir schlichtweg versprechen können, dass es immer überraschend und spannend wird.
Jürgen Hartmann: Sie betonen immer wieder die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst. Was heißt das in der Praxis?
Joosten Ellée: Wir müssen dafür kämpfen, dass Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen uns herausfordern und demokratischen Wert haben. Und die Kunst davor schützen, nur Unterhaltung zu werden. Wir dürfen nicht möglichst angenehm sein wollen, sondern begründet unangenehm, zum Nachdenken auffordern. Einige Institutionen knicken jetzt ein, in der Angst, mit Werken oder Aussagen die Leute vor den Kopf zu stoßen. Aber die Gesellschaft wird dann zu bequem, wir müssen ihr den Spiegel vorhalten. Es ist witzig: Es gibt nicht etwa zu wenige Impulse von Musiker:innen oder Komponist:innen, sondern die Institutionen sind oft nicht mutig genug, um ihnen Freiraum zu garantieren. Was wir machen, muss im besten, lustvollsten Sinne anfechtbar sein. Es kann Spaß machen, sich herausfordern zu lassen, bereichernd. Die Gesellschaft muss diskussionsbereit sein, sie darf sich nicht ständig voneinander abwenden.
Foto: Johannes Berger
Weitere Infos unter www.podium-esslingen.de


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