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Heinzes Kolumne: Bleiben Sie wütend!

Lesezeit: 2 Minuten

„Der Friederich, der Friederich/ Das war ein arger Wüterich.“ Die Wut hat in unseren Gefilden keinen guten Leumund. Vielleicht brauchen wir sie aber in heutigen Zeiten ganz dringend, behauptet jedenfalls Petra Heinze.

Zahlreiche Ratgeber versuchen, uns zu helfen, mit unserer Wut umzugehen. Keine Frage, Wut kann zerstörerisch sein. Das weiß jeder, der schonmal am Wochenende bei Ikea war, weil er zuvor im heimischen Wohnzimmer das Geschirr mit der Wand bekannt gemacht hatte. Aber sie hilft uns auch, Gefahren abzuwenden, indem wir uns wehren. Erinnern Sie sich noch an den Begriff „Wutbürger“? Er wurde 2010 zum deutschen Wort des Jahres gewählt und in den Duden aufgenommen, der ihn so definierte: „aus Enttäuschung über bestimmte politische Entscheidungen sehr heftig öffentlich protestierender und demonstrierender Bürger“.

Sie ahnen es, es ging besagten Bürger:innen ursprünglich um das Projekt Stuttgart 21. Dessen Gegner:innen waren auch im Kulturbereich zahlreich und es wurde heftig darüber gestritten, teils ohne Maß und Mäßigung. Zahlreiche Parties endeten im Desaster, Arbeitsgemeinschaften, Freundschaften und sogar Ehen zerbrachen daran. Ich hatte es mir damals zur Gewohnheit gemacht, sofort den Raum zu verlassen, wenn das Thema aufkam.

Auch wenn der geplante Tiefbahnhof letztendlich nicht abgewendet wurde, so ist doch Positives aus der Wut der Gegner:innen des Projekts entstanden: Beispielsweise wurde die von mir hochgeschätzte Online-Zeitung Kontext 2011 von einer Journalist:innengruppe aus Unzufriedenheit mit der als einseitig empfundenen Berichterstattung zu Stuttgart 21 gegründet und ist inzwischen aus der Presselandschaft nicht mehr wegzudenken.

Die geschätzten Gesamtkosten von Stuttgart 21 sind von ursprünglich 2,5 Milliarden Euro über 4,5 Milliarden Euro auf mittlerweile 14,5 Milliarden Euro gestiegen. Zudem wurde vor geraumer Zeit bekannt, dass aus Stuttgart 21 über Stuttgart 26 nun Stuttgart 31 geworden ist. Einer der Hauptgründe für diese Verzögerung sind rund 1.200 Kilometer falsch verlegte Kabel, die ausgetauscht werden müssen. Über diesen Schildbürgerstreich regt sich aber zumindest in meinem Umkreis keiner mehr auf. Warum nicht?

Ähnlich wutentbrannt wie seinerzeit Stuttgart 21 wurde während der Coronakrise das Für und Wider von Impfungen diskutiert. Erneut brachen Beziehungen, Familien und auch viele Chorgemeinschaften auseinander. Aber die Maskendeals von Jens Spahn, der 5,7 Milliarden Corona-Masken für 5,9 Milliarden Euro gekauft hat, von denen nur 1,7 Milliarden an die Menschen in Deutschland verteilt wurden, sind in der Bevölkerung nicht wirklich zum Aufreger geworden. Warum nicht?

Hat die Wut nur eine bestimmte Halbwertzeit? Verpufft sie vielleicht gar zu schnell? Oder sind wir durch die internationalen Kriege und Bedrohungen unserer Zeit inzwischen so verzagt, dass uns nationales und lokales Unbill auf längerer Strecke nur noch ein Schulterzucken entlockt? Ich bitte Sie, verehrte Leser:innen: Bleiben Sie wütend!

Foto: Victor S.Brigola


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