Auto-Erotik kann man unterschiedlich verstehen. Im Theater Rampe ist tatsächlich ein Fahrzeug im Spiel, wenn der Choreograf Fabrice Mazliah zeigt, was er unter „Carnoid“ versteht. Unheimlich ist das, findet unsere Autorin Angela Reinhardt.
Wie lieb haben wir unser Auto? Jenseits aller Diskussionen über Raser, Luftqualität oder Autoindustrie untersucht der Schweizer Choreograf Fabrice Mazliah in „Carnoid“ die fühlbare, direkte Konfrontation zwischen Mensch und Maschine. Fleisch auf Metall sozusagen. Und das geht am Ende ziemlich unheimlich aus.
„Carnoid“ hatte im Februar Premiere in Basel und gastierte zur Spielzeiteröffnung an zwei Abenden im Theater Rampe. Der Titel lässt sich als „fleischähnlich“ übersetzen, sprachspringend verbindet er „car“ und „carne“ zu einer Symbiose. Die fängt auf der Bühne sehr langsam, ganz ohne humane Wesen, an und endet in dezentem Horror. Dabei entwickeln drei Menschen eine zunächst distanzierte, dann immer engere Beziehung zu einem silbernen, leicht zerdellten Kleinwagen.
Schnell und kurvenreich
Mazliah kommt aus der Tradition des Frankfurter Balletts und war später auch Mitglied der Forsythe Company in Frankfurt/Dresden. Eine seiner Spezialitäten ist die Konfrontation von Tänzern mit nicht-menschlichen Objekten und die Spannung, die daraus entstehen kann: mit einem Radio, einer Tasse oder einer Angelrute zum Beispiel.
Hier ist das Objekt geradezu riesenhaft und tanzt doch erstaunlich virtuos mit. Aus einem mehrfach abgedeckten Auto krabbeln nach Beseitestoßen der vielen Planen und Decken die Reste der Menschheit. Zwei Männer und eine Frau testen die Maschine aus, lassen sie im Kreis rollen, surfen an den Anschnallgurten heraushängend mit, stehen auf dem Dach und überfahren sich gegenseitig.
Immer schneller und kurvenreicher schicken sie das Relikt durch den Raum. Das reagiert ungewöhnlich leicht auf all das Anschieben und Abbremsen und schießt manchmal bis auf Tuchfühlung an die erste Zuschauerreihe heran. Jan Chris Pollert, Oleg Stepanov und Ophelia Young haben die Performance gemeinsam mit Mazliah entwickelt, uns ganz langsam steigern sie ihr materielles, direktes Ertasten des Objekts in eine düstere Faszination für die Maschine.
Menschen werden zu Zombies
Begleitet wird ihr Tun von den gesampelten, vervielfachten Geräuschen des Autos – das dezente Klicken des Blinkers, das Swisch des Wischblatts, das penetrante Ping-Ping der Abstandsmesser, die Hupe. Wie tickende Metronome begleiten diese Töne die auto-erotische Hassliebe zwischen Menschen und Maschine, ein Halb-zog-sie-ihn, Halb-sank-er-hin.
Irgendwann stimmen die drei mit einem Summen, einem zärtlichen Singen in das Lied der Maschine ein. Das Wiegenlied wird zum Rap und die Mechanik des Objekts fährt in die Menschen. Es macht sie nach maschinenartigem Zucken schließlich zu Zombies, die am Auto kleben, sich ihm hingeben. Am Ende ziehen sie ihm wie in einer Zwangshandlung ihre Pullis, ihre Hosen an. Innen dampft und blitzt es um sie herum wie in einer Mischung aus Parkplatz-Quickie und Höllenfeuer. Ob sich das Weltuntergangsstück in Stuttgart mit einem riesigen Porsche Cayenne statt einem Daewoo noch gespenstischer angelassen hätte?
Foto: Theater Rampe
Weitere Vorstellungen sind nicht geplant. Infos vom Theater Rampe finden Sie hier.


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