Seit drei Jahren leitet Lydia Rilling die Donaueschinger Musiktage. 2026 sei das Festival noch eine Spur bunter, offener und weiblicher geworden, so unsere Autorin Susanne Benda.
Das war noch nie da. Ein Walzer (also ein waschechter!) bei den Donaueschinger Musiktagen! Gespielt am Ende des ältesten und wichtigsten Festivals für zeitgenössische Musik, nach der Uraufführung von 16 neuen Konzertstücken, der Eröffnung von drei neuen Klanginstallationen, nach drei Tagen voller Knallbummpäng! Im Abschlusskonzert hat das SWR Symphonieorchester tatsächlich Johann Strauss‘ Donauwalzer gespielt, und das Publikum hat diesen historischen Moment lautstark bejubelt.
Munterer kehraus
Das Ständchen galt der scheidenden Disponentin Jutta Esger, die mehr als 300 Uraufführungen des Orchesters mit Quietscheentchen, Tröten, Heulschläuchen und Pupskissen bestückt hat, also mit all den Dingen, die heutzutage die orchestrale Klangpalette erweitern. Genossen hat den munteren Festival-Kehraus aber auch François-Xavier Roth am Pult, denn so ist der Abend, der wieder mit Buhrufen junger Menschen gegen den einst sexuell übergriffigen Chefdirigenten begonnen hatte, auch für ihn noch versöhnlich ausgegangen.
Gleiches gilt für die künstlerische Seite. Der Eindruck des von Brad Lubman dirigierten Auftaktkonzerts war noch ziemlich mau gewesen. Der Freitagabend changierte zwischen Reduktion und Muskelspiel. Dass ausgerechnet zwei Werke von Komponistinnen (Hannah Kendall, Natasha Barrett) die erste Möglichkeit bespielten und dass vor allem ein männlicher Kollege (Stefan Prins) die zweite mit einem Overkill der Mittel bediente, wirkt wie ein Klischee. Doch dieses Klischee hat sich an den Folgetagen immer wieder bestätigt – was man allerdings nur deshalb bemerkte, weil Lydia Rilling im dritten Jahr ihrer künstlerischen Leitung das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Komponierenden auf 10:8 ausbaute. Allerdings bedeutet die Neigung von Komponistinnen zu eher zarten, intimen, leiseren Werken keinesfalls ein Weniger an Kraft und Idee.
Ironisches Konzeptstück
Eine große Ausnahme gab es außerdem. Brigitta Muntendorfs „Last Show“, ein ironisches Konzept-Stück über die Machteroberung der Künstlichen Intelligenz, wurde zum meistdiskutierten Werk des Festivals. Nach wiederholten musikalischen Versatzstücken bejubelt die KI ihren Sieg mit einem banalen Retorten-Song, der von banalen Retorten-Videobildern flankiert wird. Kompositorisch ist das eine Nullnummer, die das Ensemble Modern völlig unterfordert. Die zusätzlich als „soziales Live-Experiment“ angekündigte Publikumsbeteiligung mittels Smartphone-Voting wäre angesichts des Finales nur ein frustrierendes Add-On gewesen, und so hat ein weiser Server-Ausfall (oder eine allwissende KI?) sie vereitelt. Buhrufe dafür. Muntendorfs Themen – der Verlust von Aufmerksamkeit und Zuhör-Kultur und der Widerstand dagegen – sind dennoch wichtig.
Bei den Musiktagen ist, seitdem Lydia Rilling sie leitet, sehr Vieles im Fluss. Genregrenzen (zwischen Komposition und Improvisation, Zeitgenössischem und Jazz, Installation und Performance) werden immer poröser. Begleitveranstaltungen für Studierende senken den Altersschnitt. Und seit drei Jahren gibt es so etwas wie ein Motto. In diesem Jahr ging’s um „Polyphonie“, also grob umschrieben um unterschiedliche Stimmen, die neben-, manchmal auch gegeneinander laufen. Politisch gesehen, kann man Polyphonie als Synonym für Ambiguitätstoleranz verstehen. Musikalisch gesehen, feiert der Begriff schlicht das, was in Donaueschingen schon immer gefeiert wurde: das Glück der Vielfalt.
„Fümms!“ in Herz und Sinn
Simon Steen-Andersen umspielt in „UR!“ auf humorvolle Weise Leben und Werk von Kurt Schwitters – wie ununterscheidbar beides bei Schwitters ineinandergriff, reflektiert die virtuose Durchmischung von Live-Spiel (mit dem Performer Michael Schmid) und Film. Lachend verlässt man danach die Turnhalle mit einem beharrlichen „Fümms!“ in Herz und Sinn. Auf der anderen Seite des Spektrums: Feuerflammen, die im nächtlichen Schlossparks Sounds steuern. Oder ein soghaftes Werk für Orgel und Bläser der vor wenigen Monaten verstorbenen Französin Éliane Radigue („Occam XXV zeta“): flirrende Obertonspektren in unterschiedlichen Beleuchtungen. Oder „Thirst“ („Durst“) von Rebecca Saunders, ein sehr körperliches Streicher-Stück, dessen fein vernetzte Gesten und Glissandi das Ensemble Resonanz unter Enno Poppes Leitung auf sehr sinnliche Weise akustisch in Szene setzt. Oder sprechende Klangbilder in der Nachfolge des „Karnevals der Tiere“ (in Noriko Babas „Bestiarium Musicale VI“). Mauro Lanzas Etüde über das rhythmische Potenzial einer schlichten Akkordfolge („we’ve actually been in this place before“) wird am Ende mit dem Orchesterpreis ausgezeichnet. Und Clara Iannottas Klangflächenmusik „into a world that is pure blue“ schreitet einen sehr eigenen, stillen Weg zwischen Film- und Meditationsmusik aus.
Angesichts der (über-)fordernden Gegenwart erlebt man viel künstlerischen Rückzug. Oder besser: Rückbesinnung – auf Klang, Stille, Mechanisches, Analoges. Eine Knäkente aus Gummi setzt sich akustisch in Szene. Und das Ende ist blau, erst bei Iannotta, die den Zenit beschreibt, dann bei der walzenden Donau. Blau ist: Ruhe. Und das in Donaueschingen! Das war noch nie da.
Foto: Michael Schmid in Simon Steen-Andersens „UR!“, © SWR_Ralf Brunner


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