Der Regisseur Tobias Dusche schuf in Kooperation mit der Akademie für gesprochenes Wort das Hörstück „Struktur Stammheim“ über Gewaltenteilung, Demokratie sowie Freiheit und Sicherheit. Unser Autor Holger Schneider hörte zu, im von Peter Weigand entwickelten „HörKiosk“ (Bild).
Stammheim verfolgt mich*. Dünkt mich. Sitze in der U15 nach … Stammheim. Steige vorher aus, dort wo sie alle aussteigen: Konsumtempel Milaneo, neonlichternder Neodym-Magnet im neuen Viertel des weltstädtisch auftrumpfenden Kleinprotzertums. Während der nächstgelegene Stockholmer Platz zur perfekt tristen Betonwüste geriet, zeichnet sich ums Eck der Pariser Platz (mein Ziel heute und nie wieder) immerhin durch eine gewisse Ambivalenz aus. Ein etepetete gehegter Kirschbaumhain vor der stark frequentierten Sparkassenakademie, ein grauenhaftes Etwas, das bestenfalls in der irrigen Annahme wurzelte, eine Art Brunnen zu kreieren. Mitten auf der Fläche aus Beton ein knallgelber Container. Da geh ich jetzt rein und komme für eine gute Stunde nicht mehr raus. Gut so.
„Wie funktioniert ein Ort?“
So lautet die Unterfrage des Hörstücks „Struktur Stammheim“. Die Antwort wird mir hier nicht auf dem Tablett serviert. Wohl aber die grandiose Aktualität des Da-Seins im Jetzt und Hier, im Augenblick der Wahrnehmung, des Handelnkönnens oder des Außerstandeseins, Sinn und Handeln miteinander verbinden zu können. Mehrfacher Sog: Das Hörstück eine Herausforderung an die eigene Wahrnehmungsfähigkeit bezogen auf Zeit und Raum. Zeit ist immer zu wenig. Raum genug, um sich im Container nicht eingesperrt zu fühlen. Freundliche Menschen um mich. Fenster sorgen für ungehinderten Blick nordwärts nach draußen. Vice versa: Die da draußen gucken uns an: Fragend, irritiert, belustigt, gelangweilt, viele argwöhnisch…
Drinnen – draußen
Doch wo ist drinnen, wo draußen? Wir im „HörKiosk“ (Spoiler: kein Warenangebot!) gehen auf große Reise. Die anderen gehen hierhin, dahin, suchen das Weite, kommen möglicherweise gar nicht weiter. Manche nehmen weder Raum noch uns wahr, Daddelkekse in der Hand, wieder andere leben in anderen Welten: ein Liebespärchen. Vierbeiner, denen die Düfte des besprengten Betons für Momente innerer Farbwelten vorgaukeln, sie seien Lebewesen in Freiheit.
Gleich zu Beginn taucht hinterm Zauberbrunnen ein kleiner gelockter Fußballheld auf, unverdrossen mit dem Ball allein unterwegs. Bis ein ebenbürtiger Kickerkumpel den Betonrasen betritt: Mannschaften komplett. Aus den Lautsprechern im Drinnen der andere Sog. Zeit und Raum – das ist unser Sein. Habe ich diesen Satz gerade so ähnlich gehört? Drinnen und draußen verschmelzen zu einem Ort.
Das Hör(kunst)stück
Texte & Regie: Tobias Dusche. Im Zentrum: Architektur, Geschichte, Bedeutung des Hochsicherheits-Prozessgebäudes in Stuttgart-Stammheim. Sog der Worte, Töne und Geräusche, meisterhaft gemischt und miteinander verwoben, eine Herausforderung an den eigenen (sacht eingerosteten) Hör- und Denkapparat. Keinesfalls Hörspiel für nebenher. Sprünge in Zeit und Raum: Prometheus an den Kaukasusfelsen gekettet, Patrick Geddes: „Cities in Evolution“ (1915), der Dornhaldenfriedhof mit seinen Schießplatz-Erdwällen und den Gräbern der RAF-Mitglieder.
Immer wieder Staats-Gewalt, brutale Ausübung von Macht, Stuttgarts schwarzer Donnerstag, Missbrauch staatlicher Gewalt während laufender RAF-Prozesse im „Mehrzweckgebäude“ (das bald abgerissen wird) – „Katastrophe der deutschen Justiz“. Konsequenzen für den Neubau mit „modernster Sicherheits- und Medientechnik“ („raumgewordenes Trauma“). Zitate über Zitate, gesprochen, geflüstert, geschrien von Sprechkünstler:innen der Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart.
Ist die Würde des Menschen unantastbar?
Dusche nimmt das Gebäude regelrecht auseinander. Eichenholz, Naturstein und Hochsicherheits-Verbundglas (unfähig zur Resonanz) werden für Geräusche und Verfremdungen (Philipp Roscher) eingesetzt, Collagen aus Perkussion (Daniel Weigand) und Klavier (Jazzpianist Frank Eberle) wechseln mit Bruchstücken aus der »Winterreise«. Tenor Matthias Klink klingt lebensmatt, gepresst, als sei er für immer gezeichnet von seinen irren Ausbrüchen in Zenders „Winterreise“, die Tobias Dusche vor einigen Jahren an der Staatsoper in Live-Video und Bildern mitgestaltete. Art. 1 Abs. 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ist sie das? Dusche verneint. Sie ist sogar zerstörbar. Sein Hörstück endet mit einem Korrekturvorschlag: „Die Würde des Menschen bleibe unangetastet.“
Das nächste Mal steige ich nicht vorzeitig aus der U15. Stammheim verfolgt mich, dünkt mich, auch in Zukunft.
* Ich war bereits dort, nicht wissend, wie mir geschah: Hörspielnacht, 2024
Fotografik: Peter Weigand
Das Hörstück „Struktur Stammheim“ ist noch bis zum 15. November jeweils Do/Fr 17 und 19 Uhr sowie Sa/Sa 12 und 14 Uhr im Hörkiosk auf dem Pariser Platz zu erleben.


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