Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Durchblick (2): Die Sehnsucht nach den Jungen

Lesezeit: 2 Minuten

Zielgruppenorientierung ist ein Zauberwort. Aber womöglich kennt der Begriff „Publikum“ nicht ohne Grund keine Mehrzahl? Das Publikum vermehren wollen jedenfalls alle. Noch jeder neue Intendant im Klassikgeschäft hat wahlweise von „Öffnung zur Stadt“ oder „Attraktivität für junges Publikum“ gesprochen. Man darf sich fragen, ob ein Theater oder eine Konzerthalle alle naselang, pardon, alle paar Jahre immer noch weiter „zur Stadt geöffnet“ werden kann. Die Zielgruppe „Stadt“, ist eben gerade so konkret, dass man ahnt, was gemeint ist und es erst mal prima findet, aber noch hinreichend abstrakt, so dass sich der Effekt dann doch nicht messen lässt.

Mit dem Thema „junges Publikum“ ist es auch so eine Sache. Die Zuwendung von Theatern und Orchestern zu Kindern und Jugendlichen ist verdienstvoll. Zu prüfen wäre, wann sie ausgereizt ist. Und ob sie im Rückblick vielleicht zu sehr Schulen und Eltern entlastet hat von der zumindest ideellen Verpflichtung und notwendigen Anstrengung, junge Menschen auch mit der Hochkultur in Berührung zu bringen.

Beschwert man sich nicht schon seit Jahrzehnten über das „zu alte“ Publikum? Kann das denn überhaupt sein oder hat der Nachwuchs, den sich jeder Veranstalter wünscht, eben schon graue Schläfen? Ist es schlimm, wenn zwischen 20 und 40 eine Lücke klafft in der Zuschauerstatistik? Wer mit 40 zurückkommt zu den Musikmachern, die ihn in der Jugend umfassend betreut haben, sollte aufs Neue willkommen sein. Und erneute Zuwendung spüren.

Schon 2014 widmete die Zeitschrift „Das Orchester“ eine ganze Ausgabe der von den Veranstaltern „vernachlässigten Generation“, den so genannten „Mittelalten“. Wie in der Politik die allzu beflissene Identitätspolitik vor allem zum Schulterschluss Ewiggestriger geführt hat, könnte die unreflektierte Sehnsucht nach dem jungen Publikum dem Musikleben das Wasser abgraben. Und vergessen wir bei all dem auch nicht, dass nur ein in Alter und Herkunft vielfältiges und großes Konzertpublikum eine Emotion wecken kann, die über all der Zielgruppenorientierung in Vergessenheit zu geraten droht: Gemeinsamkeit.

Jürgen Hartmann


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Kulturbeutel (3): Helge statt Mücken
    Statt sich im Urlaub draußen von bösem Getier aussaugen zu lassen, geht Holger Schneider nach drinnen und sieht seinem Musiker-Komiker-Idol Helge Schneider im Fernsehen beim Blödeln zu.
  • Kulturbeutel (2): U-Bahn-Stil
    Petra Heinze interessiert sich für Kleidung. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun. In unserer Sommerserie berichtet sie, wie Menschen in Berlin sich stylen und was Mode damit zu tun haben könnte.
  • Kulturbeutel (1): Kaiser Wilhelm und die Stolze von Berlin
    Keine Reise ohne Kulturbeutel. Zur Reisezeit weichen die Kesseltöne ein wenig von den Pfaden der Hochkultur ab. Als Erster öffnet Jürgen Hartmann seinen Kulturbeutel und begibt sich auf die Suche nach dem Großen im Kleinen. Dafür ist sein Garten ein guter Ort, findet er.
  • Unendliche Weiten beim Festival Uhlandshöhe
    Nah bei den Sternen erlebt Holger Schneider den Eröffnungstag des Festivals Uhlandshöhe. Unter freiem Himmel genießt er mediterrane Atmosphäre und Raritäten des italienischen sowie französischen Repertoires. Ob da auch ein Schubert passt?
  • Wie war’s bei il Gusto Barocco in der Johanneskirche?
    Ein Programm mit Instrumentalwerken von Gabrieli bis Scheidt präsentierte das Ensemble il Gusto Barocco in seiner „Stuttgarter Reihe“. Ute Harbusch war dabei und erzählte Petra Heinze davon.