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Es gab sie schon vor Covid: Die geschlossene Zeit

Lesezeit: 2 Minuten

Jürgen Hartmann, Foto: Victor S. Brigola

Advent ohne Musik? Man kann das sogar historisch begründen. Besser wird’s deshalb nicht, findet Jürgen Hartmann und betätigt den CD-Player.

Tempus clausum. Nur wer sich näher mit kirchlicher und kirchenmusikalischer Historie befasst hat, wird diesen Begriff kennen. „Geschlossene Zeit“, das waren bestimmte Wochen von Passions- und Adventszeit, in denen das Volk beten, büßen und sich von dieser Pflicht gefälligst nicht ablenken sollte. Noch 1930 ließ, zitiert nach dem Wikpedia, das Bistum Augsburg verlauten: „Verboten sind in der geschlossenen Zeit öffentliche Lustbarkeiten und Tanzvergnügungen. Auch von privaten Veranstaltungen dieser Art sich zu enthalten, ist Wunsch und Mahnung der Kirche.“ Dass auch die Adventswochen eine Zeit der Buße sein sollten: Vergessen hat man’s und wird ausgerechnet in unserer säkularen Epoche unversehens daran erinnert.

Wer es auch im Schatten der C-Worte ganz gut hat, darf sich eigentlich nicht beklagen darüber, dass alte kirchliche Weisheiten überraschende Aktualität erlangen können. Dass aber die katholische Kirche, und auch noch Johann Sebastian Bachs protestantische, zu besagten geschlossenen Zeiten auch die Kirchenmusik ausknipsten, war und bleibt ein harter Brocken. In Leipzig wurden während der Adventszeit musikfreie Gottesdienste gefeiert, und erst zu Weihnachten erschollen sie, die Pauken und Trompeten: Jauchzet, frohlocket, Sie wissen schon.

Ohne Lustbarkeiten wie Glühweintrinken kommt man irgendwie zurecht und auch ohne private Veranstaltungen „dieser Art“ mag es gehen. Aber eine Advents- und Weihnachtszeit ohne öffentliche Musik? Damit meine ich ganz und gar nicht die Beschallung der Marktplätze mittels Lautsprecher. Wenn dies der Absage sämtlicher Weihnachtsmärkte gleich mit zum Opfer fällt, wäre das sogar ein angenehmer Nebeneffekt. Nein, zu Weihnachten gehört Live-Musik in Kirchen, Konzertsälen und meinetwegen auf Marktplätzen wie das Amen zum Gebet. Vielleicht ist es der Widerschein verlorener Religiosität, dass man in diesen Wochen, altmodisch formuliert, sich inniger den Klängen von Chören und Orchestern zuwendet. Und wäre es nur das angenehme Gefühl, dass festliche Musik die dunkle Winterzeit aufhellt.

Ein besonders inniges Mit- und Ineinander von Kunst und Kirche waren für mich jahrelang die Konzerte des schwedischen Jazzposaunisten und Sängers Nils Landgren unter dem Titel „Christmas with my Friends“. Denn darum geht es ja auch – wenn Freundschaft mit Musik veredelt wird oder umgekehrt, ruft dies die altmodische Innigkeit hervor, laut Duden „tiefe Empfindung, Herzlichkeit“. Wer in dieser Adventszeit keine Konzerte erleben darf und sich wegen des C-Worts vor weihnachtlicher Hausmusik scheut, dem seien Nils Landgrens inzwischen sieben, aus den Konzerten entstandene CDs freundschaftlich ans Herz gelegt. Vielleicht zeigt sich die uns bevorstehende, geschlossene Zeit mit ihnen ein wenig offener.

Die CD-Reihe „Christmas with my Friends” wird vom Label ACTmusic produziert. Soeben ist Folge VII erschienen.


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