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Lydia Schimmer (Foto: Dominique Brewing)

„Mozart Dances“: Spannend bis zum letzten Moment

Lesezeit: 2 Minuten

Stuttgarts Domkapellmeisterin Lydia Schimmer experimentiert gern. Mozarts Requiem lässt sie vom Konzertchor der Mädchenkantorei tänzerisch auslegen. Spannend bis zum letzten Moment sei es, Musik und Tanz unter einen Hut zu bringen, sagt die Dirigentin im Gespräch.

Jürgen Hartmann: „Mozart Dances“ kann man unterschiedlich verstehen: Tanzt bei Ihnen Mozart?

Lydia Schimmer: In gewisser Weise schon! Mozart, genauer gesagt sein Requiem, wird tänzerisch ausgelegt.

Jürgen Hartmann: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Lydia Schimmer: Ich habe in einem Video gesehen, wie Break Dance zu Mozart-Musik getanzt wurde. Zunächst wollte ich es genau so machen, aber dann kam mir in den Sinn, dass der Mädchenchor der Domkantorei für ein ähnliches Projekt genau das richtige Ensemble ist. In diesem besonderen Alter, zwischen 12 und 17, ist die Frage, was man dem eigenen Körper zutraut, ja wichtig.

Jürgen Hartmann: In einem früheren Gespräch mit den Kesseltönen sagten Sie, dass Sie das Publikum aus der Komfortzone holen wollen. Gilt das auch hier?

Lydia Schimmer: Jedenfalls wollen wir nicht nur einfach etwas Zusätzliches fürs Auge bieten. Die Musik bekommt durch den Tanz einen anderen Ausdruck. Ich war selbst bei den Proben extrem berührt, viel mehr, als ich erwartet hätte. Man kann sich nicht mehr einfach nur in sich selbst und die Musik versenken.

Jürgen Hartmann: Bezieht sich der Tanz konkret auf den Requiem-Text oder ist er eher abstrakt?

Lydia Schimmer: Er bezieht sich sehr konkret auf den Text. Unsere Choreografin Friederike Rademann kommt vom modernen Ausdruckstanz her. Der Text wird sichtbar gemacht, im „Lacrimosa“ das Weinen, im „Rex tremendae“ das Königliche.

Jürgen Hartmann: Eine Frage für die Chorpraxis: Gab es nicht ganz neue Herausforderungen in der Probenarbeit?

Lydia Schimmer: Wir haben parallel Tanz- und Musikproben gemacht, ich hatte oft nur den halben Chor auf der Probe, da die andere Hälfte eben tanzte. Es bringt schon ein wenig Unruhe in die Probenarbeit. Wenn man ganz klassisch perfekt sein will, ist das ein Risiko. Wir haben rund einen Monat die Choreografie geprobt, aber auch auf Chorfreizeiten vorher schon Tanz-Workshops gemacht. Aber es bleibt spannend bis zum letzten Moment, Musik und Tanz unter einen Hut zu bringen.

Jürgen Hartmann: Hat der Tanz denn Auswirkungen auf die musikalische Qualität?

Lydia Schimmer: Ja, die Bewegung verändert auch den Klang. Er kann dadurch weicher werden, voller, da die Bewegung den Körper lockert, von Anspannungen löst. Für Kinder- und Jugendchöre ist es eigentlich auch nichts Neues, Bewegungselemente einzubeziehen. Sie führen oft dazu, dass die Singenden durch die Interaktion auch mehr einander zuhören, sich gegenseitig bewusster wahrnehmen, was sehr wichtig ist.

Jürgen Hartmann: Sind solche Projekte die Zukunft des Kirchenkonzerts oder gar des Konzerts im Allgemeinen?

Lydia Schimmer: Ich wurde vom Besuch der Musikmesse chor.com dazu angeregt, die ganze aktuelle Saison unter das Motto „Bewegung“ zu stellen. Ich habe dort viele Inspirationen erhalten, unsere Räume einzubeziehen. Das beugt auch der eigenen Sättigung vor, der Routine. Wenn wir etwas Ganzheitliches ausprobieren, hinterlässt das auch bei den Besucher:innen den größten Eindruck. Sie werden auf andere Weise mitgenommen, auf Neues aufmerksam. Also, ich habe große Lust, weitere Ideen auszuprobieren.

Foto: Dominique Brewing


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