Wie war’s bei der „Langen Nacht des Brütens“ im WKV?

Lars Jakob spielt Rebecca Saunders‘ „Fury“ in der Installation „Repeating the Obvious“ Foto: Staatsoper Stuttgart

Im Rahmen des Frühjahrsfestivals der Staatsoper Stuttgart luden Mitglieder des Staatsorchesters zu einer „Langen Nacht des Brütens“ in verschiedene Kunstinstitutionen der Stadt ein. Ute Harbusch war beim dritten und letzten Konzert im Württembergischen Kunstverein dabei und erzählte Petra Heinze davon.

Petra Heinze: Liebe Ute, was war diesmal anders als im üblichen Konzertsaal?

Ute Harbusch: Weniger das musikalische Programm – mit einer Ausnahme – als die Orte, an denen gespielt wurde. Das Setting war zweigeteilt. Eröffnung und Abschluss fanden im Foyer des Württembergischen Kunstvereins statt. Da saßen wir wie in einem Club an runden Tischen, es gab auch Getränke von der Bar. Dazwischen wurden drei Stücke in der Ausstellung selbst gespielt. Die Musiker:innen waren vor den Fotos und in den Installationen von „The Evidence Of Things Not Seen“ der Künstlerin Carrie Mae Weems postiert, das Publikum bildete lockere Halbkreise oder lief durch die Ausstellung.

Petra Heinze: Heißt das, die Musik war mehr ein Hintergrundgeschehen? Und was wurde gespielt?

Ute Harbusch: Nein, die musikalische Vorstellung stand klar im Zentrum. Hans Christ, der sich namentlich und als Leiter des Württembergischen Kunstvereins vorstellte, zeigte sich in seiner Begrüßung launig überrascht, dass wir uns gleich alle mit Blick auf die Foyerbühne arrangiert hatten. Offenbar hatte man gedacht, die Besucher:innen würden erst einmal neugierig die Ausstellung anschauen. Das taten anfangs nur wenige; man durfte allerdings auch die Getränke nicht mit hineinnehmen. Claudia Jahn, die Konzertdramaturgin des Staatsorchesters, die sich nicht namentlich vorstellte und auch nicht vom Gastgeber vorgestellt wurde, führte uns kurz ins musikalische Programm ein. Das begann und endete mit Quartetten: einem Percussionquartett von Lisa Streich zu Beginn und drei Streichquartetten von Astor Piazzolla zum Schluss. Mitten in der Kunst hörten und sahen wir ein Duo für Violine und Gitarre von Mati Kuulberg mit Kathrin Scheytt und Stefan Koch-Roos, ein furioses Kontrabass-Solo von Rebecca Saunders und – das war die erwähnte Ausnahme – eine Performance für Sopran und Elektronik mit Josefine Feiler und Jonas Bolle. Diese fand nicht nur in der Ausstellung statt, sondern war in Auseinandersetzung mit ihr entwickelt worden.

Petra Heinze: Also zeitgenössische Musik zu zeitgenössischer Kunst. Hat Dir das gefallen und gab es einen Mehrwert durch die beiden miteinander verwobenen Kunstformen?

Ute Harbusch: Mir hat das sehr gut gefallen. Schon als der Gitarrist sich vor dem eigentlichen Beginn in der Ausstellung einspielte, während ich die ersten Fotos anschaute, genoss ich die musikalische Begleitung. Streng genommen kam sich dann beides ins Gehege, denn die Tonspuren, die Teil von Weems Installationen waren, mussten für das Konzert abgestellt werden. Aber es gab erhellende Überschneidungen, bei denen die beiden Künste sich in ihren jeweiligen Ausdrucksmöglichkeiten verstärkt haben. Ein Beispiel: Saunders‘ „Fury“, laut und wütend und grandios vom Kontrabassisten Lars Jakob gespielt, und zwar in der Installation „Repeating the Obvious“. Hinter ihm an den Wänden sahen wir das immergleiche, verschwommene Porträt eines jungen Schwarzen im Hoodie – dessen Wut erklang in der Musik.

Petra Heinze: Ist das vielleicht eine neue Zielgruppe, die die Konzertdramaturgin mit diesem Konzept für die klassische Musik gewonnen hat?

Ute Harbusch: Gut, dass Du das fragst, liebe Petra. Das Publikum bestand nach bloßem Augenschein aus junger Musikszene und Museumsgänger:innen. Die afroamerikanische Künstlerin Carrie Mae Weems untersucht die Machtstrukturen, die sich gegen marginalisierte Gruppen richten. Die, um die es also ging, machten während unserer eindrücklichen und klug konzipierten Veranstaltung Party draußen vor dem Kunstverein, bei Olaf Metzels Stammheim-Skulptur. Da feierten und tanzten junge Frauen und Männer mit erkennbarem Migrationshintergrund, auch einige Schwarze mit Hoodie waren dabei.

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/fruehjahrsfestival_2122

Drucken

Bisher keine Kommentare.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.