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Wie war’s bei „Musik aufs Auge“ in der WLB?

Lesezeit: 3 Minuten

Musik ist zum Hören da, aber nicht nur. Eine Ausstellung in der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) bietet vielfältige Sinneseindrücke und Denkanstöße. Ute Harbusch hat sich umgeschaut und berichtet Petra Heinze davon.

Petra Heinze: Liebe Ute, „Musik aufs Auge“ klingt gut, aber was stellen sich die Ausstellungsmacher:innen darunter vor?

Ute Harbusch: Kann Musik nur hörend wahrgenommen werden? Das fragt die Ausstellung. Sie fächert ein breites Spektrum von Musik und Sehen auf vielfältige, anregende, zum Teil verblüffende Art und Weise auf. Und das bei freiem Eintritt, zu den unschlagbaren Öffnungszeiten der Bibliothek (Montag bis Freitag von acht bis 22 Uhr, Samstag von zehn bis 20 Uhr). Die begleitende Broschüre darf man kostenlos mitnehmen. „Wissen teilen“, das Motto der Landesbibliothek, wird hier aufs Trefflichste erfüllt. 

Petra Heinze: Was für Augenmusik erklingt dort? Und in welcher Form?

Ute Harbusch: Augenmusik im strengen Sinn, so erfahren wir dort, meint musikalische Zeichen, die man nicht hört, sondern nur sieht. Zum Beispiel bei Bach die Kreuzstellung von vier Noten, oder Josquin Desprez‘ Trauermusik für Johannes Ockeghem, die durchweg in schwarzen Noten geschrieben ist. Diese beiden und weitere Beispiele sind ausgestellt, teils als Faksimiles, teils in eindrucksvollen Originalen aus der bedeutenden Musiksammlung der Landesbibliothek. Eine Abart sind musikalische Geheimschriften. Sie nutzen Notationssysteme zur Chiffrierung, sind aber nicht dazu gedacht, zu erklingen. Aber es erklingt durchaus auch Musik in der Ausstellung, und zwar reichlich. Über QR-Codes kann man auf seinem Handy Einspielungen dutzender Exponate hören. Zwei unterschiedliche Musikfilme laufen in Dauerschleife: ein Konzertvideo zu dem Song „Blah Blah Blah“ des niederländischen DJs Armin van Buuren und der Film „Gold“ des Stuttgarter Regisseurs Alexander Tuschinski mit dem Finale von Beethovens Siebter als Soundtrack. Deren Tonspur kommt den Handy-Hörbeispielen freilich akustisch ins Gehege. Wer richtig Freude haben will, sollte am besten Kopfhörer mitbringen. 

Petra Heinze: Auch Gehörlose nehmen Musik wahr. Wie geht das und konnte die Ausstellung es vermitteln?

Ute Harbusch: Ich als Hörende kann nicht so tun, als hörte ich nicht. Aber beeindruckt hat mich eine filmische Dokumentation über den gehörlosen Musiker Paul Whittaker, der Gehörlosen-Chöre dirigiert, Klavier spielt, mehrere Musikdiplome besitzt und sich diskriminiert fühlt, weil er von zwölf Musikhochschulen abgelehnt wurde. „Die Ohren sind nützlich, aber sie sind nicht das Wichtigste“, sagt er. Ein Verfahren, wie Bilder für Blinde in Töne übersetzt werden, war technisch auszuprobieren. Und der Bereich der Synästhesie bekam Raum, vom Farbklavier des Père Castel von 1725 über einen Selbsttest bis hin zu einem Ausschnitt aus dem oscarprämiierten Animationsfilm „Ratatouille“ über die Geschmacksekstasen einer gezeichneten Ratte.

Petra Heinze: Ich erinnere mich dunkel an ästhetische Würmchen, die John Cage als Notation verwendete, und frage mich, wie ein Ensemble, in dem ja vermutlich jeder aus einer grafischen Notation etwas anderes herausliest, damit umgeht. Hat die Ausstellung solches erhellt?

Ute Harbusch: Dieses konkrete aufführungspraktische Problem wurde nicht gelöst. Aber ein schlaglichtartiger Überblick über die Entwicklung der Notenschrift, von Neumen über die Mensuralnotation bis heute, hat den Zusammenhang klar gemacht: Musik kann sich dank der Notenschrift entwickeln, aber die Notenschrift muss sich umgekehrt auch mit der Musik entwickeln. Abgesehen davon waren auch hier wieder tolle Exponate zu sehen, zum Beispiel die Weingartner Liederhandschrift, ein Codex der Stuttgarter Hofkapelle von 1563-64 oder eine Dirigierpartitur von Max von Schillings in Stuttgart uraufgeführter Oper „Mona Lisa“ von 1915 aus dem Bestand des Württembergischen Hoftheaters. 

 Petra Heinze: Für wen ist das gedacht? Muss man musikschaffend sein, um daran Gefallen zu finden?

Ute Harbusch: Nein, gar nicht. Ob vom Fach oder nicht, es gibt für jeden etwas zu entdecken. Die Ausstellung ist nicht belehrend, wodurch sie sich übrigens wohltuend von einigen vorigen im Haus unterscheidet. Sie macht Lust, Dinge auszuprobieren und sich auf sinnliche und gedankliche Kreuz- und Querverbindungen einzulassen. Gratulation an das interdisziplinäre Kurator:innenteam um die Leiterin der Musikabteilung Ute Becker.

https://www.wlb-stuttgart.de/die-wlb/kultur-und-wissenschaft/ausstellungen/musik-aufs-auge/

Foto: Ute Harbusch


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