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Wie war’s beim Figuralchor in der Gedächtniskirche?

Lesezeit: 2 Minuten

Das hört man nicht oft: Der Figuralchor Stuttgart hat Martín Palmeris Tangomesse mit Passionsmusik von Dietrich Buxtehude kombiniert. Ute Harbusch hat ihm gelauscht und Petra Heinze davon erzählt.

Petra Heinze: Liebe Ute, du warst bei einem Konzert mit einer interessanten Dramaturgie. Wie war das gebaut?

Ute Harbusch: Angekündigt waren Martín Palmeris „Misa a Buenos Aires“ von 1996 und Dietrich Buxtehudes „Membra Jesu nostri“ von 1680, also Barock und Gegenwart, Norddeutschland und Lateinamerika, meditative Innerlichkeit und rhythmische Leidenschaft. Ich war gespannt auf die Reihenfolge: Würden die Stücke der Chronologie entsprechend aufgeführt oder der vermeintlich gewichtigere Buxtehude gar auf die leichtere Ouvertüre folgen? Meine Überraschung war groß, als im Konzert tatsächlich beide Werke miteinander verschränkt wurden: Die sieben Kantaten, die sich in die Leiden des Gekreuzigten versenken, wechselten mit den sechs Sätzen der lateinischen Messe im Tangogewand ab. Eine erstaunliche Idee und ein kühnes Experiment.

Petra Heinze: Wie hat der künstlerische Leiter Alexander Burda das umgesetzt?

Ute Harbusch: Er hat klar und präzise dirigiert und seine Musiker:innen sicher durch die Wechsel der Stile, die Wechsel von großem Tutti und kleiner Besetzung wie auch durch die hier wie dort nicht einfache Rhythmik geführt. Seltsamerweise kam aber durch die strenge wechselnde Abfolge Buxtehude – Palmeri – Buxtehude – Palmeri weder der eine noch der andere wirklich zu seinem Recht. Kaum war ich in den einen eingehört, musste ich ihn schon verlassen und die Ohren für den anderen öffnen. So konnte weder der barocke Kantatenzyklus seine meditative Steigerung entfalten noch wurde die plastische Ausdrucksvielfalt von Palmeris Messvertonung so recht deutlich. Zudem waren die Besetzungen fast identisch: Chor, Gesangssoli und Streicher, hier mit Continuo, dort mit Akkordeon und Klavier. Statt die Unterschiede der Klangwelten zu kontrastieren, hat die Aufführung diese eher nivelliert.  

Petra Heinze: Es gab auch ein Tango tanzendes Paar. Hat es den Ausdruck der Messe vertieft oder war es eher dekorativ?

Ute Harbusch: Sie haben gut getanzt und ihre Choreografie – verhaltene, langsame Schritte im Kyrie und im Agnus Dei, kunstvolle Bewegungen mit zahlreichen Hebungen im Gloria und im Credo – dem Gestus der Musik angepasst. Fünfmal trat das Duo in kurzen Interventionen auf, hat also das musikalische Geschehen nicht durchgängig verdoppelt, aber auch nicht durch eine zusätzliche Ausdruckebene kommentiert, sondern optische Akzente gesetzt.

Petra Heinze: Wie kamen die Solist:innen und das Instrumentalensemble zurecht?

Ute Harbusch: Dem Mezzosopransolo in der Tangomesse stand ein Gesangsquintett bei Buxtehude gegenüber. Die überwiegend jungen Solist:innen stehen am Anfang ihrer Karrieren und haben teils vielversprechende Stimmen, konnten sich aber nicht völlig frei und souverän über dem strengen musikalischen Grundgerüst bewegen. Bei den Instrumentalist:innen des semiprofessionellen Concentus Memorialis hätte ich mir ein entschiedeneres Umschaltspiel zwischen den beiden Musizierweisen gewünscht.

Petra Heinze: Und wie agierte der Chor?

Der große Laienchor mit einer starken Überzahl an Frauenstimmen hat das lange Programm engagiert absolviert und war mit Freude und Begeisterung dabei, wenn auch die Intonation und der ein oder andere Einsatz nicht lupenrein saßen. Hörbar lag den Sänger:innen Palmeris rhythmische, extrovertierte Fröhlichkeit näher als das verhaltene barocke Idiom. Gut taten dem Gesamtklang die erfreulich vielen jungen Stimmen. Vom Chorsterben ist der Figuralchor also, vielleicht gerade aufgrund seiner ausgefallenen Programmatik, nicht bedroht.

Foto: Figuralchor


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