„Radical Classical“ heißt das Motto: Sieben eigenwillige Choreografien zu klassischer Musik präsentieren die Nachwuchsstalente von Eric Gauthier im Theaterhaus. Dazu gibt es kurze Videos von Künstler:innen der Klassikszene. Unsere Autorin Angela Reinhardt war bei der Premiere.
Der klassischen Musik fehlt es bekanntlich an Nachwuchs, und nun setzt sich mit Eric Gauthier ausgerechnet einer für Beethoven & Co. ein, der mit seinen flotten Tanzprogrammen und seiner Popularität keinerlei Probleme mit einem gut durchmischten Publikum hat. Als „Connaisseurs“ sollen wir alle aus „Radical Classical“ kommen, sagte der Theaterhaus-Tanzdirektor bei der Premiere vor einem Publikum, in dem sich Stuttgarts Kultur-Elite und Tanzstars drängelten.
Allen Finanzlöchern zum Trotz ist seine zweite Kompanie von sechs auf acht Mitglieder gewachsen, was den Gauthier Dance Juniors tatsächlich ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Spitzenschuhe mit punkigen Metallstacheln zieren das Poster – der 80-minütige, pausenlose Abend ist speziell für ein junges Publikum gedacht, das nicht durch Ballett, sondern durch modernen Tanz zur Schönheit klassischer Musik gelockt werden soll.
Musik von Vivaldi über Ravel bis zu Johann Strauss
Zu diesem Behufe hat Gauthier sieben eigenwillige Choreografien zu Musik von Vivaldi über Ravel bis zu Johann Strauss zusammengesammelt, und er stellt jedem Werk ein kleines Filmporträt voran, in dem eine Sängerin, ein Pianist oder ein Dirigent von der Schönheit ihres Berufes erzählen. Mit glühender Liebe, einem Funken künstlerischen Irrsinns, mit einer Einführung zum nachfolgenden Werk und, das haben die drei Filmemacher Kai Thomas Geiger, Rainhardt Albrecht-Herz und Julian Walz wirklich fein gemacht, mit einem atmosphärischen Eindruck ihrer Wirkungsstätte, ob Musikhochschule, Geigenbauwerkstatt, Oper oder Konzertsaal. Alles in drei bis vier Minuten.
Mitten im Malsaal des Stuttgarter Opernhauses etwa sprudelt Mezzosopranistin Maria Therese Ullrich vor Begeisterung fürs Singen, Percussionistin Leonie Klein tanzt glückstrahlend im Studio zwischen ihren Trommeln. Der Countertenor Yuriy Mynenko vergleicht das Singen mit Beten, und Cello-Bauer Markus Steinbeck erzählt von „zwanzig Jahren Gänsehaut“ vor lauter Begeisterung für das schöne Melos, das nach der Vollendung aus dem Holzkörper tönt. Sie alle, auch Oboen-Professor Juri Vallentin und Dirigent Mark Mast, sprechen mit einer tiefen Überzeugung, die jeden Spotify-Süchtigen davon abhalten sollte, einfach die nächste Beliebigkeit anzuklicken.

Wie eine Cocktailparty, die nach Mitternacht extrem aus dem Ruder läuft, lassen sich die „Frühlingsstimmen“ von Andreas Heise an: Der Choreograf feiert die Lust an der Groteske, zum Koloraturwalzer von Johann Strauß hockt die glitzernde Meute einander auf den Körpern, wirft die Gliedmaßen in sämtliche Richtungen, tappt aufsässig über die Bühne – alles, nur kein seliges Gleiten übers Parkett.

Vaslav Nijinskys Solo zu „L’Après-midi d’un faune“ war bereits 1912 ein Skandal, die moderne Version von Marie Chouinard aus dem Jahr 1987 ist es noch viel mehr (und bringt dem Abend als erstem Gauthier-Programm eine Altersempfehlung ab 16 Jahren ein). Das seltsam-antike Relief-Gehen wie auf einem Fries stammt von Nijinsky, die weibliche Faunin ist aber nun wattiert und mit Nägeln gespickt; eines ihrer Hörner wird zum Penis, mit dem sie Lichtstrahlen begattet. Die junge Carolina Fernandes lässt die Unschuld des naiven Waldwesens über ihrer prägnanten Körperlichkeit schweben; fast zärtlich schmiegt sich Claude Debussys Musik um das unförmige Wesen. Männlich gelesen dagegen wird „Der sterbende Schwan“ zur elegischen Cello-Melodie von Camille Saint-Saëns: Ihn machte einst Anna Pawlowa zum Maßstab jeder lyrischen Ballerina, in der Version von Mauro de Candia rückt der Tänzer Rong Chang das Solo in eine eher nüchterne Moderne.

Ohad Naharin, der israelische Gott des Gaga-Stils, dampfte 2008 Maurice Ravels Bühnendauerschlager „Bolero“ auf eine achtminütige Version für zwei Amazonen ein und baute einen Schrägstrich in den Titel. Mit unmerklicher Kommunikation ziehen Ashton Benn und Naia Dobrota ihre Linien zu einer arg 1980er-lastigen Synthesizerversion von Isao Tomita.
„Küsse, Bisse“ verwechselte schon Heinrich von Kleists Penthesilea in mörderischer Weise, in Aszure Bartons zartem Duett „Lascilo Perdere“ (Bild ganz oben) aber zeigt ein vierminütiges Verbundensein durch ihren Biss in seine Zunge, wie ein junges Paar bei allem Trennungsschmerz doch sorgsam aufeinander acht gibt. Die Psalmenmusik von Antonio Vivaldi erdet ihren modernen Konflikt wie ein altes Ritual.

Sehr spontan entstand „Furia (For Gudrun)“ als einzige Uraufführung des Abends; Marco Goecke liebt Stuttgart und Gauthier Dance, da schiebt er sowas schon mal ein zwischen der Arbeit in Prag und Basel. Das Duo für Mathilde Roberge und Atticus Dobbie sucht die vergehende Zeit zu greifen und betrauert den Tod von Theaterhaus-Mitbegründerin Gudrun Schretzmeier. Wilde Folía-Varationen nach Marin Marais und Arcangelo Corelli inspirierten Goecke zu einem eher hellen, von seltsamen Rufen durchdrungenen Stück; die beiden Partner begegnen sich ohne viel Blicke zueinander, fast wie in geliehener Zeit.

Dass Eric Gauthier zum Schluss zum ersten Satz von Beethovens Fünfter Sinfonie seine eigene Uralt-Parodie „Orchestra of Wolves“ zeigt, wäre halb so schlimm, hätte nicht der Stuttgarter Pianist Maximiliam Schairer zuvor so wunderbare Sätze über diese Musik gesprochen. Was aber wirklich kaum zu verzeihen ist: Nach so viel denkwürdiger Klassik und so vielen schönen, bewegenden Worten darüber wummert zum Schluss der übliche Boom-tschakka-boom-Rausschmeißer aus den Boxen und mäht die eben gehörten Feinheiten nieder, quasi als Belohnung für die braven Schüler, die bis hier durchgehalten haben. Hätte man es nicht mit Rossini oder Jacques Offenbach versuchen können?
Fotos: Jeanette Bak
25. und 28. bis 31. Januar, 5. bis 8. März, www.theaterhaus.com


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