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Helmuth Rilling und die Gächinger Kantorei Stuttgart (Foto: Holger Schneider)

Zum Tod von Helmuth Rilling: Auf den glücklichen Inseln

Lesezeit: 3 Minuten

Er gründete einen Chor im Wohnzimmer auf der Alb und war weltweit als Dirigent und Pädagoge geschätzt. Nun ist Helmuth Rilling im Alter von 92 Jahren gestorben. Jürgen Hartmann schrieb eine Hommage an den Künstler, ursprünglich zu seinem 90. Geburtstag.

Als der Autor dieser Zeilen für die Bachakademie arbeitete, lernte er einiges – unter anderem, wo Gächingen liegt: auf der Schwäbischen Alb, in der Nähe von Lonsingen, gleich bei Dottingen, um die Ecke herum von Münsingen. Dass die Gächinger Kantorei, jahrzehntelang eine bekannte Größe auch der internationalen Musikwelt, vor fast siebzig Jahren in einem idyllisch abgelegenen Dorf gegründet und nach ihm benannt wurde, war Zufall: Dort stellte eben eine mit Helmuth Rilling befreundete Familie ihr Wohnzimmer für die ersten Proben und Singwochen zur Verfügung.

Als Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ab 2013 neue Akzente setzte, wurden Chor und Orchester der Bachakademie umgetauft, aber das längst historisch gewordene Lokalkolorit blieb in der „Gaechinger Cantorey“ erhalten. Das darf man, bei allen inhaltlichen Unterschieden, als Zeichen einer gewissen Treue zu den von Rilling geschaffenen Traditionen deuten.

Freundschaft und Treue scheinen erhebliche Züge von Helmuth Rillings musikalischer Arbeit und, soweit man es aus respektvollem Abstand erkennen durfte, auch seiner Persönlichkeit zu sein. Aus freundschaftlichem Musizieren, das gleichwohl ehrgeizig, ziel- und karrierebewusst war, erwuchsen 1970 das Oregon Bach Festival und gut zehn Jahre später die Bachakademie in Stuttgart, darüber hinaus eine weltweite Tätigkeit nicht nur als Gastdirigent, sondern ganz wesentlich auch als Pädagoge. Die Stuttgarter Bachwochen und Musikfeste waren von der Mitwirkung und Begeisterung junger Menschen geprägt, ebenfalls Kurse und Akademien von Südamerika bis Taiwan. Und für seine Konzerte schöpfte Rilling aus einem Pool von Solist:innen, die immer wieder zurückkehrten – eine gegenseitige Treue, die in vielen Aufnahmen dokumentiert ist.

Man mag darüber schmunzeln, dass zu Rillings Zeiten die Arbeit an der Bachakademie oder die Organisation des sommerlichen Festivalensembles immer auch etwas von einer Gemeinschaft am Lagerfeuer hatten. Der Ursprung des Ganzen in einem Wohnzimmer auf der Alb ließ sich eben nie völlig verleugnen! Aber Rilling wusste wie kaum ein anderer in seinem Metier die starke lokale Verankerung mit großem internationalen Appeal zu vereinen, und dass der von ihm maßgeblich geförderte Sänger Thomas Quasthoff ihn, der natürlich Hochdeutsch und perfekt Englisch spricht, in einem Buch als allzu gemütlichen Schwaben samt klischeehaftem Dialekt darstellte, muss den Dirigenten gekränkt haben.

Helmuth Rilling mit den ersten Mitgliedern der Gächinger Kantorei (1954, Foto: Bachkademie)

Auch die Begabung zum Netzwerken kam ihm zugute. Rilling kann sein Publikum, das manchmal einer Jüngerschaft ähnelte, ebenso umgarnen wie Menschen, die seine Arbeit fördern sollen. Unvergesslich ist, wie er von einem Gespräch mit dem Chef eines großen Energiekonzerns erzählte, den er (natürlich) „von früher“ kannte. Es ging an sich schon um eine erhebliche Summe, aber der von Rillings legendär stoischer Freundlichkeit beeindruckte CEO gab schließlich aus freien Stücken das Doppelte. Sein Beruf samt den vielen Nebenpflichten war wohl auch für Rilling ein Jungbrunnen. Man spürte es bei einer Matthäus-Passion mit dem Festivalensemble. Nie zuvor hatte man in diesem Werk das tänzerische Element so klar herausgehört, in kreativer Reibung zur Ernsthaftigkeit, mit der Rillings „junge Leute“ an die Passionserzählung herangingen.

Als Achtzigjähriger zog sich Rilling von Bachakademie und Oregon Bach Festival zurück, ausgezeichnet mit dem Echo Klassik für sein Lebenswerk, den er wahrscheinlich ebenso umstandslos in der Wohnzimmervitrine abgestellt hat wie die zahllosen anderen Preise im Laufe seiner Karriere. „Behangselschrank“ nannte er die Sammlung von Pokalen und Medaillen, was ganz typisch für seine Anschauung von Wirklichkeit war.

In einer Besprechung hatte er einmal gesagt, was er sonst nicht gerne sagte: Er wolle ein bestimmtes Werk „noch“ aufnehmen. Ausgerechnet um Verdis Requiem ging es damals, und natürlich kamen Konzert und Aufnahme dann auch zustande. 2010 wurde die Einspielung veröffentlicht und Verdi klingt dort intensiv italienisch, wie es sich gehört. Auch Brittens „War Requiem“ zählt zu seinen besten Aufnahmen, ebenso Rihms „Deus Passus“. Der große Komponist aus Karlsruhe hatte der Bachakademie einige Jahre zuvor nicht ohne titelgebenden Hintersinn ein Chorwerk namens „Insula felix“ gewidmet.

Eine glückliche Insel, ja, davon hatte Helmuth Rilling wohl gleich mehrere. Am 11. Februar ist der Dirigent und Pädagoge im Alter von 92 Jahren in seinem langjährigen Wohnort Warmbronn gestorben.

Fotos: Archiv Bachakademie (Gächingen 1954) und Bachakademie/Holger Schneider (Oregon Bach Festival 2004)


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