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Wie Susanne Benda zur klassischen Musik kam

Lesezeit: 2 Minuten

Foto: Victor S. Brigola

In unserer Sommerserie verraten die Kesseltöne-Autoren etwas aus ihrem Leben.

Als ich ein junges Mädchen war, lief sonntags zum Essen immer der Plattenspieler. Zum Frühstück: monumentaler Bach unter Karl Richter (und warum gab’s da eigentlich immer nur saure Stachelbeermarmelade?). Zum Mittagessen: Händel, Halleluja, auf Deutsch, wahrscheinlich auch unter Karl Richter, und mein Vater bekam immer zwei Stücke vom Braten. Zum Abendessen: Benny Goodman und Fats Waller (ja, nicht Domino), mein Vater liebte das, und warum steht wieder mal der Senf nicht auf dem Tisch? Davor oder danach: Canasta oder Rommé (beides sind keine Komponisten).

Ins Sinfoniekonzert durfte ich manchmal mit, wenn einer meiner Eltern nicht mitgehen konnte oder wollte, dann saß ich zwischen meiner Mutter oder meinem Vater und Tante Ingrid, die mit Vorliebe bei langsamen Sätzen Bonbons aus schrecklich lautem Knisterpapier auspackte. Mein Vater erzählte mir, dass Pauker unten auf dem Boden eine Maß Bier stehen haben und immer, wenn sie sich bücken, daraus einen Schluck nehmen. Das fokussierte meine Wahrnehmung und brachte mich zu meinem Gustav-Mahler-Erweckungserlebnis (die Sechste, mit den Kuhglocken).

Meine Oma, damals wohnhaft in der DDR, stand für mich stundenlang in Leipzig vor Plattenläden Schlange und schenkte mir dann Opernquerschnitte, das Schönste aus „Zauberflöte“ und „Freischütz“. Von meinem Taschengeld kaufte ich mir Kuscheltiere und eine Kassette mit Mozart-Klaviersonaten, gespielt von Wilhelm Kempff. Als das ZDF aus unserer katholischen Pfarrgemeinde einen Gottesdienst übertrug, sang ich die Solorolle in einem Singspiel über Noah. In dem Kübel begeisterter Zuschauerbriefe befanden sich etliche, die „dem Noah mit der Glockenstimme“ dringend ein Gesangsstudium ans Herz legten.

Wenig später machte ich ein Praktikum bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, und der Musikredakteur dort unterstellte mir Begabung für’s Fach. Eigentlich wollte ich Schriftstellerin oder Lehrerin werden, aber in gewisser Weise ist man das beides als Musikjournalistin ja auch. Ob sich mein musikalischer Geschmack aufgrund oder trotz meiner musikalischen Sozialisation entwickelt hat: Diese Frage bleibt, und sie ist ebenso ungeklärt wie bedrückend.


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