Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Wie war’s bei „Der Institution“?

Lesezeit: 3 Minuten

Blick auf „Die Institution“ in der Altenbergstraße, Foto: Dominique Brewing

Ute Harbusch und Petra Heinze wurden vom Spielplan des Theaters Rampe angelockt, der immer mittwochs ein „Schaudepot“ verspricht.  Sie dachten, es handele sich dabei um ein neues Corona-bedingtes Format, teils digital und teils hybrid gespeist. Das traf den Kern nicht ganz…

Petra Heinze: Liebe Ute, als wir am genannten Ort in der Altenbergstraße ankamen, holte uns ein netter Herr am Eingang ab zu einer Führung durch „Die Institution“. Als er erwähnte, dass die letzte Führung ganz woanders rauskam als er geplant hatte, dämmerte mir ein wenig, aber in Gänze erst am Ende der Veranstaltung: Ähnlich wie bei Vostells berühmtem Happening „In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“ sollten wir selbst Teil der Performance und der Ausgang offen sein. Manche Teilnehmer wurden damals auf einem Acker im Dunkeln ausgesetzt, andere in eine Kneipe bugsiert.

Ute Harbusch: Dass ein Vortrag anders und vor allem länger läuft als vom Vortragenden geplant, kann Absicht oder Versehen sein. Ich bin mir nicht sicher, woran es in unserem Fall lag. Wir haben außerdem Zwischenfragen gestellt und einen Espresso angeboten bekommen. Aber tatsächlich haben wir das Schaudepot, um dessentwillen wir gekommen waren, nach eineinhalb Stunden Führung und Gespräch nicht mehr selbst erprobt, mangels Aufnahmefähigkeit. Was ich dann doch schade fand. Oder hättest Du gerne noch die Performance „Norm ist Fiktion #1/2′“ von NAF nachgespielt?

Petra Heinze: Ich würde nochmal hingehen, um das zu tun. Aber wir haben ja auch viele Arbeiten erläutert bekommen. Worum geht es eigentlich? Wenn ich es richtig verstanden habe, will das Künstlerpaar Herbordt/Mohren, das in „Der Institution“ besagtes Schaudepot mit übersichtlichen Arbeiten von Künstler:innen als eine Art Bibliothek aufbaut, Institutionen erforschen und upgraden. In einem ehemaligen Handwerksbetrieb haben die beiden sich ein Mini-Theater geschaffen, in dem sie arbeiten, Gäste wie uns empfangen, Performances vorbereiten und durchführen sowie sich mit der Nachbarschaft vernetzen. Offenbar funktioniert dieses kleine Universum mittels Kooperation.

Ute Harbusch: Ja, „Infrastruktur“ schien mir der positive Gegenbegriff zu „Institution“ zu sein. Institutionen wie „die Kirche“ oder „das Theater“ seien altmodisch, groß, schwerfällig, letztlich ineffizient. Mittels künstlerischer Interventionen in den Bereichen Hierarchie, Kommunikation und Zeitabläufe versuchen Herbordt/Mohren, sie besser zu machen. Ihre eigene Institution arbeitet unhierarchisch und ohne Zeitdruck: Ein Kollektiv soll demnächst aushandeln, wo es künftig langgeht, und wenn die Programmierung noch nicht fertig ist, wird sie’s vielleicht nächste Woche.

Petra Heinze: „Die Institution“ stellt sich auch als Forschungsgegenstand zur Verfügung, um anderen Institutionen Erkenntnisse zu ermöglichen. Seit diesem Jahr erhält sie gar eine institutionelle Förderung durch die Stadt Stuttgart, was sicher ein großer Ansporn ist.

Ute Harbusch: Gerne würde ich noch einmal zum Schaudepot zurückkommen: Ein roter Vorhang hängt am Eingang, die Regale wurden von einem Bühnenbildner gebaut. Ich hatte den Eindruck, das Theater mit Bühne, Sitzreihen davor und Dach darüber wurde wie ein Popanz anzitiert, um es als Gegenbild schlechter aussehen zu lassen, als es tatsächlich ist. Denn Interaktion, öffentlicher Raum, offene Abläufe – das gibt es doch alles längst schon beim Theater. Oder woran lag die Besonderheit des Schaudepots?

Petra Heinze: Ich bin nicht sicher, ob das als Popanz gedacht ist: Die beiden lieben das Theater, aber es soll noch viel wandlungsfähiger werden und neue Organisationsformen wagen. Im Prinzip ist das Schaudepot ein klassischer Repertoirespielplan, sogar mit Kinderstück, aber einer, in den das Publikum eingreifen kann und soll: Ich selbst bestimme, ob und wann ich welches Stück sehe und auch, ob ich darin mitspielen will.

Ute Harbusch: Noch dazu kostenlos, mit frei zu vereinbarenden Terminen, und ein Geschenk haben wir auch jede noch bekommen. Aber mitspielen muss ich dort, nur Zuschauen geht nicht.

die-institution.org/



Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Sternstunde: Das Ensemble Il Rosario bei Stuttgart Barock
    Das biennal vom Musikpodium Stuttgart ausgerichtete Festival Stuttgart Barock ist mit „Magisches Florenz“ überschrieben. Ute Harbusch besuchte dort jedoch ein Konzert des Ensembles Il Rosario, das mit Barockmusik aus Innsbruck beglückte.
  • Verblüffende Qualität: Das Theater unter den Kuppeln
    Die deutsche Musicallandschaft ist auch durch eine Vielzahl von Amateurbühnen geprägt. Die Spannbreite reicht von begeisterten Schulklassen bis zu Ensembles mit hohem Anspruch wie dem Theater unter den Kuppeln. Angela Reinhardt stellt die Freilichtbühne auf den Fildern vor.
  • Das Frühlingsrätsel: Wer bin ich?
    Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, werde ich 2028 sterben. Dabei bin ich noch gar nicht so alt: 1970 erblickte ich das Licht der Welt am zentralsten Ort Stuttgarts. Gezeugt hatten mich drei Herren, die im Nachkriegsdeutschland einen modernen Kontrast zur historischen Umgebung schaffen wollten.
  • Wie war’s bei „Oh, die Frauen“ mit dem Philharmonia Chor?
    Mit Musik von der Renaissance bis heute huldigte der Philharmonia Chor im Weißen Saal des Stuttgarter Schlosses den Frauen. Hinzu kamen Texte, Solo-Gesang, ein Klavier und sogar Szenisches. Ute Harbusch war dabei und erzählte Petra Heinze davon.
  • Rondo vocale: Die Markuspassion mit neuen Worten
    Brauchen historische musikalische Werke wie Kantaten und Passionen neue Texte? Darauf antwortet der Chor Rondo vocale am Karfreitag mit einer besonderen Markuspassion nach J. S. Bach. Jürgen Hartmann hat mit dem Chorleiter Gereon Müller gesprochen.